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Vorwürfe gegen Dieter Wedel:Wedel wäre der deutsche Harvey Weinstein

Die Auftraggeber haben es toleriert, dass Wedel seine Opfer der Lüge bezichtigte; sie haben die Indizien für die Glaubwürdigkeit der Opfer vom Tisch gewischt und abgeheftet. Die Opfer haben die Gewalt und deren Vertuschung letztlich hingenommen und mit sich selbst ausgetragen - weil sie sich schämten und dachten, eh nichts bewirken zu können. Hier wirkt die "Me Too"-Bewegung befreiend; es ist keine Schande, missbraucht worden zu sein; es ist ein Frevel, gegen den sich Opfer wehren müssen.

Wenn die Vorwürfe gegen Wedel stimmen - und man muss aufgrund der Klarheit, der Vielzahl und der Dichte der Aussagen gegen ihn annehmen, dass das so ist - dann ist Wedel die Personifikation all dessen, was die "MeToo"-Bewegung anprangert. Wedel wäre dann der deutsche Harvey Weinstein, dessen Fall den Schauspielerinnen aus Wedels Filmen den Mut gegeben hat, spät an die Öffentlichkeit zu gehen.

Aus den veröffentlichten Dokumenten ergibt sich ein Vorgehen des Beschuldigten nach immer gleichem Muster: Es handelt sich demnach um einen Missbrauch im Fortsetzungszusammenhang, um Serientaten. Die Gleichgültigkeit von Produktionsfirmen, Rundfunk- und Fernsehanstalten den Opfern gegenüber kann man Beihilfe zum sexuellen Missbrauch nennen. Die Auftraggeber haben den Mann weitermachen lassen, haben ihm Aufträge erteilt. Sie haben seine Übergriffigkeiten, sein demütigendes Treiben und seine aggressive Geilheit als Ausdruck des Wedelschen Ingeniums toleriert.

Wenn Wedels Taten verjährt sind, ist auch die Beihilfe dazu verjährt. Aber Anstalten, die sich über öffentliche Beiträge finanzieren und die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, können sich nicht hinter der Verjährung verkriechen. Und die Unschuldsvermutung verbietet nicht Diskussion und Aufklärung.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die mit Wedel skrupellos ihre Geschäfte machten, sollten einen unabhängigen Untersuchungsbeauftragen einsetzen, der die Vorwürfe aufklärt - so wie dies die Jesuiten vom Berliner Canisius-Kolleg nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals getan haben. In der Selbstbeschreibung der ARD heißt es: "Unsere Angebote unterstützen eine kulturell, sozial und politisch versierte und kompetente Gesellschaft, fördern Teilhabe und das menschliche Miteinander." Daraus ergeben sich Pflichten.

Es ist richtig, dass sich die Unschuldsvermutung nicht in eine Schuldvermutung verkehren darf. Aber die Aussagen der Opfer sind so klar, dass es eine Schande wäre, die Dinge nicht aufzuklären.

© SZ.de/olkl

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