Das Broad-Peak-Speed-Projekt Wettlauf mit dem Tod

Der Plan war groß, die Vorbereitung perfekt - doch unterwegs bekamen Böhm und Haag Schwierigkeiten. Was am Broad Peak geschah. Mit den beiden letzten Videos.

Von Thomas Becker

Die Pressemitteilung ist kurz und klar: "Benedikt Böhm und Sebastian Haag sind aus dem Karakorum zurückgekehrt. Eine Speedbegehung des 8051 Meter hohen Broad Peaks war das große Ziel. Auf dem Vorgipfel (8026 Meter) mussten sie umkehren." Doch was sich hinter diesen wenigen Zeilen verbirgt, bietet Stoff für ein ausgewachsenes Buch. Eins über das Leben, über das Überleben.

Böhm und Haag am Vorgipfel des Broad Peak.

(Foto: Foto: oh)

An einem wunderbaren Sommerabend erzählen die beiden Bergsteiger auf der Praterinsel im Garten des Alpinen Museums mit dem Weißbier in der Hand ihre Geschichte, bei der es am Ende nicht mehr nur um zurückgelegte Höhenmeter und benötigte Stunden und Minuten geht, sondern um Grenzerfahrungen. Und um den Tod.

Lederhose im Basislager

Böhm und Haag, beide 31, kennen sich seit 20 Jahren. Sie wuchsen in Harlaching und Grünwald auf, Benedikt Böhm näherte sich den Bergen über das Langlaufen, war Mitglied beim Skiclub Hochvogel, rannte schon als Zehnjähriger immer wieder auf die Bodenschneid und landete von 2003 an für drei Jahre in der Skitouren-Nationalmannschaft.

Sein Spezl Sebastian Haag, mittlerweile Tierarzt, kam dank seiner Eltern, die beide Skilehrer waren, von der Abfahrtsfraktion. "Wir ergänzen uns prima", dachten beide. Einer ist bergauf stärker, der andere bergab. Am Broad Peak sollte es anders kommen.

Die beiden übertrugen den Skitouren-Rennlauf auf die höchsten Berge der Welt. 2004 begannen sie in China mit der ersten Speedbegehung eines Siebeneinhalbtausenders, zwei Jahre später folgte mit dem Gasherbrum II der erste Achttausender im Speed-Stil, der Sturm auf den 8163 Meter hohen Manaslu endete 700 Höhenmeter vor dem Gipfel.

Nun also sollte der Broad Peak bezwungen werden, 3300 Höhenmeter vom Basislager hinauf zum Gipfel auf 8051 Metern - und mit den Skiern wieder runter, über teils vereiste Hänge mit bis zu 50 Grad Gefälle. Das alles in 18 Stunden. So der Plan.

Anreise, Vorbereitungen und Akklimatisierung liefen perfekt. Sie waren fit, hatten trainiert wie die Wilden: pro Jahr fast 400.000 Höhenmeter. In 24 Stunden schafften sie 12.000 Höhenmeter. Im Basislager wuchsen Selbstvertrauen und Zuversicht mit jedem Tag. Basti mit lustigem Strohhut, Bene in der Krachledernen - fröhliche Bilder waren das. Bis das Wetter umschlug.

Das hieß: warten. Höchstens mal ein Aufstieg zu Lager II in 6200 Metern Höhe. Und immer wieder Telefonate mit Karl Gabl, dem Innsbrucker Wetterprofessor. Seine Prognose: Der beste von den schlechten Tagen ist der 17. Juli. In der Nacht davor marschierten sie los, um 22.15 Uhr, nachmittags um 16 Uhr wollten sie wieder zurück sein.

Ausgerüstet waren sie wie Tagesausflügler, die auf den Hirschberg wandern: Rucksack, drei, vier Liter Trinkwasser, 20 Energieriegel - Gewicht kostet Zeit, und davon wollen Speedbergsteiger möglichst wenig hergeben.

