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Neue Volksmusik:Ganz neue Töne

Eliana Burki weiß sich zu inszenieren. Sie gilt als beste Alphorn-Virtuosin der Welt.

(Foto: eliana-burki.com/eliana-burki.com)

Mit ihrem neuen Alphorn-Stil verstört sie Traditionalisten. Um auch Jazz und Blues zu spielen, hat sie das Instrument neu erfunden - und ihm einen Boom bei den Jüngeren beschert. Ein Treffen mit Eliana Burki.

Von Titus Arnu

Sind Kühe musikalisch? Spüren sie vielleicht sogar den Groove im Huf, wenn die Weide entsprechend beschallt wird, zum Beispiel mit dem House-Titel "Funky Cow"? Ist ein inniges "Muh" schon Musik? Solche Fragen sind absolut nicht albern. Auch Wissenschaftler bestätigen, dass Kühe auf harmonische Klänge positiv reagieren, indem sie zum Beispiel mehr Milch geben. Und auch Eliana Burki findet daran rein gar nichts ungewöhnlich: "Kühe reagieren ganz klar auf meine Musik." Sie muss es wissen. Burki ist Schweizerin, als Bergfan oft auf Almen unterwegs, und sie gilt als beste Alphorn-Virtuosin der Welt.

Berge, Kühe, Traditionsinstrument - Eliana Burki weiß solche Schweizer Klischees so zu verbinden, dass es neu, leicht und spielerisch wirkt. In einem Video ist zu sehen, wie die 37-Jährige auf einer Wiese steht und in ihr Instrument bläst. Modisch hat sie sich auf ihr tierisches Publikum eingestellt, sie trägt eine Fellweste, eine kurze gescheckte Hose und einen Cowgirlhut. Als sie die ersten Töne anstimmt, kommen die Kühe näher, umringen die Musikerin und schnuppern vorsichtig am Alphorn. Die mutigsten Rinder schauen mit gesenkten Hörnern ins Horn hinein, als wollten sie die Quelle der Töne finden. Für Kuhhirten auf der Alm diente das Alphorn früher als Lockinstrument. "Kühe mögen diesen Klang", da ist sich Eliana Burki sicher.

Mit ihrem Ansatz hat Burki dem Alphorn, diesem etwas angestaubten alpenländischen Volksmusikinstrument, neues Leben eingehaucht. Das war nicht einfach, vor allem wegen der Traditionen, die an diesem langen, krummen Ding hängen. Das Alphorn gilt als Schweizer Nationalheiligtum - wie das Matterhorn, die Rütliwiese und Wilhelm Tell. Musikvereine pflegen seit Jahrhunderten ihre Vereinsstatuten, in denen penibel aufgelistet ist, welche Töne und welche Volksweisen ein Alphornspieler anstimmen darf. Nicht darin vorgesehen waren: Frauen, die beim Alphornspielen kurze Hosen tragen, Frauen, die schräge Töne auf dem Alphorn spielen, Frauen, die lieber auf Weltmusik-Festivals als auf Jodlerfesten spielen.

Burki ist die erste Alphorn-Spielerin, die mit Jazzmusikern jammt

Dann trat Eliana Burki an, holte, im doppelten Sinn, tief Luft - und pustete alle Konventionen um. Schon als kleines Mädchen fand sie das Alphorn viel interessanter als Blockflöte oder Klavier. Sie weigerte sich, Tracht zu tragen. Sie stimmte keine Volksweisen an, sondern entlockte dem Alphorn Blues-Töne. Sie jammte mit Jazzmusikern und begründete die Musikrichtung "Funky Swiss Alphorn". Wenn das Münchner Rundfunkorchester ein avantgardistisches Klassikwerk mit Alphorn uraufführen will, wird sie als Solistin eingeladen. Es gibt einige wenige klassische Kompositionen für Alphorn, etwa die Sinfonia pastorella für Alphorn und Streicher von Leopold Mozart, Wolfgang Mozarts Vater - aber meistens ist das Stück bei Folklore-Veranstaltungen zu hören.

