Süddeutsche Zeitung

Erfolg von Katzenvideos:Flauschige Freakshow

Lesezeit: 6 min

Katzen sind egoistisch, sie haaren - aber wir sind ihnen verfallen. Besonders dann, wenn sie in lustigen Web-Videos auftauchen. Warum faszinieren uns Katzen? Weil sie Big Business sind? Weil wir gerne so wären wie sie? Eine Spurensuche zum Weltkatzentag.

Von Tobias Dorfer

Kulturhistorisch gesehen hatten es Katzen immer wieder unbequem. Um 1600 trennten Japaner ihnen den Schwanz ab. Sie fürchteten, er könnte sich in eine giftige Schlange verwandeln. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden sie als Dämonen verachtet, aufgehängt und verbrannt. In Flandern warfen Menschen die Tiere einst als Volksfest-Attraktion von Türmen und in Deutschland zog nach 1848 die Singvogel-Lobby gegen die Wildkatzen zu Felde.

Dagegen leben meine Kater im Paradies. Der Deckenberg auf der Couch ist ihr und nur ihr Revier. Die Katzentoilette ist jeden Abend picobello und beim Tierarzt haben mein Freund und ich in den vergangenen anderthalb Jahren ein Vermögen in Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen und eine Zahn-OP inklusive Vollnarkose investiert. Wenn wir in Urlaub sind, kocht die Nachbarin Kabeljau mit Reis. Irgendwann werden die beiden das Drogeriemarktfutter komplett verschmähen, ich werde erst Kitekat kaufen, es dann mit Whiskas versuchen, mit Sheba und schließlich selbst kochen.

Man muss kein Katzenbesitzer sein, um dem Charme der Fellknäuel zu verfallen. Und gerade deshalb muss man sich fragen: Wieso wird regelmäßig am 8. August Weltkatzentag gefeiert? Ist auf diesem Planeten nicht jeder Tag Weltkatzentag? Und warum lachen Millionen Menschen über Grumpy Cat und bejubeln Hero Cat aus den USA für ihren heldenhaften Einsatz gegen einen Hund, der einen Jungen ins Bein biss? Warum liebt das Netz (und nicht nur das Netz) Tiere, die sich nicht einmal Mühe geben, ihren Egoismus zu verbergen? Die in der gesamten Wohnung Haare hinterlassen und lieber das Sofa zerkratzen als den teuren Kratzbaum?

Jeder will eine Katze sein

Wissense, sagt Anneliese Hackmann, im Grunde will jeder Mensch eine Katze sein. Sie strahlen Ruhe aus, gleichzeitig sind sie beweglich, selbstbewusst - und haben immer genug zu essen. Warum sonst gibt es in jedem Bekleidungsgeschäft Blusen in Katzenoptik sowie Leopardenoberteile und Tigertangas?

Anneliese Hackmann muss so etwas sagen. Die 78-Jährige leitet den Weltkatzenverband "World Cat Federation" und ist quasi rund um die Uhr im Dienst der Katze unterwegs. Ein Wochenende China, dann Indien, schließlich Odessa. Vorträge halten, Reinrassigkeit bewerten, Lobbyarbeit machen. Als sie jüngst im Flieger nach Australien saß, titelten die Zeitungen: "The real Catwoman" kommt.

Hackmann kann erklären, warum Katzen so beliebt sind - über das Phänomen Katzenvideos rätselt sie selbst. Schauense, sagt sie, und in ihren fröhlichen rheinischen Singsang mischt sich für eine Sekunde eine Prise Empörung, auf den Kongressen hört einem keiner mehr zu. Ständig schauen die Leute auf ihre portablen Dinger. Man kann nicht normal mit denen reden. Ich sag' dann immer: Sind Sie noch ganz normal? Allerdings wird auch Anneliese Hackmann bald ein Smartphone haben, und wenn ihr jemand ein lustiges Bildchen schicke, dann gucke sie schon.

