Adoption bei homosexuellen Paaren Kenn' ich nicht, will ich nicht

Sollen Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen dürfen? Als ob das die Frage wäre.

Ein Kommentar von Marina Rupp

Wenn es um das Wohl von Kindern geht, prallen recht schnell sehr verschiedene Positionen aufeinander. Dies zeigen die Reaktionen auf die Ergebnisse unserer Untersuchung von Regenbogenfamilien. Bedauerlich ist, dass eher die Frage im Mittelpunkt steht, ob solche Familien "zulässig" sind - und weniger die Auseinandersetzung mit der sozialen Realität, in der diese Familien ihre Kinder großziehen.

In USA bereits seit jahren legal: Jason P. McDowell und Bill A. Watson sind verheiratet und haben McDowells Neffen adoptiert, nachdem dessen Schwester erkrankte.

(Foto: Foto: AP)

In Deutschland wachsen zurzeit rund 7000 Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auf, in sogenannten Regenbogenfamilien. Rund ein Drittel der Eltern dieser Kinder lebt in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft. Mit anderen Worten: Regenbogenfamilien sind ausgesprochen selten. Sie betragen höchstens ein Promille aller Haushalte mit Kindern in Deutschland. Seltene Familienformen haben häufig mit Vorurteilen zu kämpfen. Das galt früher auch für die Alleinerziehenden und für unverheiratete Eltern, ehe diese Formen sich gesellschaftlich etablierten. Denn wir Menschen sind skeptisch, wenn wir wenig wissen - das hat Vor- und Nachteile.

Über Regenbogenfamilien, insbesondere solche in Eingetragener Lebenspartnerschaft, wissen wir nun etwas mehr: beispielsweise, dass es sich ganz überwiegend um Familien mit zwei Müttern handelt, und zwar zu 93 Prozent. Oder auch, dass sie nur in seltenen Ausnahmefällen - nämlich in zwei Prozent - Kinder großziehen, die sie adoptiert haben. In diesen Familien kann das Kind bisher nur von einem oder einer der beiden Erwachsenen adoptiert werden. Zu dessen oder deren Partner besteht also keine rechtliche Beziehung.

Die Vorstellung, dass künftig beide Partner(innen) gemeinsam adoptieren können sollen, hat nun eine rege politische Debatte ausgelöst. Angesichts der bisherigen und auch künftig zu erwartenden zahlenmäßigen Relevanz des Phänomens erstaunt die Vehemenz der Diskussion. Demgegenüber werden andere Ergebnisse unserer Untersuchung kaum thematisiert. Dabei ging es bei dieser Studie im Auftrag des Bundesjustizministeriums gerade darum, einen genaueren Einblick in die Lebenssituation aller Kinder in Regenbogenfamilien zu erlangen. Zentrale Fragen waren die nach der Herkunft der Kinder oder nach der Beziehung zu den Eltern. Denn mit diesen Aspekten gehen bedeutsame Unterschiede für die Entwicklung des Kindes und die (rechtlichen) Möglichkeiten der Gestaltung der Familienbeziehungen einher.

Neben den wenigen Adoptivkindern gibt es auch Kinder, die zur Pflege in Regenbogenfamilien leben. Auch diese Familienform ist quasi "handverlesen" - und zwar in doppelter Hinsicht: Denn abgesehen von der Seltenheit (sechs Prozent der untersuchten Familien) ist auch das Auswahlverfahren zu bedenken: Schließlich sind die Jugendämter bei der Auswahl einer Adoptiv- oder Pflegefamilie gehalten, die geeignetste Familie für ein Kind zu suchen - und nicht umgekehrt. Und diesen Auftrag nehmen die Fachkräfte, die an der Studie teilgenommen haben, auch ernst. Sie erwägen im Einzelfall, ob es eine zusätzliche Belastung für ein Kind ist, mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufzuwachsen.

