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Zum Tod von Aretha Franklin:Ein unausgesprochener Schmerz

Aretha aber wurde als Wunderkind präsentiert: Sie tourte mit der väterlichen Gospelshow - und wenn Art Tatum, Dinah Washington, Sam Cooke oder James Cleveland mit am Familientisch saßen, wurde das scheue und introvertierte Mädchen zum Vorsingen gerufen. Schon damals - das zeigen frühe Gospelaufnahmen - ist ihre Präsenz überwältigend: Über rollenden Klavierakkorden drückt ihre Stimme ein unerschütterliches Selbstvertrauen aus, eine Leidenschaft, die um die Gefahr der Überwältigung weiß.

Doch ihre Plattenfirma Columbia kann den Schatz nicht bergen: Zwischen 1961 und 1966 presst Hausproduzent John Hammond das Gesangstalent der Pfarrerstochter in überarrangierte Popnummern, die so aufregend anmuten wie ein zu Spieldosenmusik heruntergedimmtes Tigergebrüll.

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Erst Jerry Wexler von Atlantic Records erkennt Aretha Franklins Potenzial - und lässt ihr alle nötigen Freiheiten. 1966 bringt er sie in die Muscle Shoals Studios nach Alabama, setzt die Sängerin vor ein Klavier und gibt den Musikern Anweisung, sich strikt den Improvisationsinstinkten von Mrs. Franklin unterzuordnen. "Etwas Qualvolles", erinnert sich Wexler in seiner Autobiographie, "ein unausgesprochener Schmerz umgab sie wie die Glorie ihrer musikalischen Aura."

Tatsächlich schien die Soulsängerin im Zwielicht von heiliger Wahrheit und namenloser Tragödie erst richtig aufzublühen. Immer wieder grub sie in ihren Songs die Bluestiefen und Gospelvisionen hinter dem platten Politjargon der Nachrichten frei: Martin Luther King Jr., Malcolm X und John F. Kennedy waren ermordet worden, die Bürgerrechtsbewegung um viele ihrer besten Hoffnungen betrogen, Amerika durch Vietnam gespalten. Und Aretha Franklin predigte die kollektive Soul-Kommunion: "Tell me sister, tell me brother, how do you feel.... I wonder how you get the spirit in the dark."

Auch persönlich blieb Aretha kaum eine Tragödie erspart: Mit zwölf Jahren bekam sie ihren ersten, mit 14 ihren zweiten Sohn (insgesamt hatte sie vier). Mehrere Ehen scheitern, der Vater liegt nach einem Raubüberfall im Jahre 1979 fünf Jahre im Koma. Ein Jahr später stirbt auch die soulsingende Schwester Carolyn.

Nach dem Weggang von Atlantic fehlt der alte Esprit, Arethas Stimme schmückt stattdessen Weihnachtsalben und Werbejingles. Zwar bugsieren Duette mit George Michael, Elton John und den Eurythmics sie noch einmal in die Charts. Doch eigentlich hat Aretha Franklin längst ihre Schülerinnen ins Rennen geschickt: Wären all die selbstbewussten Soulfrauen wie Chaka Khan, Lauryn Hill, Mary J. Blige, Erykah Badu oder Alicia Keys ohne ihr Vorbild denkbar?

Eine rhetorische Frage.

Wenn schwarze Frauen in den vergangenen Jahrzehnten den Pop dominierten, dann hatte Aretha Franklin ihnen schließlich im Alleingang die Tür aufgestoßen. "Sisters Are Doin It For Themselves!" Ihren letzten großen Auftritt feierte die Bürgerrechtlerin und Soulsängerin bei der Inauguration von Barack Obama. Jetzt ist sie im Alter von 76 Jahren in ihrem Haus in Detroit gestorben. Aretha Franklin hinterlässt nicht nur vier Söhne - sondern auch Gesangsaufnahmen, die die ungeschminkte Schönheit Afroamerikas immer noch zum Leuchten bringen.

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