Wenn man in einem Alphornklub ist, bekommt man ein Büchlein, in dem die Regeln aufgelistet sind: Schräge Töne sind verboten, man muss Tracht tragen und ein ganzes Repertoire an Volksweisen spielen können. Eliana Burki hielt sich nicht einmal beim Eidgenössischen Jodlerfest in Interlaken an diese Regeln, das als Jodel- und Alphorn-Weltmeisterschaft gilt. Sie spielte dort einen Blues - und wurde disqualifiziert. "Man muss immer etwas riskieren", lautet ihr Credo, nur das bringe einen wirklich weiter. Am Berner Musikkonservatorium studierte sie Jagdhorn, an der Jazzschule Basel Klavier und Gesang. Alphorn kann man nicht studieren. Auch Hans-Jürg Sommer, die Schweizer Alphorn-Legende aus Oensingen, brachte sich Alphornspielen im Selbststudium bei, er förderte Eliana Burki und schrieb bluesige Stücke für sie.

Ein traditionelles Schweizer Alphorn ist 3,70 Meter lang, Eliana Burki mit ihren 1,68 Meter nicht mal halb so groß. Dennoch gilt sie längst als die Größte in ihrem Fach, das lässt mittlerweile sogar die eher volkstümlich gesinnte Schweizer Boulevardpresse durchblicken. Wenn die "Alphorn-Königin" ein Baby-Foto auf Instagram postet, schwärmt die Schweizer Illustrierte über die "süßen Pfuusbäggli" (Pausbäckchen) der kleinen Tochter Burkis und vergisst auch nicht, den Vater zu nennen, ein Schriftsteller, der - kein Witz - Blas mit Vor- und Ulibarri mit Nachnamen heißt. Burki ist als Virtuosin weltweit gefragt, sie war mit ihrem Alphorn schon auf der Titelseite des Wall Street Journal zu sehen, lässt sich gern mit wilder Haarmähne ablichten, hat glamouröse Pop-Videos in der Karibik gedreht und reist mit ihrem Alphorn in normalen Jahren vier Monate lang rund um die Welt zu Konzerten. Ihr Reise-Instrument ist übrigens zusammenlegbar und passt locker in einen Koffer.

Gemeinsam mit Instrumentenbauern entwickelte Eliana Burki moderne Alphorn-Varianten, mit denen man nicht nur Naturtöne spielt. Auch leichte Reiseinstrumente besitzt sie.

(Foto: eliana-burki.com)

Weil die Pandemie aber alle Pläne zunichtegemacht hat und sie außerdem gerade von Zürich nach Biel umzieht, sitzt Eliana Burki nun im Haus ihrer Eltern in Solothurn , mit ihrer Tochter Nala auf dem Schoß. Im Wohnzimmer steht ein Flügel, daneben sind zwei Alphörner aufgebockt, durch die Szene wuselt ein kleiner Hund. Ihre Mutter serviert Kaffee und Kartoffeln, die sich als kartoffelförmige Marzipan-Sahne-Küchlein entpuppen. Eliana Burki stammt aus einer so sportlichen wie kreativen Familie: Ihr Vater war Radprofi und arbeitet als Sportarzt, ihre Mutter ist Pianistin. Die vier erwachsenen Burki-Töchter arbeiten als Profibergsteigerin, Breakdancerin, Ziegenkäseherstellerin und Alphornvirtuosin. Eliana Burki hatte schon als Vierjährige mit Klavierunterricht begonnen, aber als sie dann erlebte, wie ihr Vater bei einem Radrennen ins Ziel fuhr und mehrere Alphörner lostuteten, war sie tief ergriffen. "Ein Alphorn hat Power und Größe. Ab diesem Moment war ich angefixt", erzählt sie, "ich ließ nicht locker, bis ich das Instrument lernen durfte."