50 Prozent aus früheren heterosexuellen Beziehungen

Die meisten Kinder, die in Regenbogenfamilien groß werden, leben allerdings mit einem leiblichen Elternteil zusammen. Rund zur Hälfte handelt es sich dabei um Kinder, die aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen. Sie leben heute demnach in einer Stieffamilie. Ganz überwiegend besteht Kontakt zum anderen Elternteil. Und fast immer wird von einer guten Beziehung zur Stiefmutter respektive zum Stiefvater berichtet.

Wie die meisten Kinder wollten auch diese nicht, dass ihre Eltern sich trennen. Auch brauchten sie eine gewisse Zeit, um damit zurechtzukommen. Denn Trennungserfahrungen stellen für alle Kinder eine Aufgabe dar, die umso besser gelöst wird, je stärker die Eltern sie unterstützen und je besser die Eltern-Kind-Beziehung ist. In beiden Punkten schneiden Eltern in Regenbogenfamilien gut ab.

Die zweite große Gruppe von Kindern wurde in der homosexuellen Beziehung geboren. Sie leben somit von Anfang an in der Regenbogenfamilie. Diese Kinder sind meist noch relativ jung. Soweit es jedoch schon einschätzbar ist, entwickeln sie sich gut. Diese Kinder haben seltener Kontakt zu ihrem biologischen Elternteil. Aber den Eltern ist die Bedeutung einer Bezugsperson aus dem anderen Geschlecht bewusst - und sie versuchen, dies durch den Aufbau von Kontakten aufzufangen.

Balance zwischen leiblichem und der sozialem Elternteil

Für die Eltern stellt sich hier nicht selten eine schwierige Frage: Wie oder in welchem Maße kann der zweite leibliche Elternteil eingebunden werden, ohne dabei die Position des eigenen Partners, gewissermaßen des sozialen Elternteils in der Familie, zu gefährden? Da die Kinder zumeist Wunschkinder beider Partner(innen) sind, haben die nicht-leiblichen Eltern in der Regel ein großes Interesse daran, Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Das ist grundsätzlich auf dem Weg einer Adoption des Stiefkinds auch formal möglich. Wie bei anderen Stieffamilien auch geht dies jedoch zu Lasten der Rechte des biologischen Elternteils, in der Regel also des Vaters.

Damit sehen sich manche Paare in einem Dilemma: Wird der biologische Elternteil bei der Geburt angegeben, besteht die Gefahr, dass er seine Einwilligung in die Stiefkindadoption verweigert. Bleibt er unbekannt, hat das Kind keine Chance, ihn kennenzulernen. Die alltagstaugliche Lösung liegt für manche im Mittelweg: Sie versuchen eine informelle Beziehung zum anderen biologischen Elternteil (meist dem Vater) aufzubauen.

Regenbogenfamilien sind also recht verschieden. Aber es verbindet sie ein großes Interesse an den von ihnen betreuten Kindern und die Bereitschaft, für diese Verantwortung zu übernehmen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass das Leben in der Regenbogenfamilie auch mit speziellen Belastungen einhergehen kann: Die Kinder haben womöglich schon eine Trennung ihrer biologischen Eltern erlebt, nun müssen sie unter Umständen auch mit Anfeindungen und Beschimpfungen von Gleichaltrigen zurechtkommen.

Insgesamt zeigt die Studie sehr deutlich, dass Regenbogenfamilien einen (kleinen) Teil der sozialen Realität in unserer Gesellschaft darstellen. Sie liefert auch Ansatzpunkte, wie die verschiedenen Familien unterstützt werden können. Hier anzuknüpfen, würde auch dem Kindeswohl dienen. Die Eltern selbst wünschen sich die gleiche Unterstützung von der Gemeinschaft, wie sie andere Eltern auch erhalten - vor allem die Wertschätzung ihrer Erziehungsleistung.

Marina Rupp, Soziologin am Bamberger Staatsinstitut für Familienforschung, legte vergangene Woche im Auftrag des Bundesjustizministeriums eine Studie zu Regenbogenfamilien vor.

Bitte ein Kind!

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