Arbeitgeber ausgetrickst:9 Uhr Katzenvideos, 13 Uhr Ebay, 17 Uhr Feierabend

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SZ extra

Katzenvideos am Arbeitsplatz: Wer erledigt dann die Arbeit?

(Foto: dpa)

Spionage? Oder gar Cyberkrieg? Netzwerkzugriffe aus China alarmierten eine US-Firma. Es war dann aber doch nur ein Mitarbeiter, der während seiner Arbeitszeit im Internet surfte - und einen Chinesen bezahlte, damit der aus der Ferne seine Arbeit machte.

Die Sicherheitsleute der US-amerikanischen Firma waren nervös. Schließlich hat ihr Arbeitgeber mit sogenannter kritischer Infrastruktur zu tun, dazu gehören Stromnetze, das Internet oder die Wasserversorgung. Das Firmennetzwerk meldete Merkwürdiges. Jemand aus China nutzte die VPN-Zugänge, mit denen eigentlich Angestellte von zu Hause aus arbeiten. Eine Prüfung der letzten sechs Monaten zeigte: Fast jeden Tag loggte sich ein mysteriöser User aus Shenyang ein. Diese Zugriffe, stellte sich heraus, waren keine Angriffe ausländischer Hacker, sondern der clevere Trick eines Angestellten, mit dem er ungestört im Internet Zeit totschlagen konnte.

Der Mitarbeiter hatte einen Chinesen angeheuert, der sich mit seinen Zugangsdaten über VPN im Bürorechner in den USA einloggte und seine Arbeit machte. Herausgefunden haben dies die Sicherheitstechniker des Internetanbieters Verizon. Die Firma hatte sie angeheuert, um den Computer des Mitarbeiters zu durchleuchten. Der Fall ist aus Sicht der IT-Sicherheitsexperten so ungewöhnlich, dass sie ihn anonymisiert in ihrem Firmen-Blog veröffentlichten. Sie nennen ihn "Bob" und schreiben über ihn:

Mitarbeiter-Profil - Software-Entwickler, Mitte 40, erfahren in C, C++, perl, java, Ruby, php, Python etc. Relativ lang beim Unternehmen, Familienvater, friedfertig und unauffällig. Jemand, den man nicht zweimal im Aufzug ansieht.

Bob - scheinbar ein Programmierer, wie ihn sich ein Unternehmer wünscht: zuverlässig, bodenständig, erfahren. In allen Bewertungen wurde er zum besten Entwickler im Gebäude erklärt. Doch in Wahrheit nutze er den Arbeitstag, um sich der Internet-Prokrastination hinzugeben. Bei Verizon heißt es:

Ein typischer "Arbeitstag" von Bob sah folgendermaßen aus:

9 Uhr - Ankommen und ein paar Stunden auf Reddit surfen. Katzenvideos schauen.

11.30 Uhr - Lunch essen

13 Uhr - Ebay-Time

Ca. 14 Uhr - Facebook-Updates, Linkedin

16.30 Uhr - Tagesbericht per E-Mail an das Management

17 Uhr - Heimgehen

Wenn Bob aber nur im Netz rumhing, warum war dann seine Arbeit immer erledigt? Die Antwort geben die Zugriffe aus Shenyang. Bob habe, schreiben die Verizon-Experten, "einfach seinen eigenen Job an eine chinesische Beraterfirma outgesourct". Und zwar nicht nur einen: Bob hatte mehrere Arbeitsverhältnisse, die er von der chinesischen Firma erledigen ließ. Er verdiente mehrere hunderttausend Dollar im Jahr, 50.000 Dollar überwies er nach Fernost.

Kevin Kelly, Philosoph der digitalen Welt und Autor eines Buch, das die Matrix-Filme inspirierte, ist fasziniert von dem Fall: Seit Jahren höre man im Silicon Valley "apokryphe Geschichten" über Computerarbeiter, die talentierte Menschen in Asien gegen Bezahlung ihren Job machen ließen. Aber jetzt gebe es endliche einen Beweis für den "süßen Betrug", von dem alle profitierten: Die Asiaten würden mehr Geld verdienen als in ihrer Heimat üblich. Der Firmenboss bekomme Top-Programmierkunst - und der Angestellte könne im Netz seine Zeit verschwenden. Kelly befindet: "Win, win, win für alle drei Seiten; alle glücklich." Darauf ein Katzenvideo.

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