Ein Alphorn klingt durchdringend, warm und natürlich. Es hat allerdings keine Grifflöcher, Ventile oder sonstigen Möglichkeiten, Zwischentöne zu spielen. Man kann darauf normalerweise nur maximal 17 Töne der Naturtonreihe (Töne, die auf Blasgeräten nur durch unterschiedliche Art des Anblasens hervorgebracht werden) über vier Oktaven spielen. Für die praktischen Zwecke, die das Alphorn ursprünglich erfüllen sollte, war das völlig ausreichend. Das Instrument wurde nicht nur zum Anlocken von Kühen verwendet, sondern allgemein für Signale, die man weit hören sollte, etwa wenn feindliche Truppen über einen Pass anrückten, wenn der Käse auf der Alm fertig zum Abholen war oder jemand seiner Liebsten ein Ständchen vom Berg ins Tal schicken wollte. Ein Alphorn ist bis zu zehn Kilometer weit zu hören.

Ähnliche Naturtontrompeten, hergestellt aus ausgehöhlten krummen Baumstämmen, sind auch aus anderen Kulturen bekannt, etwa die Trembita in den Karpaten, das Bucium in Rumänien oder die Pampa Corneta in Peru. Die tibetische Dungchen, die Riesentröte der buddhistischen Mönche, ist ebenfalls mit dem Alphorn verwandt, auch wenn sie aus Metall gebaut wird. "Das Alphorn hat wegen der Naturtöne immer einen urtümlichen Charakter", sagt Eliana Burki. Das muss aus ihrer Sicht aber nicht zwangsläufig volkstümlich klingen.

Burki hat dem Alphorn einen Boom beschert, die Szene wird immer jünger

Vereinsmeierei und Brauchtum rund um das Alphorn mied sie von Anfang an. Bei einem ihrer ersten Auftritte am Jodlerfest in Schönenwerd spielte sie das Instrument allein unter Männern. Als Teenager gründete sie ihre erste Band, in der sie auf Schwyzerdeutsch rappte und poppige Alphornmelodien spielte. "Die Traditionalisten warfen mir vor, dass ich das Alphorn verhunze", erzählt Eliana Burki.

Mittlerweile hat sie sechs Alben eingespielt, gilt als Alphorn-Botschafterin der Schweiz und wird selbst von konservativen Volksmusikern gefeiert, weil sie das urschweizerische Instrument mit ihren Auftritten weltberühmt gemacht und für einen Boom in der Alphornszene gesorgt hat. Junge Leute wollen wieder Alphorn lernen. Man kann sogar sagen: sie hat das Instrument neu erfunden. So entwickelte die Musikerin, gemeinsam mit Instrumentenbauern aus Texas und der Schweiz, ein neuartiges Alphorn, auf dem sie nicht nur Naturtöne erzeugen kann. Das "Burki-Horn" hat ein Mundstück mit Ventilen, damit kann man verschiedene Tonarten und chromatische Abfolgen spielen. Außerdem besitzt Burki eine Auswahl verschiedener Alphörner, Waldhörner und Didgeridoos, die immer wieder zum Einsatz kommen.

Ein ganz besonderes Instrument ist das Ultralight-Alphorn, das sich Eliana Burki nach ihren Wünschen anfertigen ließ. Es besteht aus Carbon, wiegt nur 500 Gramm und passt zusammengelegt in einen Rucksack. Burki ist begeisterte Bergsteigerin, und wenn immer es geht, spielt sie ihr Instrument auf einem einsamen Berg. Der exponierteste Punkt, an dem das Sport-Alphorn zum Einsatz kam, war der Gipfel des Mönch im Berner Oberland, 4107 Meter hoch. Selbst für eine extrovertierte Spitzen-Alphornistin ist so etwas das höchste der Gefühle.

© SZ
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