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Behinderung und Inklusion:"Je weniger Small Talk, desto besser"

Autisten sind auch nur Menschen, verhalten Sie sich erstmal ganz normal. Nehmen Sie es aber nicht persönlich, wenn der Autist das nicht genauso macht. Wenn er zum Beispiel zur Begrüßung nicht die Hand gibt, Ihnen nur kurz oder gar nicht in die Augen schaut oder beim Small Talk eher einsilbig reagiert. Man kann viele Probleme vermeiden, wenn man den Autisten so akzeptiert, wie er ist, und ein wenig Achtsamkeit walten lässt.

Über Small Talk und Ironie

In Gesprächen mit autistischen Menschen gilt grundsätzlich: je weniger Small Talk, desto besser. Das ist schwer, weil er oft Teil unserer Kommunikation ist. Angenehm wird Small Talk für Autisten dann, wenn das Gegenüber merkt, dass man nicht viel sagen kann oder möchte, es akzeptiert und selbst mehr Gesprächsanteile übernimmt. Oder wenn man einen Schritt weitergeht und über Dinge spricht, die für beide Gesprächspartner von größerem Interesse sind als das Wetter oder die Anreise. Fragen Sie einfach nach einem Thema, wenn es nicht ohnehin schon aus dem Anlass des Treffens heraus ergibt. Ansonsten: Unser Schweigen ist auf alle Fälle nicht böse gemeint.

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Aleksander Knauerhase

(Foto: Johannes Mairhofer)

Lassen Sie Anspielungen und ironische Bemerkungen gegenüber Autisten bleiben, sonst entstehen durch Missverständnisse peinliche Situationen für beide Seiten. Zumindest, wenn Sie sich nicht gut kennen. Je vertrauter sie mit einem Menschen sind, desto besser können auch viele Autisten Ironie erkennen.

Über Blickkontakt und Bussibussi

Blickkontakt kann man suchen, darf aber nicht erwarten, dass der Autist das auch tut. Manche schauen ganz weg, manche knapp an den Augen vorbei, manche können den Blickkontakt halten. Körperliche Berührungen sind oft ein Problem. Handeschütteln machen viele Autisten nur mit, weil es von ihnen erwartet wird. Umarmungen sind aber nur angemessen, wenn der Autist sie von sich aus anbietet. Gleiches gilt für die Küsschen auf die Wange. Einen Autisten ungefragt anfassen, zum Beispiel an Schulter oder Arm, ist nicht ratsam. Im Zweifel, so ungewohnt das für manche auch sein mag, bitte immer vorher fragen, wenn sich die Berührung nicht vermeiden lässt.

Über gesellige Abende

Für mich persönlich wird es immer dann schwierig, wenn ich nicht abschätzen kann, was man - gesellschaftlich gesehen - von mir erwartet. Vor kurzem war ich zum Beispiel auf einem geselligen Abend bei einer großen Tagung. Ich war mir unsicher, ob die Sitzplätze zugeteilt waren oder ob freie Platzwahl war. Also stand ich etwa zehn Minuten hilflos herum, konnte mich nicht überwinden, jemanden anzusprechen, traute mich aber auch nicht, mich einfach irgendwohin zu setzen.

Hinzu kommt: Zwei der Veranstalter begrüßten einige andere Gäste und führten sie zu ihren Tischen, aber ich wurde nicht wahrgenommen. Das war schade, zumal es sich um eine Fachtagung zum Thema Autismus handelte. Ein "Können wir Ihnen helfen?" wäre schön gewesen. Im Zweifel sollte man Autisten von sich aus ansprechen, nachfragen, Unterstützung anbieten, weil es ihnen oft schwer fällt, darum zu bitten oder überhaupt auf fremde Menschen zuzugehen.

Über Lärm und Stress

Generell kann man sagen: Je mehr unterschiedliche Geräusche vorhanden sind und je mehr Gespräche um einen Autisten herum geführt werden, desto schwerer wird es für ihn. Er fühlt sich überlastet, ein Gespräch wird für ihn sehr anstrengend. Wenn Sie das bemerken, bieten Sie entlastende Alternativen wie zum Beispiel eine ruhigere Umgebung an. Wenn sich ein Autist nicht wohlfühlt, können Sie das - zum Beispiel durch Stresssymptome wie einen nervösen Blick oder Schweißausbrüche - in der Regel bemerken. Wenn der Autist grob wird und Sie beleidigt, können und dürfen Sie auch Kontra geben. Auch Autisten können Arschlöcher sein, wie alle anderen Menschen auch.

Über vermeintliche Störungen und Outings

Für Psychologen ist es eine Störung, für Ärzte eine Krankheit, für den Staat eine Behinderung und für viele Menschen ist man von Autismus "betroffen". Es gibt genügend Gründe, die eine oder andere oder sogar alle Bezeichnung abzulehnen. Am besten ist das schlichte, sehr einfache und wertfreie: Autist oder Autistin.

Wenn der Autist selbst offen damit umgeht und man beispielsweise von ihm erfahren hat, dass er Autist ist, kann man ihn ruhig darauf ansprechen. Wenn Fragen unangenehm werden, wird er es sagen oder zeigen. Ich freue mich, wenn ich danach gefragt werde, zumindest wenn sich jemand wirklich interessiert. Etwas anders verhält es sich bei Autisten, die quasi durch ihre Eltern geoutet wurden. Hier kann es sein, dass es dem Autisten unangenehm ist. Der größte Fehler, den man machen kann, ist - auch bei Kindern - in seiner Anwesenheit mit seiner Begleitung oder seinen Angehörigen über ihn zu sprechen, als wäre er nicht da. Bedenken Sie auch immer: Autismus ist zwar ein wichtiger Teil des Autisten, er besteht allerdings nicht nur aus Autismus.

Aleksander Knauerhase, 40, Blogger, Autor, Referent, Autist