Es mag eine Generationenfrage sein. Vielleicht ist Anneliese Hackmann auch zu tief in der Katzen-Szene verwurzelt. Man kann verstehen, dass so jemand am Abend keine Lust mehr hat, sich durch Twitter zu klicken, und Youtube-Clips mit "Cuuuuuuuuuute" zu kommentieren.

Wer sich die Mühe macht, bei Youtube "Cat" einzugeben, erhält mehr als 45 Millionen Resultate, für die Babyvariante "kitten" sind es noch einmal 7,9 Millionen. In den USA beauftragte ein Verizon-Angestellter gar eine Firma, von China aus auf seinen Rechner zuzugreifen und seine Arbeit zu erledigen. Damit er in Ruhe Katzenvideos schauen konnte. Die erfolgreichsten Catcontent-Clips bei Youtube zeigen eine "Very Angry Cat", die ein Tierheim zusammenschreit (87 Millionen Aufrufe) sowie "The two talking Cats" - zwei Katzenbabies, die wie ein defektes Modem in den Neunzigern klingen. Fast 57 Millionen Klicks hat der 55-Sekunden-Clip gesammelt.

Katzen sind allgegenwärtig

Niedliche Tiere gibt es zuhauf im Internet. Der fliegende Igel Darcy hat auf Instagram mehr als 400 000 Follower und erst vor einigen Tagen feierte das Netz eine Robbe für ihre Surf-Fähigkeiten. Und doch ist kein Tier im Netz so allgegenwärtig wie die Katze. Alleine in Deutschland leben laut Industrieverband Heimtierhaltung 11,5 Millionen Katzen. Zum Vergleich: Die Zahl der Koalabären, auch nicht gerade hässlich, ist weltweit mittlerweile auf weniger als 100 000 geschrumpft. Da wundert es auch nicht, dass der "mutigste Koala Australiens" (Die Welt) sich - obwohl verletzt - zwar 90 Kilometer an einem Kühlergrill festhielt, aber dennoch eine mediale Eintagsfliege blieb. Auch "Paranoid Parrot", der Verschwörungstheoretiker unter den Papageien, und der "Bad-Joke-Aal", der im Netz grausam schlechte Witze verbreitet, sind eher Einzelkämpfer ihrer Gattung. Um etwas zu reißen, bräuchten sie schon einen extrem guten PR-Manager. Einen wie Ben Lashes.

Ben Lashes war Mitglied einer mittelmäßig erfolgreichen Band, er hat in der Musikindustrie für Künstler wie Rebecca Black gearbeitet und ist der wohl berühmteste Meme-Manager. Er hat Grumpy Cat unter Vertrag, Nyan Cat, Keyboard Cat und noch viele andere Internetberühmtheiten. Grumpy Cat, die dauermissmutige Katze, hat inzwischen ein eigenes Buch herausgebracht, ihr Gesicht ist auf einem Cappuccino-Drink zu finden, es gibt Werbeverträge mit einem Tierfutterhersteller und auch als Stofftier ist sie zu haben. Gut für Lashes: Er bekommt 20 Prozent der Einnahmen.

Katzen machen Kohle

Katzen im Netz sind also vor allem eines: Big Business. Ein großer Teil des gesamten Internet-Traffics entfällt heute auf das Senden, Posten und Anschauen von Katzenbildern und -Videos. Eine Werbeagentur aus Kanada mutmaßt gar, 2015 seien Katzen-Clips populärer als Pornografie und machten 90 Prozent des Web-Traffics aus.

Für die Kreativen im Netz ergeben sich neue Chancen. Jeder kann Geld verdienen. Das Prinzip: Youtube schaltet Werbung um die Clips und beteiligt Urheber an den Einnahmen. Bei dem gewöhnlichen Nutzer, der Meerschweinchen beim Futtern filmt, dürften so in der Regel Centbeträge hängen bleiben. Ein Video, das mehrere Millionen Klicks erreicht, kann seinen Urheber jedoch reich machen. Die Zahl der hauptberuflichen Youtuber, die von ihren Clips leben können, steigt und steigt.

