Behinderung und Inklusion "Stuhlkreise sind die Hölle"

Es ist wie bei einem Alkoholiker, der nicht mehr trinkt: Stotterer bleibt man sein Leben lang. Auch wenn man es gerade im Griff hat, Stottern kann jederzeit zurückkommen. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, Stottern kann auch eine Behinderung sein. Aber eine, die man - im Gegensatz zu Rollstuhlfahrern - leichter verstecken kann. Viele Stotterer sind sehr geschickt darin nicht aufzufallen, indem sie beispielsweise Laute vermeiden, die ihnen schwerfallen, oder "Denkpausen" einbauen. Von außen bekommt man das oft gar nicht mit.

Wo es Probleme gibt, ist sehr individuell. Jeder hat seine Kandidaten, die Probleme bereiten. Oft sind das die plosiven Laute wie "t" oder "p", bei mir zur Zeit gerade wieder das "w", aber das wechselt. Auf jeden Fall ist Stottern stressbedingt und tritt vermehrt auf, wenn sich der Stotternde unter Druck fühlt. Zu Hause im stillen Kämmerchen stottern die wenigsten.

Über das Warten

Wer sich mit Stotterern unterhält, braucht mitunter Geduld, aber so viel Respekt sollte man seinem Gesprächspartner entgegenbringen. Besonders unangenehm ist es, wenn der Andere die Augen rollt oder einem immer wieder ins Wort fällt, weil er glaubt zu helfen, indem er den Satz zu Ende spricht. Aber in der Regel ist das einfach nervig, zumal das Gegenüber ja nicht genau weiß, was ich sagen will. Ich muss dann ergänzen oder richtigstellen und das dauert mindestens genauso lang, wie wenn er mich einfach hätte ausreden lassen.

Wenn der Stotternde mit einem Wort kämpft, versuchen Sie Blickkontakt zu halten, auch wenn der Stotternde wegschaut. Schauen Sie nicht fragend und signalisieren Sie auf keinen Fall so etwas wie "Jetzt mach doch mal". Bleiben Sie freundlich, warten Sie - warten ist eigentlich das Beste, was man machen kann. Es gibt Extremsituationen, wo ein Stotterer ein Wort partout nicht über die Lippen bringt. Dann ist er froh, wenn der Gesprächspartner hilft. Das gilt aber nur, wenn der Betroffene allergrößte Mühe hat und der Gesprächsfluss länger als eine Minute hängt.

Über Bewerbungsgespräche

Gerade weil Stottern unter Stress stärker wird, müssen sich Betroffene in den ungünstigsten Situationen damit rumschlagen - etwa bei Bewerbungsgesprächen, wo es auf den ersten Eindruck ankommt. Ich empfehle, das Stottern zwar nicht in der schriftlichen Bewerbung zu erwähnen, aber es am Anfang des Vorstellungsgesprächs anzusprechen. Das entlastet, und in der Regel kann man es eh nicht geheimhalten. Man kann dem Personaler beispielsweise sagen: Ich bin Stotterer, kann aber gut damit umgehen, und wenn Sie Fragen haben, fragen Sie mich gerne. Denn das größte Problem ist, wenn der Gesprächspartner verunsichert ist und den ohnehin nervösen Stotterer durch seine Reaktion weiter unter Druck setzt.

Über die Hürde des eigenen Namens

Für viele ist das Vorstellen ein Problem. Weil man beim eigenen Namen genauso wie bei anderen Wörtern hängenbleibt, aber dämliche Kommentare kommen wie "Hast du deinen eigenen Namen vergessen?" Man entwickelt Angst vor diesen Situationen, das erhöht das Risiko, dass es tatsächlich so weit kommt. Am schlimmsten sind Vorstellungsrunden im Stuhlkreis. Es ist die Hölle, wenn es reihum geht und man sich ausrechnen kann: Noch zwei, noch einer, dann bin ich dran ... Wenn sich die Angst über längere Zeit aufbaut, klappt es erst recht nicht. Die Gruppe muss dann Geduld aufbringen. Besser ist es, wenn sich die Leute nach dem Zufallsprinzip oder gegenseitig vorstellen.

Benjamin G., 25, ist Maschinenbaustudent, Leiter einer Sprechgruppe der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. und möchte anonym bleiben