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Prantls Blick:Wie 1968 der Aufruhr in die Provinz kam

Rudsi Dutschke bei Vietnam-Demonstration

Rudi Dutschke (M.), sowie der Schriftsteller Erich Fried (l.) marschieren an der Spitze eines Demonstrationszuges gegen den Vietnamkrieg mit.

(Foto: dpa)

Die tödlichen Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke und der Protest in den Universitätsstädten waren in der oberpfälzischen Kleinstadt Nittenau ganz weit weg. Aber dann kam der Aufruhr. Genauer gesagt: ein Aufrührer.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Es war vor fünfzig Jahren. Am 10. April 1968 um 21.52 Uhr stieg der Hilfsarbeiter Josef Bachmann im Münchner Hauptbahnhof in den Zug nach Berlin. Am nächsten Morgen, es war Gründonnerstag, stieg Bachmann am Bahnhof Zoo aus. Er hatte einen Trommelrevolver dabei. Er fragte sich durch zu Haus Kurfürstendamm 140, in dem der Sozialistische Deutsche Studentenbund seinen Sitz hatte und suchte nach Rudi Dutschke, dem bekanntesten Anführer der linken Protestbewegung. Als der die Straße überquerte, sprach der Attentäter ihn an: "Sind Sie Rudi Dutschke?" Der Angesprochene bejahte und Bachmann schrie ihn an: "Du dreckiges Kommunistenschwein" - zog seine Waffe und drückte ab. Dutschke wurde schwer verletzt. Mit diesem Attentat beginnt der studentische Aufruhr in den deutschen Großstädten, in Berlin zumal und in München. In München forderten die Krawalle zwei Todesopfer.

Schüsse, die eine ganze Generation beinah aus der Gesellschaft herausgeschossen hätten

Dem Soziologen Niklas Luhmann wird der Satz zugeschrieben, der Schuss habe eine ganze Generation "aus der Gesellschaft herausgeschossen". Der Satz bezog sich aber nicht auf das Dutschke-Attentat; er bezog sich auf einen Schuss im Jahr 1967: Bei einer Studentendemonstration gegen das Folterregime des Schahs von Persien hatte der Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. Es waren diese Schüsse - der Schuss des Polizisten auf den Studenten Ohnesorg am 2. Juni 1967 und die drei Schüsse des Attentäters Bachmann auf den Studentenführer Dutschke - die eine Generation, die Generation der 68er, beinahe aus der Gesellschaft hinausgeschossen hätten.

Von da an war es nämlich so, dass die studentischen Protestierer nur noch das Schlechteste vom Staat und von der Mehrheitsgesellschaft glaubten. Der Staat und die Mehrheitsgesellschaft wiederum glaubten das Schlechteste von der Studentenbewegung. Und beide glaubten sich in einer Lage, die die Notwehr gegen den jeweils anderen rechtfertigte; beide praktizierten sie - sehr oft als Notwehrexzess. Und es ist durchaus bezeichnend, dass eines der großen politischen Streitthemen damals die Notstandsgesetzgebung war.

Mit der Leberwurst-Taktik gegen die Demonstranten

Die Polizeiführung in Berlin war 1967/68 mental militarisiert: Das schreibt der frühere Berliner Polizeipräsident Klaus Hübner (er war Polizeipräsident von 1969 bis 1987) in seinen Erinnerungen. Er empört sich darin über die Polizeitaktik seines Vorgängers Erich Duensing; der hatte damals sein Vorgehen gegen die studentischen Anti-Schah-Proteste wie folgt erläutert: "Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in der Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt." Es kam zu Straßenschlachten - und es wurde nicht nur hineingestochen, sondern auch hineingeschossen. Wie schon gesagt: Der Berliner Polizist Kurras tötete den Studenten Ohnesorg, angeblich aus Notwehr, durch einen Schuss in den Hinterkopf - Notwehr, obwohl sich viele Polizeikräfte am Einsatzort tummelten. Ohnesorg soll vor Kurras' Schuss gerufen haben: "Bitte, bitte, nicht schießen." So schrieb es der Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz. Mehr als vierzig Jahre später stellte sich heraus, dass der Schütze Kurras ein Doppelagent war; er arbeitete auch für die Stasi der DDR. Wäre das damals schon bekannt gewesen - die Westberliner Justiz hätte Kurras gewiss nicht freigesprochen, sondern wohl wegen Totschlags verurteilt.

