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Begegnung mit Bill Withers:Pass auf dich auf

Bill Withers, Kori Withers

Heute: Bill Withers mit seiner Tochter - der Soulsängerin Kori. Der Vater sagte sich irgendwann: "Sagenhaft. Diese unbeschreiblichen Kinder."

(Foto: Reed Saxon / AP)

Ain't no sunshine: 1985 hört der Soulmusiker Bill Withers auf, Songs aufzunehmen. Er wird angefleht zurückzukehren, von den Managern der siechen Plattenfirmen, von vielen Musikern auch. Ein seltener Besuch - bei einer Ikone der schwarzen Musik.

Der Text ist auf Seite Drei der Süddeutschen Zeitung vom 12. September 2012 erschienen und nun für den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Essay nominiert.

Los Angeles - Es ist ihm nichts Schlimmes zugestoßen. Er hatte keine Lust mehr. Also hat er sein Leben geändert. Wo ist dann die Geschichte?

Gegenfrage: Warum beginnen nicht mehr Menschen ein neues Leben, wenn sie keine Lust mehr auf das alte haben?

Er war reich, als er mit dem alten Leben brach. Er konnte es sich also leisten, oder? Gegenfrage, nein, zwei Gegenfragen: Was ist das, reich? Und wieso ändern nicht mehr Menschen, die reich sind, ihr Leben?

Große Songs stellen große Fragen, manchmal geben sie sogar eine Antwort. Es gibt ein paar Songs in der Geschichte der Musik mit einem Geheimnis, mit einer überwältigenden Formel. Man muss nicht die großen Hits von Bill Withers hören, um von dieser Formel erwischt zu werden. Es eignen sich fast besser die kleinen.

Man setzt den Kopfhörer auf, hört in das Konzert aus der Carnegie Hall von 1971 hinein. Man scrollt auf dem iPod - nur zum Beispiel - auf das Liebeslied "Hope she' ll be happier": Man wird nach vier Minuten und 26 Sekunden, wenn man kein Herz aus Stein und einen Verstand aus Marmelade hat, als anderer Mensch dasitzen. Man wird überlegen, ob Musik wie diese der Wind verweht hat in all den Jahren, die über eine sinnlos vor sich hinrotierende, bescheuerte Welt kamen.

Wo sind diese Lieder? Eine wehleidige Frage. Aber nicht anmaßend.

Die anmaßende Frage geht so: Wo ist Bill Withers?

Man telefoniert, mailt, faxt.

London, New York, Los Angeles.

Monatelang geht das so. Es gibt zig Zusagen auf Rückrufe, die nicht eingehalten werden. Es gibt Rückrufe mit schlechten Nachrichten. Es gibt keine Hoffnung mehr. Die Liste derer, die ihn vermissen? Endlos. Barbra Streisand, Stevie Wonder, Prince, Aretha Franklin, Mick Jagger, George Benson, Fiona Apple . . . Frank Sinatra und Sammy Davis jr. zählten zu seinen Bewunderern. Clint Eastwood, der viel von schwarzer Musik versteht, nannte seinen Namen mal vor Jahren nach einem Interview in Los Angeles. Die meisten von uns machen ihre besten Sachen, wenn sie jung sind, etwas in der Art knurrte der Halunke Eastwood, der nämlich verdammt große Filme macht, seit er alt ist.

Wo wohl Bill Withers steckt?

Keine Ahnung, meinte Eastwood, er habe halt nur den Verdacht, dass Withers nicht aufgehört hat, weil ihm nichts mehr eingefallen sei. Oder Phil Collins, ein Gespräch am Genfer See, auch Collins versteht viel von schwarzer Musik. Er hat vor ein paar Jahren ein Album mit Coverversionen veröffentlicht, ein Tribut an den Soul seiner Jugend. Tolle Kritiken. An einen Mann hat er sich nicht herangewagt. Weil er der Akkuratesse, mit der dieser seine eigenen Songs interpretiert hatte, nichts hinzufügen wollte.

Es gibt ein paar Lieder, die sind, zumal für Atheisten, perfekte Gebete. Es sind oft nur wenige Akkorde, ein paar Zeilen, die aber die Macht haben, dem willkürlichen, verheerenden Lauf der Dinge um fünf vor zwölf noch einen Sinn zu verleihen.

