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Drive-in:Abitur im Vorbeifahren

Die neue Durchfahr-Gesellschaft - Corona macht's möglich.

(Foto: Stefan Dimitrov)

Die Corona-Pandemie mit ihren Abstandsgeboten hat dem Drive-in zu neuer Beliebtheit verholfen. Alles Mögliche wird jetzt durchs Autofenster gereicht - vom Lebkuchenherz bis zur Klausurnote.

Großartig, dass es die Forscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gibt. Die haben soeben in einer Studie herausgefunden, dass "das Auto" der "Gewinner" der Corona-Pandemie sein könnte. Deutsche zwischen 18 und 82 Jahren sehnen sich wie schon lange nicht mehr nach einem Privat-Pkw. In diesem fahren sie dann zu Burger-Restaurants, Open-Air-Messen oder - wie einst John Travolta und Olivia Newton-John in dem Film "Grease" - ins Autokino. Es gibt aber auch noch andere fahrzeugtaugliche Freizeitfreuden.

1. Das Drive-in-Theater

Das Deutsche Theater in Göttingen lud kürzlich zum Drive-in-Schauspiel in die Tiefgarage. Kulturinteressierte Wagenlenker wurden hier an vier Stopps von Schauspielerinnen und Schauspielern mit grundlegenden Fragen des Lebens konfrontiert.

Vorteil: Auf dem Weg zur Hochkultur gehört die Suche nach einem Parkplatz zu den weniger schönen Dingen. Wie schön, wenn man bereits hier von seinen Bühnenhelden empfangen wird!

Nachteil: Früher hätte man natürlich auf die unzumutbaren Arbeitsbedingungen der Akteure infolge von Feinstaub und erhöhten Stickstoffwerten hingewiesen. Angesichts des virusbedingten Ausnahmezustands in der Kulturbranche aber ist das schon eher ein Luxusproblem.

2. Das Drive-in-Volksfest

Drive-In Beerfest Opens In Bavaria

Ob ein Drive-in-Bierfest wie hier in Erding so eine gute Idee ist? Alkohol am Steuer... richtig, da war doch was!

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Nachdem in Erding diverse Feste abgesagt werden mussten, findet am Festplatz nun noch bis Sonntag ein "Drive-in-Volksfest" statt. Dabei handelt es sich um die zeitgemäße oberbayerische Variante einer Idee, die der US-Amerikaner Jordan Martin in den 1930er-Jahren hatte: Einkaufen ohne aussteigen.

Vorteil: Schokofrüchte, Bier oder Schweinshaxen im eigenen Auto zu konsumieren, das lohnt sich für alle! Für die Wirte, weil sie anschließend weder Tische säubern noch den Boden kehren müssen. Für die Gäste, weil auch größere Sauereien nirgendwo peinlicher sind als im öffentlichen Raum.

Nachteil: Selbst in der bierseligsten Stimmung unterm baumelnden Wunderbaum sollte der Fahrer nie vergessen, dass er der Fahrer ist.

3. Der Bücher-Drive-in

Coronavirus - Stadtbibliothek eröffnet 'Drive-In'

Bücher aus der Böblinger Brandschutztüre - klingt diese Dreifach-Alliteration nicht selbst fast wie ein Buchtitel?

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Stadtbücherei Böblingen eröffnete kürzlich den angeblich ersten "Bücher-Drive-in" Deutschlands. Mit Mundschutz und Handschuhen wird hier dem Leser die Bestellung aus der Brandschutztüre heraus gereicht.

Vorteil: Bibliomanen sind selten gesellig.

Nachteil: Der Drive-in macht sie nicht gerade geselliger.

4. Die Drive-in-Disco

Irgendwie ein bisschen schwierig, im Sitzen die Hüften kreisen zu lassen. Szenen aus einer Auto-Disco in Thüringen.

(Foto: Jens Meyer/AP)

Vor wenigen Tagen lud das in Fachkreisen bekannte DJ-Kollektiv "Marburger Clubs united" zur ersten Auto-Disco Hessens. Vier Stunden lang durften die Besucher vom Fahrzeug aus den DJs auf der Bühne zusehen. Anschließend wurde der Film "Berlin Calling" gezeigt, in dem sich Paul Kalkbrenner im Drogenrausch die Kleider vom Leib reißt.

Vorteil: Bei (maximal) vier Personen im Wagen, heißer Musik und (verpflichtend) geschlossenen Fenstern beschlägt schnell mal die Scheibe. Da kann man von außen gar nicht mehr sehen, ob sich im Auto gerade jemand die Kleider vom Leib reißt.

Nachteil: Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit sowie die dadurch erhöhte Thrombose-Gefahr. Andererseits: Früher, auf dem Weg zum Paul-van-Dyk-Konzert auf Ibiza, da war's im Billigflieger auch nicht anders.

5. Das Drive-in-Klassik-Festival

In Borken geben sich derzeit Klassik-Stars wie Christoph Eschenbach, Justus Frantz und Martin Grubinger im Drive-in die Desinfektionsflasche in die Hand.

Vorteil: Endlich kann man ernsthafte Musik ohne das Geniese und Geraschel fremder Menschen hören.

Nachteil: Vielleicht hätte man in den vergangenen Jahren wenigstens mal in die Audio-Anlage des 20 Jahre alten Fiat investieren sollen. So klingt selbst Beethoven wie Tom Waits.

6. Die Drive-in-Mundschutz-Verteilung

Um die Masken-Versorgung der heimischen Bevölkerung sicherzustellen, haben die Feuerwehren von Krummennaab und Thumsenreuth kürzlich einen Masken-Drive-in eingerichtet. Dort wurden unter Wahrung des Mindestabstands bereits mehr als tausend Schutzmasken ausgegeben.

Vorteil: Gerade für diejenigen, die sich zuletzt fragten, wie sie denn bitte eine Packung Masken im Geschäft kaufen sollen, wenn sie dort nur mit Maske reinkommen, ist so ein Drive-in eine tolle Sache.

Nachteil: Noch toller wäre es, die Feuerwehrleute würden gleichzeitig Reifendruck und Ölstand prüfen sowie die Scheiben putzen. Doch dies könnte nicht nur in Krummennaab und Thumsenreuth zu größeren personellen Engpässen im Brandfall führen.

7. Der Computer-Shop-Drive-in

In den USA bietet Apple vor seinen Läden neuerdings "Curbside-Pick-up" (zum Bestellen) beziehungsweise "Curbside-Drop-off" (für Reparaturaufträge) an.

Vorteil: Wenigstens hier muss man sich nicht Fieber messen lassen - so wie in deutschen Apple-Stores oder an der Grenze zu Österreich.

Nachteil: Das Gefühl, Teil der großen Digital Design Community zu sein, ist auf so einem dämlichen Drive-in-Parkplatz natürlich dahin. Da kann man sich ja gleich was im Otto-Shop bestellen.

8. Der Abi-Drive-in

Am Gymnasium in Warendorf durften 160 Schüler ihre Abitur-Vorklausuren im Drive-in entgegennehmen. Die Schulleitung hatte sich gegen die Abholung im Schulbüro entschieden.

Vorteil: Sich von schlecht gelaunten Schuldienern in ungelüfteten Räumen ungerechtfertigte Noten aushändigen zu lassen, das war schon in Vor-Pandemie-Zeiten demütigend.

Nachteil: Da der Schulhofdienst derzeit durch den Mangel an strafverpflichteten Schülern brachliegt, könnte es im Lehranstalt-Drive-in zu schweren Verletzungen bei Skate- und Hoverboard-Benutzern kommen.

© SZ/nas
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