Das erste Missgeschick

Sie kommen schnell voran, passieren Lager II - da passiert das erste Missgeschick. Basti Haag ist fast der gesamte Wasservorrat ausgelaufen. Er ist patschnass, ärgert sich. Nun müssen sie die eh schon knappen Vorräte teilen. Nach knapp sieben Stunden sind sie in Lager III, auf 7200 Metern. Der nächste Rückschlag: Basti friert, ist müde, legt sich für eine Weile ins Zelt zum Aufwärmen und Ausruhen. Benedikt geht alleine weiter. Das war so ausgemacht, falls einer Probleme bekommt.

Bald schließt er zu einer Gruppe von Bergsteigern auf, die von Lager III aus aufgebrochen waren und für eine schöne Spur gesorgt hatten. Nun spurt Benedikt mit, was Zeit und Energie kostet. Derweil ist Basti aus dem Zelt gekrochen und stiefelt der Gruppe hinterher - in einem Höllentempo. Ein fataler Fehler. "Ich war viel zu schnell, hab' total overpaced", erzählt er, "und ich wollte unbedingt zu der Gruppe hinauf anstatt alleine abzusteigen."

Völlig erschöpft erreicht er nach insgesamt 16 Stunden die Gruppe mit seinem Kumpel Benedikt auf dem Vorgipfel des Broad Peak. Lächerliche 20 Höhenmeter sind es bis ganz hinauf, doch die führen über einen exponierten Grat. Außerdem ist es schon drei Uhr nachmittags - zu spät für den Gipfel.

Was noch viel stärker gegen die letzten Meter spricht, ist Bastis Zustand. Er ist völlig am Ende und sagt: "Bene, pass a bissl auf beim Runtergehen." Er meint: Pass bitte auf mich auf! So einen Satz hatte sein Kumpel noch nie von ihm gehört. Ihm ist klar: sofortiger Abstieg, Notübernachtung in Lager III, kein Risiko. Bastis Bruder ist schon in einer Lawine umgekommen. An eine Abfahrt auf Skiern ist sowieso nicht zu denken. Selbst die Kortison-Spritzen, die sich Basti durch sämtliche Hosen in den Oberschenkel rammt, entfalten keine Wirkung mehr.

Blutspur im Schnee

Mit auf dem Vorgipfel sitzt auch die italienische Bergsteigerin Cristina Castagna und ihr Seilpartner. Im Basislager hatten die Münchner Freundschaft mit der 31-Jährigen geschlossen. Als Basti und Bene absteigen, unternimmt sie noch einen Versuch, den Gipfel zu erklimmen, bricht diesen aber bald ab und kehrt um. Sie sollten sie dennoch nicht mehr wiedersehen. "Stunden später sahen wir im Schnee eine Blutspur und realisierten erst gar nicht, was das ist", erzählt Bene.

Cristina war mehrere Hundert Meter tief in den Tod gestürzt. Am Tag zuvor hatte noch ihre Mutter angerufen: "Komm nach Hause! Ich habe kein gutes Gefühl." Ihr Seilpartner kann sie nurmehr zudecken. Zu dritt steigen sie ab zu Lager III. Da Speedbergsteiger weder Zelt noch Schlafsäcke mitschleppen, teilen sie sich dort zwei Schlafsäcke. Einer davon gehört Cristina.

"Wir haben schon mal zwei Abgestürzte gefunden", erzählt Bene, "wir dachten: Die sind tot. Doch dann bewegte sich der eine plötzlich! Zehn Stunden später ist er in unseren Armen gestorben." Nach einer furchtbaren Nacht geht es am nächsten Morgen runter ins Basislager.

Basti ist wieder etwas fitter, ab 6200 Metern Höhe können sie mit den Skiern abfahren. Nach 39 Stunden kommen sie am Ziel an, 21 Stunden später als geplant, 15 Stunden ohne einen Tropfen Wasser. Ohne Rekord, mit ein paar mehr Falten im Gesicht. Beladen mit Eindrücken, die für ein ganzes Leben reichen.

Zurück in München gehen beide am nächsten Tag wieder zur Arbeit - und Bene am Abend noch auf die Bodenschneid.