Wie `68 in die Provinz kam und Herr R. Amok lief

Ich war 14 Jahre alt damals; die Schüsse in Berlin und der Aufruhr in den Universitätsstädten waren ganz weit weg von der oberpfälzischen Provinz und dem Gymnasium des Kleinstädtchens Nittenau, das ich damals besuchte. Aber dann, es war in den Sommerferien, kam der Aufruhr nach Nittenau - genauer gesagt war es ein Aufrührer. Der hieß Kurt Raab, er war Schauspieler, er war Mitbegründer und Ensemblemitglied des "antitheaters" in München, er war einer der engsten Mitarbeiter und Freunde des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, er war Drehbuchautor und Produktionsleiter, er war der "Herr R." im Film mit dem Titel "Warum läuft Herr R. Amok" - und er war der Sohn der "alten Raabin", die in der Brauhausgasse beim "Bock-Schmied" wohnte und die Zeitungsausträgerin des "Neuen Tag", der örtlichen Lokalzeitung, war. Wir kannten uns gut, weil ich damals gerade anfing, für den Neuen Tag Lokalnachrichten zu schreiben.

Kurt Raab also besuchte in den Sommerferien seine Mutter in der oberpfälzischen Kleinstadt und die "alte Raabin" hatte mich eingeladen, sie und den Sohn zu besuchen. Und dann saßen wir in ihrer kleinen Wohnung, deren bemerkenswertestes Requisit ein Ofenrohr war, das quer durch die Wohnküche lief - und wie wir so da saßen, hätten wir auch gut in den Film über den Amoklauf des Herrn R. gepasst; ich kannte den Film damals noch nicht; es war ein penetrant alltäglicher, grimmig humoriger Film über einen Kleinbürger, seine Familie und sein Milieu - das Milieu war das, in dem wir saßen, es war das Milieu, aus dem Kurt Raab stammte.

Ein "Scheißdreck" im Kino

Über den Schauspieler Raab schrieb Ruprecht Skasa-Weiß dann 1988 in seinem Nachruf auf den an Aids verstorbenen Künstler: "Raab passt in Fassbinders Melodramatiker-Ensemble so gut hinein wie keiner sonst aus der Truppe, ein stoppelbärtiger, stets leicht gedunsen wirkender Leichenbeschauertyp von fahlgrüner Haut und schwarzem, straff niedergedetschtem Haar, dessen affektiert hochdeutsch vorgetragenes Bayrisch so aufreizend sanft-pomadig daherkam. Höflich und dennoch vereisend in Kälte. Ein Killertyp. Ein Voyeur. Ein Gangster, Spießbürger, ein amoklaufener Herr R. Ein adrett gekleideter Leutequäler, ein Masochist, was nicht noch? Ein Mensch, der sich aufhängt. Niemand verstand so schaurig überzeugend am Strick zu baumeln wie dieser K.R."

Dieser Mann, von dem ich nichts wusste, außer dass er ein Schauspieler aus München und der Sohn der "alten Raabin" war, saß also neben mir und ich war verlegen. Weil Raab das merkte, begann er zu erzählen: vom Theater, vom Aufstand der Jungen gegen die Alten, von der Revolution und der Unerträglichkeit der Verhältnisse, von Rosa von Praunheim und Rainer Werner Fassbinder. Ich verstand nicht sehr viel von dem, was er da sagte, schlug ihm daher vor, gemeinsam ins Freibad zu gehen, was wir dann auch taten. Wir gingen am örtlichen Kino vorbei, dem Lichtspieltheater Haider, ich weiß nicht mehr, welcher Film lief, ich weiß nur noch, dass Kurt Raab irgendwas von "Scheißdreck" bemerkte.

So also kam das Jahr 68 nach Nittenau in der Oberpfalz. Etwas später kamen dann die jungen Studienreferendare aus München an unser Dorf-Gymnasium, erzählten von den Grenzen des Wachstums und dem Club of Rome, ließen Referate halten über Hannah Arendt und die Banalität des Bösen. Dann kam auch ein junger langhaariger Lehrer für Kunsterziehung, der den Unterricht am liebsten außerhalb des Klassenzimmers, nämlich am Ufer des Regenflusses abhielt - und dort von der Pflicht zum Ungehorsam redete. Auf einmal war 1968 nicht mehr nur zu Besuch.