"Bill Withers - Live at Carnegie Hall" ist eine Blaupause für diese Lieder: Die Ballade des Vietnamsoldaten, "I can't write left handed", der seinen rechten Arm verliert und dann den Kameraden bittet, seiner Mutter zu schreiben: eine präzise, unsentimentale, meisterhafte Short Story; das erwähnte, auf einer magischen Melodie daherwehende Abschiedslied "Hope she' ll be happier"; der Kracher "Harlem", als sei in diesen Minuten das Wort Groove erfunden worden. Dazwischen der Saturday-Night-Live-Humor, Geschichten, verwoben aus Spott, Erotik, Ernst. Ein Musiker Anfang 30. Lässigkeit. Bewegung. Black Power. Keine Mätzchen.

Man telefoniert, mailt, faxt. Nix geht. Er will seine Ruhe. Was soll diese dämliche Belästigung?

Man gibt auf.

Man sollte nie aufgeben.

Blödes, angeschossenes Amerika. Das aber an eine Sache immer glaubte: an die gute Geschichte

An einem dieser heißen Tage sind die Ecken und Kanten in Los Angeles wie mit dem Rasiermesser gezogen, und die Farben sind so klar, als habe wer den Film scharf gestellt.

Wilshire Boulevard/La Jolla Avenue: Der größte Verschwundene des Soul sitzt in seinem Büro im 6. Stock. Hinter ihm durchs Fenster schaut man auf die Hollywood Hills, wo er wohnt seit mehr als

40 Jahren: Bill Withers, 74, trägt eine Jeans und ein graues T-Shirt.

Die nächsten Stunden wird er bei jedem seiner sorgsam gewählten Worte seinem Gesprächspartner in die Augen schauen. Er wird meist vornübergebeugt am Tisch sitzen, auf den verschränkten Armen aufgestützt, am Ende wird er sich in seinem Bürostuhl zurücklehnen, hier und da werfen die schlanken Hände dann tolle Gesten in den Raum, Wegwerfbewegungen, Schlangenbewegungen, angedeutete Umarmungen. Marcia Withers, seine zweite Frau seit Jahrzehnten und Mutter der beiden Kinder, bringt Cappuccino.

Withers mustert und grinst. Es ist ein freundlich ironisierendes Gesicht. Das Gesicht ist die Ouvertüre zu einem amerikanischen Nachmittag, und zu einem Nachmittag über Amerika. Diese vier Stunden werden einem am Ende vorkommen wie eine Short Story; über ein Land, dessen Verheißungen im Jahr 2012 für die Katz sind wie seit John Steinbeck und der letzten großen Depression nicht mehr, in dem die Felder der Farmer brennen, Polizisten einem bekifften Schwarzen am Times Square zwölf Kugeln in den Leib knallen, ein Land, in dessen riesenhaften, entvölkerten Vorstädten Bäume aus Häusern wachsen.

Blödes, angeschossenes Land.

Wunderbares, unersetzbares Land. Das doch eine Verheißung immer erfüllen wird: die der guten Geschichte.

Du musst dich nur morgens mit der Zeitung auf eine Bank setzen, da geht's schon los. Der alte Withers liest morgens gerne die Los Angeles Times auf einer Bank bei ihm daheim um die Ecke, davon wird noch zu reden sein, denn ungefährlich ist das nicht.

Er ist vergnügt, hellwach - und wird sofort politisch, er spricht druckreif, und zwar gleich mal das hier: "In den 74 Jahren meines Lebens wurden in diesem Land Schwarze erschossen, damit Schwarze Schulen besuchen können. In den 74 Jahren meines Lebens wurde erstmals in diesem Land ein Schwarzer Präsident. In den 74 Jahren meines Lebens musste sich dieser Präsident, der einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hat, fragen lassen, ob er ein Muslim aus Kenia sei. In den 74 Jahren meines Lebens ist er der erste Präsident Amerikas, der um seine Geburtsurkunde gebeten wurde. In den 74 Jahren meines Lebens, als ich ein Junge war in West Virginia, haben weiße Eltern ihren Kindern das hier erzählt: Schwarze Mädchen haben eine horizontale Vagina. Schwarze Jungs haben Schwänze am Arsch. Wie Hunde. Was sagst du jetzt, mein Freund?"

Es ist ein Vortrag wie ein Lied.

Er sagt wieder etwas, das klingt wie ein Lied: "Sometimes the world happens to people / Sometimes people happen to the world." Obama gehöre zu denen, die der Welt passieren. Dass die blöde Welt stets zurückschlägt? Geschenkt. Es gab schon andere, die das gemerkt haben. Einer von denen wurde ans Kreuz genagelt. Withers starrt einen an, zuckt mit den Schultern.

