Dem Geheimnis auf der Spur:Perfekt verschlüsselt

Lesezeit: 3 min

Dem Geheimnis auf der Spur: Der Autor, Edward Powys Mathers, entwickelte damals auch sehr beliebte Rätsel für den "Observer".

Der Autor, Edward Powys Mathers, entwickelte damals auch sehr beliebte Rätsel für den "Observer".

(Foto: Hester Sainsbury)

Sechs unbekannte Leichen, ein Eselsknochen - und alle Seiten des Buches sind in der falschen Reihenfolge: Der raffinierte Roman "Cain's Jawbone" von 1934 gilt als der schwierigste Krimi der Welt.

Von Sofia Glasl

Es gibt Rätsel, deren Lösung auch detektivische Schwergewichte an ihre Grenzen bringt. Ein Zug voller Leichen, gekränktem Stolz und Familientragödien wären für geübte Ermittler wie Miss Marple und Hercule Poirot sicherlich ein Klacks. Doch was, wenn es nicht nur darum geht, einen Mörder zu finden, sondern auch die dazugehörige Leiche entdeckt werden muss? Und das nicht nur einmal, sondern gleich sechsfach innerhalb eines Romans?

Mit dieser Aufgabe bekommt es ein jeder zu tun, der sich mit dem Krimi "Cain's Jawbone. A Novel Problem" auseinandersetzt, betitelt nach der wohl ersten literarischen Mordwaffe: einem Eselsknochen, mit dem Kain seinen Bruder Abel angeblich erschlug. Der beinahe unschuldig anmutende Untertitel ordnet das Buch zwar korrekterweise als Rätselroman ein, doch den Schwierigkeitsgrad erfasst er sicherlich nicht. "Cain's Jawbone" wurde in den 88 Jahren seit seiner Veröffentlichung nur viermal gelöst.

Der Roman erschien 1934 als Teil eines Rätselbuchs mit dem Titel "The Torquemada Puzzle Book" im Londoner Verlag Gollancz, der unter anderem auch Daphne du Mauriers "Rebecca" und John le Carrés "Schatten von gestern" erstveröffentlichte. Das makabre Pseudonym des Autors spiegelt seine Freude daran, andere mit seinen Gedankenspielen zu martern: Tomás de Torquemada war einer der Drahtzieher der spanischen Inquisition. Hinter dem Pseudonym steckte Edward Powys Mathers, damals in England bereits ein geschätzter Übersetzer und Lyriker, der jedoch in einer anderen Funktion zu einem gewissen Ruhm gelangt war: als Rätselautor für die britische Zeitung The Observer. Für diese entwickelte er sogenannte "Cryptic crosswords", also Kreuzworträtsel, die nicht einfach Lexikonwissen abfragen, sondern Logikprobleme oder Wortspiele beinhalten, die sich nur mit kreativen Lösungsansätzen erschließen. Seine Rätsel waren so beliebt, dass wöchentlich mehrere Tausend Leser und Leserinnen ihre Lösungen einsandten.

Anfangs schafften es nur zwei Leser, das Rätsel zu lösen

Für die richtige Lösung von "Cain's Jawbone" schrieb der Verlag 1934 ein Preisgeld aus - 15 Pfund, was einer heutigen Summe von rund 1000 Pfund, also 1200 Euro, entspricht. Gesucht waren jedoch nicht nur die Namen der Mordopfer und die dazugehörigen Verbrecher, sondern etwas viel Essenzielleres: die richtige Reihenfolge des nur 100 Seiten umfassenden Romans, denn die Seiten waren in willkürlicher Abfolge gedruckt. Gemeinerweise beginnen alle Seiten mit einem Satzanfang und enden mit einem Punkt, was das Aneinanderstückeln um einiges erschwert. Gewiefte Mathecracks werden direkt sehen: Bei 100 beliebig miteinander kombinierbaren Seiten schnellt die Anzahl der Möglichkeiten in die Millionen hoch. "Trial and Error" wäre also eine recht langwierige Option.

Im ursprünglichen Preisausschreiben lösten zwei Personen das Rätsel: Ein gewisser Sydney-Turner und ein W.S. Kennedy reichten zeitgleich das richtige Ergebnis ein. Der Observer veröffentlichte die Lösung allerdings nicht und sie ging verloren. Das Rätsel geriet in Vergessenheit, bis ein Verleger 2018 einen Familienbesuch in North Yorkshire machte: John Mitchinson vom unabhängigen Londoner Verlag Unbound besichtigte auf seiner Reise auch die Shandy Hall, den einstigen Wohnsitz des Schriftstellers Lawrence Sterne, dessen "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" als Vorreiter des modernen Romans gilt. Das Haus ist mittlerweile ein Museum, Mitchinson verstand sich mit dem hiesigen Kurator blendend und gemeinsam setzten sie sich in den Kopf, den Rätselroman neu aufzulegen. In seiner experimentellen Grundidee stehe er ganz im Geiste Sternes, da waren sie sich einig, noch bevor sie die Lösung kannten.

Inzwischen versuchen sogar schon Tiktok-Kanäle den Fall aufzuklären

2019 veröffentlichte Unbound den Roman erneut, diesmal mit einem Preisgeld von 1000 Pfund - und tatsächlich: Im November 2020 reichte der britische Comedian und Schauspieler John Finnemore die richtige Lösung ein und gibt seither gerne zu Protokoll, dass ihm der erste Lockdown hier in die Karten spielte: Vier Monate zu Hause eingesperrt und schon habe er das Rätsel geknackt gehabt. Finnemore bestätigt, dass Powys Mathers nicht nur einen ausgeklügelten Kriminalroman vorgelegt hat, sondern dass die Idiome der Dreißigerjahre, die um mehrere Ecken gedachten Wortspielereien und literarischen Referenzen heute ohne die Recherchemöglichkeiten des Internets kaum durchdringbar seien.

Das glaubt man ihm sofort, denn selbst nach mehrfachem Lesen der Puzzleteile, erschließen sich nur wenige Gewissheiten: Der Ich-Erzähler scheint im einen Moment selbst Schriftsteller zu sein, dann aber auch nur in Besitz des Lieblingsstifts eines Lyrikers, der womöglich eines der Mordopfer ist. Oder eines natürlichen Todes verstarb, wer weiß das schon so genau. Ebenso wenig kann man mit Sicherheit sagen, ob die so oft genannte Figur Henry ein Freund des Erzählers, sein Butler oder gar ein Hund ist, mit dem er einfach viel spricht. Vermutlich sitzt man aber in mindestens einer der Annahmen einem Wortspiel auf, ohne es zu merken. Der einfachste Ansatzpunkt sei, so Finnemore, die im Text verstreuten skurrilen Gedichte zusammenzufügen und inhaltlich zu entschlüsseln. Von dort aus ergäben sich dann weitere Spuren und Hinweise.

Der Lockdown hat wohl nicht nur ihn ins Rätselfieber versetzt, denn mittlerweile gibt es sogar Tiktok-Kanäle, die Lösungsversuche dokumentieren, und Unbound hat eine weitere Auflage gedruckt. Im aktuellen Wettbewerb, der noch bis Ende des Jahres läuft, erhalten alle richtigen Einsendungen einen Büchergutschein. Der Verlag wird vermutlich nicht damit rechnen, dadurch pleitezugehen - gäbe es viele Knobler, die auf die Lösung gekommen sind, sie wäre vermutlich online schon irgendwo geleakt.

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