Zum Tod von Thomas Harlan Was niemand wissen wollte

Thomas Harlan quälte sich als Sohn des Regisseurs von "Jud Süß" sein Leben lang, um der Wahrheit der NS-Zeit auf die Spur zu kommen - und drehte selbst einen der grausamsten Filme aller Zeiten.

Von Willi Winkler

Einmal weint der alte Mann, weint seiner Jugend nach; vielleicht ist er auch bloß ergriffen von der Geschichte. Er sieht "Immensee", den alten Film natürlich, mit Carl Raddatz und Kristina Söderbaum, und die Liebesgeschichte treibt dem SS-Obersturmbannführer die Tränen in die Augen.

Der Stein des Anstoßes: Aktuell ist im Kino in "Jud Süß - Film ohne Gewissen" eindrucksvoll zu sehen, wie Regisseur Veit Harlan (im Hintergrund, gespielt von Justus von Dohnayi) zusammen mit Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) den Film Jud Süß als Propagandamittel für die Nazis drehte. Sein Sohn Thomas Harlan nahm ihm erst auf dem Sterbebett eine Andeutung von Einsicht ab.

(Foto: dpa)

Als der Film im Kino lief, 1943, hat der alte Mann, der damals jung war, mehrere tausend Menschen hinrichten lassen und nicht wenige selber umgebracht. Es war doch Krieg damals, Krieg gegen die Russen, die Juden, die Partisanen, und der Film so schön.

Alfred Filbert wurde wegen vieltausendfachen Mordes 1962 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, doch schon elf Jahre später aus gesundheitlichen Gründen entlassen. So konnte er 1984 die Hauptrolle in Thomas Harlans Film "Wundkanal" spielen, Alfred Filbert, der so erfolgreiche Einsatzgruppenleiter, ein Opfer. Harlan las ihm aus dem Gerichtsurteil seine Untaten vor, er zwang Filbert in die Kamera zu schauen, er zeigte ihm "Immensee", den sein Vater mit seiner Stiefmutter in der Hauptrolle gedreht hatte, und dann spielte er ein besonders böses Spiel mit dem alten Mann.

Wenn die Filmgeschichte überhaupt etwas gilt, dann ist "Wundkanal" einer der grausamsten, einer der besten Filme aller Zeiten. Es ist, wie Heinrich von Kleist vor einem Bild Caspar David Friedrichs geschrieben hat, es ist, "als ob Einem die Augenlider weggeschnitten wären".

Der Sohn des Regisseurs Veit Harlan war Teil der Aristokratie des Dritten Reiches und er verriet seine Herkunft mit einer masochistischen Leidenschaft, um die ihn die Vergangenheitsbewältiger späterer Jahre nur beneiden können. Der junge Harlan folterte sich und andere, um endlich der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Nicht nur vor seinem Vater, der dieses "Mordwerkzeug", den Film "Jud Süß", verfertigt hatte, lief er davon, sondern vor einem Deutschland, das so großzügig war und bei den eigenen Verbrechern so viel Gnade walten ließ.

Tätersöhne im Land der Opfer

Kaum war der Krieg aus, ging Harlan nach Frankreich und wäre am liebsten Franzose geworden, ein Anarchist in Gesellschaft von Gilles Deleuze und Armand Gatti. Und noch einen Freund fand er, den Bohemien Klaus Kinski, mit dem zusammen er Hebräisch lernte und nach Israel reiste, Tätersöhne im Land der Opfer. So sehr empörte ihn, dass sein einschlägig kompromittierter Vater weiter Filme machen durfte, dass er zwei Kinos anzündete, in denen sie liefen.

Dabei wollte der junge Mann ein Dichter sein wie seine Jahrgangskollegen Enzensberger, Rühmkorf und Lettau. Gottfried Benn hatte seine Gedichte freundlich gelobt, aber da war mehr, was zum Ausdruck drängte. Harlan schrieb ein Stück über den Aufstand im Warschauer Ghetto, "Ich selbst und kein Engel", das 1959 in Berlin aufgeführt wurde und die allseitige Verdrängung skandalisierte.

Vor einer Vorstellung zählte Harlan zwanzig nie verurteilte Kriegsverbrecher auf, nannte Franz Six und Ernst Achenbach mit Namen und Beruf, und handelte sich so viele Klagen ein, dass er wieder fortgehen musste. Der Landesverräter, als den ihn der ehemalige Kanzleramtsstaatssekretär Hans Globke anzeigte, begann in Warschau zu recherchieren, was in der Bundesrepublik niemand wissen wollte: Wer die Ausführenden des Völkermords waren und dass sie sich bürgerlichsten Wohlansehens erfreuten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Harlan zum weltweit operierenden Revolutionär wurde.

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