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Erfolg von Katzenvideos:Flauschige Freakshow

Katzen sind egoistisch, sie haaren - aber wir sind ihnen verfallen. Besonders dann, wenn sie in lustigen Web-Videos auftauchen. Warum faszinieren uns Katzen? Weil sie Big Business sind? Weil wir gerne so wären wie sie? Eine Spurensuche zum Weltkatzentag.

Kulturhistorisch gesehen hatten es Katzen immer wieder unbequem. Um 1600 trennten Japaner ihnen den Schwanz ab. Sie fürchteten, er könnte sich in eine giftige Schlange verwandeln. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden sie als Dämonen verachtet, aufgehängt und verbrannt. In Flandern warfen Menschen die Tiere einst als Volksfest-Attraktion von Türmen und in Deutschland zog nach 1848 die Singvogel-Lobby gegen die Wildkatzen zu Felde.

Dagegen leben meine Kater im Paradies. Der Deckenberg auf der Couch ist ihr und nur ihr Revier. Die Katzentoilette ist jeden Abend picobello und beim Tierarzt haben mein Freund und ich in den vergangenen anderthalb Jahren ein Vermögen in Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen und eine Zahn-OP inklusive Vollnarkose investiert. Wenn wir in Urlaub sind, kocht die Nachbarin Kabeljau mit Reis. Irgendwann werden die beiden das Drogeriemarktfutter komplett verschmähen, ich werde erst Kitekat kaufen, es dann mit Whiskas versuchen, mit Sheba und schließlich selbst kochen.

Puma Felix Katzen

Die Wohnung - ein Paradies: meine beiden Kater.

(Foto: Tobias Dorfer)

Man muss kein Katzenbesitzer sein, um dem Charme der Fellknäuel zu verfallen. Und gerade deshalb muss man sich fragen: Wieso wird regelmäßig am 8. August Weltkatzentag gefeiert? Ist auf diesem Planeten nicht jeder Tag Weltkatzentag? Und warum lachen Millionen Menschen über Grumpy Cat und bejubeln Hero Cat aus den USA für ihren heldenhaften Einsatz gegen einen Hund, der einen Jungen ins Bein biss? Warum liebt das Netz (und nicht nur das Netz) Tiere, die sich nicht einmal Mühe geben, ihren Egoismus zu verbergen? Die in der gesamten Wohnung Haare hinterlassen und lieber das Sofa zerkratzen als den teuren Kratzbaum?

Jeder will eine Katze sein

Wissense, sagt Anneliese Hackmann, im Grunde will jeder Mensch eine Katze sein. Sie strahlen Ruhe aus, gleichzeitig sind sie beweglich, selbstbewusst - und haben immer genug zu essen. Warum sonst gibt es in jedem Bekleidungsgeschäft Blusen in Katzenoptik sowie Leopardenoberteile und Tigertangas?

'Cat Summer' Video Launch Party

Längst auch ein Star außerhalb des Webs: die notorisch miesepetrige Grumpy Cat.

(Foto: AFP)

Anneliese Hackmann muss so etwas sagen. Die 78-Jährige leitet den Weltkatzenverband "World Cat Federation" und ist quasi rund um die Uhr im Dienst der Katze unterwegs. Ein Wochenende China, dann Indien, schließlich Odessa. Vorträge halten, Reinrassigkeit bewerten, Lobbyarbeit machen. Als sie jüngst im Flieger nach Australien saß, titelten die Zeitungen: "The real Catwoman" kommt.

Hackmann kann erklären, warum Katzen so beliebt sind - über das Phänomen Katzenvideos rätselt sie selbst. Schauense, sagt sie, und in ihren fröhlichen rheinischen Singsang mischt sich für eine Sekunde eine Prise Empörung, auf den Kongressen hört einem keiner mehr zu. Ständig schauen die Leute auf ihre portablen Dinger. Man kann nicht normal mit denen reden. Ich sag' dann immer: Sind Sie noch ganz normal? Allerdings wird auch Anneliese Hackmann bald ein Smartphone haben, und wenn ihr jemand ein lustiges Bildchen schicke, dann gucke sie schon.

Es mag eine Generationenfrage sein. Vielleicht ist Anneliese Hackmann auch zu tief in der Katzen-Szene verwurzelt. Man kann verstehen, dass so jemand am Abend keine Lust mehr hat, sich durch Twitter zu klicken, und Youtube-Clips mit "Cuuuuuuuuuute" zu kommentieren.

Wer sich die Mühe macht, bei Youtube "Cat" einzugeben, erhält mehr als 45 Millionen Resultate, für die Babyvariante "kitten" sind es noch einmal 7,9 Millionen. In den USA beauftragte ein Verizon-Angestellter gar eine Firma, von China aus auf seinen Rechner zuzugreifen und seine Arbeit zu erledigen. Damit er in Ruhe Katzenvideos schauen konnte. Die erfolgreichsten Catcontent-Clips bei Youtube zeigen eine "Very Angry Cat", die ein Tierheim zusammenschreit (87 Millionen Aufrufe) sowie "The two talking Cats" - zwei Katzenbabies, die wie ein defektes Modem in den Neunzigern klingen. Fast 57 Millionen Klicks hat der 55-Sekunden-Clip gesammelt.