Wie Profis agieren, zeigt Urs Kind. Der Doktorand am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft zeigt den Youtube-Clip "Epic Funny Cats 20 Minutes". Das Video, bis jetzt mehr als 32 Millionen Mal angeklickt, ist mit unzähligen Schlagworten versehen, die möglichst viele User auf das Filmchen führen sollen - darunter auch eher unpassende wie "Michael Jackson" oder "Justin Bieber Baby".

Das Angebot ist riesig, der Markt umkämpft. Deshalb gibt es Menschen wie Ben Lashes, der sich auch als Markenschützer versteht. Viele Fans und andere Leute versuchten, Grumpy Cat für ihre Zwecke zu nutzen, sagte der Meme-Manager zu The Daily Beast. Er kämpft für die Underdogs, sagt er. Fragt man Lashes, was ein Meme braucht, um viral durchzustarten, antwortet er: Es muss cool sein.

Katzen sind etwas Besonderes

Grumpy Cat ist definitiv cool. Meint Christiane Frohmann und die muss es wissen. Frohmann hat ein E-Book über Internetkatzen geschrieben, sie kennt alle wichtigen Meme und hat selbst einen Kater, der "Laser" heißt und unter der Hecke liegt, als Frohmann ans Telefon geht. Das Lieblingsmeme von Christiane Frohmann zeigt Grumpy Cat, sitzend auf dem Schoß von Jesus. Ich starb für deine Sünden, sagt Jesus. Good, erwidert Grumpy Cat.

Letztlich sind Katzenmeme eine verkappte Freakshow, sagt Christiane Frohmann. Grumpy Cat sieht ja nur deshalb so aus, weil sie behindert ist. Auch das weggetretene Gesicht und die heraushängende Zunge von Lil Bub sind eine Laune der Natur. Erstaunlich viele Meme-Katzen sind behindert, sagt Christiane Frohmann. Komisch: Sonst sind wir politisch so korrekt, Witze über Rollstuhlfahrer und Menschen mit Down Syndrom sind zu Recht geächtet. Aber wenn eine Katze ein schiefes Gesicht hat, lacht sich die halbe Welt schlapp.

Katzen sind wie kleine Kinder

Natürlich ist auch das Kindchenschema Schuld am Erfolg der Katzenvideos. Große Augen, kleines Kinn. Klar spielt eine Rolle, dass Katzen auf der ganzen Welt zu finden sind und dass jeder die Clips verstehen kann. Vereint im Unsinn, wie schön. Und mitunter wird sogar eine Botschaft transportiert, wie beim Meme "Confused Cats against Feminism", wo Katzen Macho-Sprüche veräppeln.

Man wüsste noch gerne, was Juliane Leopold zu dem Thema sagt. Leopold wird bald den deutschen Ableger von Buzzfeed leiten, der Website, deren Erfolg sich auch auf Artikel mit dem Titel "19 Katzen, die definitiv deinen Tod planen" oder "23 Katzen, die Baden mehr als alles andere hassen" gründet. Aber Leopold teilt mit, vor dem Start von Buzzfeed Deutschland wolle sie nichts sagen.

So bleibt das Gefühl, dass sich Leopold irgendwann neue Klickanreize suchen muss. Denn jeder Hype beruhigt sich irgendwann. Youtube, sagt Urs Kind, lege zukünftig mehr Wert auf High-Quality-Content und investiere in die Professionalisierung selbstgedrehter Homevideos. Und Grumpy Cat ist mit der Hilfe von Ben Lashes aus Youtube und Twitter längst herausgewachsen. Sie wird im Wahlkampf plakatiert - und als Kinostar demnächst endgültig massentauglich. Aber noch ist es nicht soweit. Wäre ich die NSA, ich würde das Netz mit Katzenvideos fluten, um die Menschen zu betäuben, sagt Christiane Frohmann.

Katzen haben die Singvogel-Lobby überlebt und das Brauchtum in Flandern. Die Hexenverfolgung konnte sie genauso wenig ausrotten wie Gammelfleischskandal, Vegetarier-Boom oder die Erfindung des Gartenschlauchs. Sie werden auch den Meme-Hype überstehen. Solange sie nur regelmäßig gefüttert werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2081919
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/leja/holz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.