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Attentat auf Rudi Dutschke:"Er war ein sehr angstfreier Mensch"

Der richtige Dutschke ist gerade in Amsterdam, wo ihn seine Frau am Telefon warnt. Doch der Vater eines kleines Sohnes lacht nur. "Das war typisch für ihn", erinnert sich Gretchen Dutschke-Klotz 50 Jahre später. "Er war ein sehr angstfreier Mensch, furchtlos wie kaum jemand sonst." Aus Ostberlin mahnt ihn sein Freund, der Liedermacher Wolf Biermann, zur Vorsicht, doch Dutschke schreibt in sein Tagebuch: "Scheint mir übertrieben zu sein. Bisher konnte ich mich auf meine Beine und Fäuste, vom Maul ganz zu schweigen, verlassen."

Zu dieser Zeit hat der ehemalige Zehnkämpfer längst die Nase voll von den Eifersüchteleien seiner Genossen. Es stört ihn, von den Medien als "Führer" dargestellt zu werden. "Rudi", sagt seine Witwe heute, "wollte sich dem Personenkult entziehen: Wir wollten weg zu Herbert Marcuse ins kalifornische Berkeley, dann eine Zeit lang nach Afrika oder Südamerika."

Es kam anders. In Frankfurt legen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in der Nacht auf den 3. April Brandsätze bei Kaufhof und M. Schneider ("Wir zünden Kaufhäuser an, bis ihr aufhört zu kaufen"). Einen Tag später erschießt ein Rassist in Memphis den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, es folgen Unruhen mit Dutzenden Toten und Tausenden Verletzten.

Bild titelt: "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!"

Mordanschlag auf Rudi Dutschke, 1968

Rudi Dutschkes Schuhe nach dem Attentat am 11. April 1968, verübt von Josef Bachmann aus München auf dem Berliner Ku’damm.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Im Westen Deutschlands titelt Bild: "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!" Man dürfe "auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen". Das Boulevardblatt hat eine Auflage von vier Millionen Exemplaren, die höchste auf dem europäischen Kontinent. Die Publikationen des Verlegers Axel Springer sind publizistisch eine Macht, stramm antikommunistisch, amerikafreundlich und studentenfeindlich.

An Ostern vor fünfzig Jahren nimmt das Drama seinen Lauf. Gründonnerstag, vormittags: Ob er sich bedroht fühle, Angst habe? fragt ein TV-Reporter den gehetzten Rebellen. Der lächelt, verneint, sagt, er sei meist nicht alleine und: "Es kann natürlich irgendein Neurotiker oder Wahnsinniger mal ne Kurzschlusshandlung durchführen". Nachmittag, 16.30 Uhr: Sein Sohn Hosea Che ist drei Monate alt und nach einem Trip mit seinen Eltern und dem Konkret-Journalisten Stefan Aust in die Tschechoslowakei während des Prager Frühlings erkältet. Sein Vater fährt mit dem Fahrrad, um ihm in einer Apotheke am Ku'damm Nasentropfen zu besorgen.

Dutschke-Attentäter Josef Bachmann

Josef Bachmann (Mi.) im März 1969 mit seinen Verteidigern kurz vor der Urteilsverkündung.

(Foto: dpa)

Ein kleiner, schmächtiger Mann nähert sich und fragt: "Sind Sie Rudi Dutschke?". Er bejaht arglos. Blitzartig reißt sein Gegenüber einen Revolver hervor, schreit "Du dreckiges Kommunistenschwein!" - und drückt ab. Drei Schüsse treffen in Kopf, Brust, Wange. Nach kurzer Flucht und Schießerei mit der Polizei wird der Täter verletzt festgenommen. Dutschke hat seine Schuhe verloren, taumelt blutüberströmt, ruft nach Mutter und Vater und stammelt "Soldaten, Soldaten".

Nach zehn Minuten trifft ein Krankenwagen ein und bringt ihn ins Westend-Krankenhaus. Fünfstündige Operation. Entfernung der Kugeln. Koma. Es ist unklar, ob Dutschke diesen Mordanschlag überleben wird. Als seine Frau von der Tragödie erfährt, schreit sie minutenlang. "Der hat ihm das halbe Hirn rausgeschossen", erzählt sie noch heute entgeistert. Sie verbringt die Stunden danach abwechselnd mit Beten, Hoffen, Bangen, Stillen. Als ein Telegramm von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger kommt, will sie es nicht öffnen. Längst wird öffentlich verlesen, dass Kiesinger "von Herzen" hofft, "dass ihr Mann von seinen Verletzungen völlig genesen wird". Ein Begleiter zerreißt es, ungelesen.

Demonstrationen nach Attentat auf Dutschke

Das Attentat auf Rudi Dutschke löste eine Welle von Protesten aus, wie hier am Ostersonntag 1968 auf dem Kurfürstendamm.

(Foto: dpa)

Krankenhausbesuch am übernächsten Tag: Dutschkes Kopf ist verbunden wie bei einer Mumie, erstmals aber ist er bei Bewusstsein. Er setzt sich auf und antwortet auf die Frage, wen er da vor sich habe: "Meine Frau". Wie ein Wunder geht es täglich bergauf, mühsam erobert sich Dutschke sein Leben zurück - oder zumindest das, was ihm geblieben ist.