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Digitalisierung:Stiche fürs Leben

Impfstart in Koeln erste Bewohner von Pflegeheimen werden geimpft Symbolbild, Symbolfoto Impfpass mit einer Ampulle von

Lebensbegleiter mit internationaler Gültigkeit: der Impfausweis.

(Foto: imago images/Political Moments)

Das wichtigste Dokument 2021 ist der Impfausweis. Beim Durchblättern lernt man auch einiges über die eigene Biografie - und über Deutschland.

Von Christian Mayer

Der Impfausweis hat eine interessante Tönung, die dem Betrachter schon das erste Rätsel aufgibt: Ist er gelb oder einfach nur vergilbt? Und was soll uns diese Signalfarbe sagen, dass vielleicht Gefahr im Verzug ist, wenn wir nicht sofort handeln? Und dann dieses Papier, das sich vertraut und doch fremd anfühlt: ein Relikt jener scheinbar unbeschwerten Epoche vor der Digitalisierung, in der man alle möglichen verschrumpelten Ausweise brauchte, die man unaufgefordert vorzuweisen hatte. Natürlich an erster Stelle der Führerschein, in dem noch das Jugendfoto aus dem Automaten klebte, eine Reminiszenz an spätpubertäre Frisuren und Brillen von ausgesuchter Scheußlichkeit. Und daneben all die anderen kleinformatigen Pappen, um in Arbeitsstätten, Bibliotheken, Schwimmbädern, Skiliften und Diskotheken vorgelassen zu werden - Zeugnisse der eigenen Existenz, die gerne mal hinterfragt wird.

Und jetzt also noch einmal ein erstaunliches Comeback des Analogen im Digitalen, die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigen: Der Impfausweis führt uns dieses Paradox vor Augen. Denn auch wenn die Anmeldung zur Corona-Schutzimpfung in der Regel online erfolgt und die Pandemie neben vielen anderen unerfreulichen Dingen immerhin einen digitalen Schub in Deutschland ausgelöst hat, vertraut die deutsche Gesundheitsbürokratie noch immer auf die Papierform und den handgeschriebenen Eintrag des zuständigen Mediziners.

Man wähnt sich, wenn man den Stempel des Impfzentrums mit einem wohligen Schauder der Erleichterung betrachtet, beinahe wieder in der Kindheit, als Telefone noch Wählscheiben hatten und Computer so groß wie Elefanten waren. Und wer ein gewisses Alter hat, erinnert sich sogar noch an die alten elfenbeinfarbenen Faltausweise, die in der alten Bundesrepublik und in der DDR erstaunlich ähnlich aussahen - das Abstempeln jedes einzelnen Bürgers in Ost und West gehörte nun mal zu den Kernaufgaben der deutschen Bürokratie, die lange im Ruf stand, alles unter Kontrolle zu haben.

Jeder ordentlich ausgefüllte Impfpass erzählt eine persönliche Negativgeschichte. Er listet die Krankheiten auf, die man zum Glück nie gehabt hat. Masern, Mumps, Röteln, Tetanus, Tuberkulose, Frühsommer-Meningoenzephalitis, Hepatitis A und B, Grippe und Co., das ganze Programm, manchmal ergänzt von Gelbfieber und Cholera, wenn man sich vor Fernreisen absichern wollte gegen die Gefahren, die überall lauern. Aber das war in der Welt vor der großen Pandemie, als man das gelbe Buch mit dem schönen Titel "Internationale Bescheinigungen über Impfungen" selbst nicht sonderlich ernst nahm und die Virologie noch nicht im Alltag angekommen war.

Wo ist er, wenn man ihn ganz dringend braucht?

Als Hüter des Ausweises fungierten früher meist die Mütter, die das Dokument sorgfältig aufbewahrten und für jede Nachimpfung aus der Klarsichtfolie hervorholten. Bis man selbst eines Tages Verantwortung für sein Leben übernehmen sollte, auch in medizinischer Hinsicht. Etwa für die Tetanus-Auffrischung, die man plötzlich ganz dringend brauchte, weil man sich dummerweise beim Holzhacken diese fette Schnittwunde im Oberschenkel zugefügt hatte und man den beginnenden Wundstarrkrampf schon gleich nach der Verletzung zu spüren glaubte.

In solchen Momenten allerdings passierte das, was jetzt auch wieder sehr vielen Leuten passiert, die einen Covid-19-Impftermin haben: Der Impfausweis ist nie dort, wo man ihn vermutet, er ist ein Bastard der Unauffindbarkeit. Meist steckt er in irgendwelchen Schubladen, verstaubten Ordnern, entlegenen Ecken des Wohnzimmers, irgendwo zwischen den Bonusheftchen vom Zahnarzt, alten Haustier-Pässen und Steuerbescheiden. Oder er ist tatsächlich verschwunden, dann geht das Theater erst recht los, weil man sich vom Hausarzt die früheren Impfungen nachtragen lassen muss, wenn man sie überhaupt noch rekonstruieren kann.

Aber bald könnte das Suchen und Warten ja ein Ende haben. Der gelbe Lappen mit dem Signet der Weltgesundheitsorganisation ist spätestens dann überholt, wenn sich die EU-Mitgliedstaaten auf einen einheitlichen Corona-Impfausweis geeinigt haben. Ein solches Dokument könnte, versehen mit einem fälschungssicheren QR-Code, als Einlasskarte für Reisedestinationen, Restaurantbesuche und Konzerte dienen. Der digitale Impfausweis auf dem Smartphone wäre das Ticket in die Freiheit - und hätte den Vorteil, dass man nie mehr lange suchen muss. Ob die deutschen Behörden das hinkriegen?

Den alten Impfausweis kann man sich dann rahmen lassen und im Wohnzimmer aufhängen. Als Erinnerung an die vielen kleinen Stiche, die man im Leben braucht.

© SZ/chrm
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