Dem Geheimnis auf der Spur Der Diskos von Phaistos

Womöglich ist die jahrtausendealte Scheibe sogar das früheste Druckerzeugnis mit beweglichen Lettern.

(Foto: imago)

Bis heute ist die berühmte Scheibe aus gebranntem Ton, die auf der griechischen Insel Kreta ausgegraben wurde, nicht entziffert.

Von Josef Schnelle

Als der Linguistikprofessor Gareth Owens 2014 bei der "TEDx-Konferenz Heraklion" vor einer Versammlung von Privatgelehrten und Fachwissenschaftlern ankündigte, er habe mit seinem Kollegen John Coleman von der Universität Oxford den "Diskos von Phaistos" endlich zu 90 Prozent entschlüsselt, erwartete die Zuschauer keineswegs ein Lesetext, sondern eine akustische Überraschung: "I Qe Ku Rija" begann eine weibliche Stimme in feinem Singsang wie aus dem Jenseits den in einem komplizierten Verfahren in eine synthetische Lautsprache übertragenen Inhalt der rund 3600 Jahre alten rätselhaften Tonscheibe vorzutragen, als sei es ein dreiminütiger Popsong aus der Antike.

Eine Art Gebet sei das, behauptete Owens, an die Göttin, deren Name schon in den ersten vier Silben gebildet sei aus vier der 242 Bildzeichen, basierend auf den 45 wiederkehrenden Symbolen etwa mit Pfeil und Bogen, Schiff, Pflanzen, Säge, Helm, Handschuh, einer Taube, einem stilisierten Bienenstock, einem auf der Schwanzflosse stehenden Fisch und einem Kriegerbildnis mit Federschmuck. Phonetisch habe man die schon teilweise enträtselten kretischen Schriften Linear A und Linear B genommen und nach Entsprechungen in der Schrift des Phaistos-Diskos gesucht.

Auch eine Notenschrift für ein Lied wurde auf der Scheibe vermutet

So gut das klang, so wenig überzeugend war auch dieser neue Versuch, mit Hilfe von computerlinguistischen Ansätzen endlich das Geheimnis der Scheibe zu lösen. Das haben auch rund 50 Versuche nicht geschafft, die seit 1911 unternommen wurden und abwechselnd eine Silben- oder Buchstabensprache, eine Hieroglyphensammlung vermuteten. Oder eine astronomische Karte, einen Jahrtausendkalender, einen Aufruf zum Kampf, die trotzige Überwindung einer Erdbebenkatastrophe oder gar eine Anleitung zum Liebesspiel hineininterpretierten. Je nach Lösungsansatz sei der "Text" in der damaligen kleinasiatischen Generalsprache Luwisch, in Urgriechisch oder in Minoisch oder gar "Außerirdisch" verfasst worden. Verschiedene Interpreten schlossen auch eine weitgehend sinnfreie literarische Spielerei nicht aus mit dem einzigen Zweck, keinesfalls enthüllbar zu sein. Auch eine Notenschrift für eine Komposition oder ein Lied wurde vermutet.

Vielleicht enthält der Diskos ja sogar die Urformel jeden Geheimnisses: Es könnte auch ein kecker Fälscherspaß sein. Klar ist: Der Entdecker war nicht einmal persönlich bei seiner Entdeckung anwesend, sein Team stieß auf den Diskos. Luigi Pernier wollte in Phaistos solche spektakulären Erfolge feiern wie sein Kollege Arthur Evans, der mit dem zu fantasievollen Übertreibungen neigenden Zeichner Emile Gilliéron die ästhetischen Standards der Begeisterung für die minoischen Kultur gesetzt hatte.

Am 3. Juli 1908 fanden Perniers Arbeiter in einem Berg aus Schutt und Keramik in einem Vorratsraum im alten nordöstlichen Palast der Anlage den "Diskos von Phaistos", eine gebrannte Tonscheibe von 16 Zentimetern Durchmesser, zwei Zentimetern Dicke mit spiralförmig angeordneten Bildzeichen auf beiden Seiten, die offenbar eingestempelt worden waren und keine Referenz zu irgendeiner bekannten Schrift aufwiesen. Diese Einzigartigkeit begründete den Ruhm der Scheibe, die - sollten jemals die Lettern zur Herstellung der in den Ton gedrückten Zeichen gefunden werden -, 3000 Jahre vor Gutenbergs Buchdruck die allerälteste Form eines Druckwerks mit beweglichen Lettern darstellen würde. Doch passende Stempel sind nie aufgetaucht, ebenso wenig wie andere Dokumente mit denselben Schriftzeichen. Pernier datierte seinen Diskus, abgeleitet vom Beifund, auf 1700 vor Chr.

