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Verkehrschaos in Deutschland:Was uns der Winter lehrt

Endlose Kolonnen auf der Autobahn und all die traurigen bis wütenden Vielflieger von Hamburg bis München demaskieren gerade ein Versprechen der Moderne: die ununterbrochene Mobilität.

Die Bilder werden uns so dramatisch dargeboten wie Berichte vom Flüchtlingselend. Da kauern Menschen zusammengepfercht in großen Hallen, Pritsche neben Pritsche, und umklammern ihre Habe. Da steht der Konvoi frierender Menschen still und starr in eisiger Nacht, ihre Gesichter sind von Hoffnungslosigkeit gezeichnet - Barmherzige reichen ihnen Decken. Da kommt es zum Tumult, es gibt Verletzte. Da stehen die Fahrzeuge in endlosen Kolonnen auf der Autobahn, geronnene, erstarrte Bewegung, und je mehr Stunden vergehen, desto unwahrscheinlicher wirkt es, dass sie sich je wieder in Bewegung setzen. Da gibt es Bilder von eisbedeckten Zügen, die nicht weiterkommen und Eisskulpturen gleichen. Und im ARD-Brennpunkt berichten die Reporter von der Front - von der Kältefront einerseits und vom Schnee-Chaos andererseits.

Winter in NRW - Flughafen Düsseldorf

Flughafen Düsseldorf am Montag Abend: Dieser Winter fordert von Pendlern und Reisenden viel Geduld. Und das ist nur der Anfang.

(Foto: dpa)

Es ist Winter, der Verkehr tut das, was er gelegentlich macht im Winter, er kommt zum Erliegen - und die Gesellschaft versinkt im Gefühl, alles zu verlieren.

Zwei Dinge kommen hier zusammen, die allgemeine Mobilität, die das Signum unserer Zeit ist, und das Material, in dem sich diese Mobilität vollzieht, der Stoff, aus dem die Mobilität geschaffen wird, die Fahrzeuge, die Wege und ihre festen Einrichtungen. Was normalerweise zusammengeht, erscheint nun als getrennt, ja gegensätzlich: Die Materie tut nicht mehr, was sie soll, nämlich: sich bewegen.

In völliger Irrationalität wird ein ungleich größerer Verlust betrauert, der Verlust der Freiheit und jener der Kontrolle. Der Winter bedeckt eine Gesellschaft mit Schnee - und zugleich enthüllt er darunter ihre Geschäftsgrundlage: Alles und jedes muss pausenlos unterwegs, verfügbar und zur Stelle sein.

Die Moderne ist eine Gesellschaftsform im Teilchenbeschleuniger. Dieser Winter, und mehr noch das unfassbar laute Geschrei, das um ihn gemacht wird und das umso lauter gerät, je leiser der Schnee rieselt, macht darauf aufmerksam, dass diese Form an ihr Ende kommen wird. Der temporäre Stillstand im Reich des Transitorischen, in Flughäfen, Bahnhöfen, U-und S-Bahnen, auf Straßen und Wegen, zu Wasser, auf der Erde und in der Luft, er zeigt, dass am Ende der rasenden Beschleunigung und einer wie selbstverständlich immer größeren, immer vehementer eingeforderten Mobilität nur Immobilität wartet.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was George Clooney damit zu tun hat.

Verkehrschaos in Europa

Die dem Winter trotzen