Ist der "Diskos von Phaistos" am Ende nur die Erfindung seines Entdeckers?

Heute ist die Scheibe ausgestellt im wichtigsten Raum des archäologischen Museums von Heraklion, das sie mit dem Hinweis auf mögliche Beschädigung auch von jeder neuerlichen Untersuchung zwecks Zeitbestimmung fernhält. Es ist nicht einmal klar, ob der Diskos überhaupt aus Kreta stammt, was ebenso wie das Alter (die Schätzungen differieren um maximal tausend Jahre) zweifelhaft bleibt.

Bei einem Kretabesuch kann man dem rätselhaften Artefakt überhaupt nicht entgehen. Als Nachbildung mit angeklebtem Kühlschrankmagneten oder Briefbeschwerer ist der Diskos als Mitbringsel aus Kreta noch unvermeidlicher als die Pin-up-Figur der freibusigen "Schlangengöttin" oder der jugendstilartig stilisierte "Lilienprinz". Im Zentrum des Kultes um den Diskos steht aber das ungelöste Rätsel seiner Bedeutung. Schon die Leserichtung (von außen nach innen und im Uhrzeigersinn oder gegenläufig) führt zu unlösbaren Kontroversen, wenn es denn überhaupt etwas zu lesen gibt. Ganz zu schweigen von den 45 einzelnen Symbolen, die Gareth Owens wenigstens zum Klingen gebracht hat. Es gibt zwar Bezüge zur allgemeinen Ornamentik der Periode bis hin zur 8-blättrigen Rosette, mit der die Seite A abschließt, oder Schild und doppelter Wellenlinie zum Abschluss der Seite B. Doch sämtliche Symbole wurden nirgendwo noch einmal gefunden. Bis 1935 die Axt von Arkalochori auftauchte, die keine identischen Zeichen, aber doch sehr ähnliche eingeritzte Symbole wie etwa den "Männerkopf mit Federbusch" aufweist. Einzelne Zeichen sind der minoischen Linear-B-Schrift verwandt.

Oder ist der "Diskos von Phaistos" eine pure Erfindung von Luigi Pernier? Der hatte sich als Archäologe in Florenz sehr ausführlich mit etruskischen Fundstücken beschäftigt und dort schon nachweislich mit der kreisrunden Scheibe von Magliano, ebenfalls mit Schriftzeichen in Spiralanordnung, zu tun gehabt. An Anregungen zur Fälschung des Diskos bestand also kein Mangel, wie eine ZDF-Dokumentation von 2015 zeigt. Vielleicht ist die Suche nach dem Sinn der Scheibe sowieso ein Irrweg wie im Roman des Holländers Harry Mulisch "Die Entdeckung des Himmels", wo die Symbole des Diskos die Hauptfigur schließlich "Sinn verwirrend" dreidimensional umkreisen. Doch geht es bei Mulisch und bei der Verfilmung seines Buches durch Jeroen Krabbé im Kern darum, dass dubiose Mächte durch geschickte Manipulation den Urvertrag zwischen Gott und den Menschen wieder lösen wollen. Der Spur einer kreativen Sinnsuche folgte auch ein international angelegtes Projekt der Kunsthochschule für Medien in Köln 2014, bei dem Studenten aus aller Welt ganz neue zeitgenössische Symbole entwickeln durften. Das Ergebnis wurde in der Jesuitenkirche und Kunststation St. Peter ausgestellt. Da konnte man gewissermaßen auf einer aktualisierten Version des Diskos von Phaistos auf dem Kirchenboden herumlaufen.

Die kreative Spur des Rätsels ist also keineswegs erloschen, vielleicht folgen derartige Umsetzungen eher dem Andenken an das Werk eines großen "Rätselschöpfers" als alle Enträtselungsversuche, sei es tatsächlich ein religiöser Ritus oder eine fintenreiche Fälschung. 1939 erlag auch der Autor Henry Miller beim Besuch der Ruinen deren Verführung: "'Dort oben', erklärte der Chauffeur auf einen Felshang deutend, 'ist Phaistos'. Er hatte das Wort ausgesprochen. Es war wie ein Zauber. Phaistos birgt alle Elemente des Herzens." Das spürt man immer noch, wenn man, und sei es nur eine Nachbildung, diese Tonscheibe in Händen hält.