Und dann schreibt er dieses kleine Lied. Das eben auch ein großes Lied ist. Ganz einfach, ganz leicht

Was folgt, ist eine lecture über Selbstbestimmung und Timing - das sind die Schlüssel für seine Songs. Und da sich bei ihm das eine nicht vom andern trennen lässt, sind es auch die Schlüssel für sein Leben. Was musst du tun, wenn du nicht mehr der Welt passierst, sondern die Welt nur noch dir? Klar hilft es dann, reich zu sein. Wenn man nicht mehr mag. Oder, noch schlimmer, wenn man total peinlich wird: Madonna ist doch auch reich.

Müßig. Er winkt ab. "Ich war neun Jahre in der Navy, und bin raus aus der Navy ohne Versorgung. Ich war Mechaniker bei Boeing, und bin raus bei Boeing ohne Versorgung. Ich bin '67 nach L. A. und habe den verdammten Plattenfirmen meine Songs vorgespielt. Endlos. Jahrelang."

Auf der Rückseite seiner grandiosen ersten Single "Harlem", die nie ein Hit wird, versteckt er damals ein kleines Lied. Er glaubt an dieses Lied von der ersten Sekunde an, aber es ist aus einem Grund nur auf der B-Seite: "Den weißen Radios war es zu schwarz. Den schwarzen Radios war es zu weiß."

Was soll man sagen: so ist es. Das Lied ist schwarz wie der Blues. Und es ist weiß wie die Reprise zu einer Revue am Broadway. Es atmet Pathos. Arrangiert aber ist es mit der Lakonie eines J. J. Cale. Withers singt nur drei Verse in diesem Lied, es gibt keine Bläser, keinen Funk, dafür Streicher. Vor allem aber ist da dieser weise, coole Bariton eines Mannes, der weiß, wie die Dinge laufen - in der Musik, im Leben.

Und dann geht das kleine, zwei Minuten lange Lied einfach los: "Ain't no sunshine when she's gone / It's not warm when she's away / Ain't no sunshine when she's gone/ And she's always gone too long / Any time she goes away."

So einfach ist das.

Das Lied beschert ihm eine erste Goldene Schallplatte und einen Grammy. Es gibt Hunderte Coverversionen. So ist das, wenn einer die Formel für das Geheimnis gefunden hat, alle singen dann mit. Zehn leuchtende Jahre - es sind die kompletten 1970er-Jahre - schreibt und spielt Withers für das Great American Songbook. Ende der 70er, Anfang der 80er, beginnt dann eine Epoche, in der Plattenfirmen Umsätze machen wie nie zuvor und erst recht nie mehr danach. Das Internet gibt es nicht, die CDs kommen, Doppelverwertungen lassen Geld regnen. Man nennt so eine Zeit gemeinhin eine gute Zeit.

Die Labels nun überziehen Künstler mit Knebelverträgen, und Label-Mitarbeiter, die nicht wissen, auf welcher Seite man ins Saxofon bläst, entwickeln Allmachtsphantasien gegenüber Künstlern, die nicht wissen, wie man Verträge liest.

Einer von denen, ein weißer Mann von CBS, enerviert den stillen, stolzen, schwarzen Superstar Bill Withers - geboren 1938 als sechstes von sechs Kindern in der armen Kohlemine Slabfork/West Virginia - mit einer Idee: Er, Withers, soll eine Coverversion von "In The Ghetto" singen, ein Lied des schneeweißen Elvis Presley, das schneeweißen Amerikanern bis heute ein Galeerenfeeling verschafft wie kein Blues dieser Erde. Und wie erst, wenn es ein richtiger Neger singt, nicht wahr?

Sometimes the world happens to people.

Er hat jetzt den Morgan-Freeman-Blick. Er ist jetzt ein kluger, desillusionierter Cop aus einer dieser amerikanischen Serien. Er schaut in den leeren Cappuccinobecher, dann etwas ratlos nach Marcia.

Dann sagt er, was er dem Mann von CBS damals antwortete auf dessen geile Idee: "Kiss my ass."

Das Leben ist hart - und weise wird keiner ohne Not. Bill Withers marschierte durch eine Phase der Selbstverleugnung. Für das Album seines Freundes Grover Washington schreibt und singt er den Riesenhit "Just The Two Of Us". Schönes Lied. Aber mit jedem Grund stellte der New Yorker vor einigen Jahren fest, dass das nicht mehr der Realist und Sprachkünstler Bill Withers war, der da von "christal raindrops" sang. 1985 nahm er seine letzte Soloplatte auf. Da war er 47. Er gab noch ein paar Konzerte hier und da, auch in Europa. Machte das Spaß?

Wie er seine Pausen setzt. Tatsächlich macht er nach jedem Satz eine Pause. Er erzählt. Dann interpretiert er das Erzählte. Es ist eine Art Fugentechnik. Er sagt: "Es war nicht mehr meine alte Band. Es war ein Abschied. Dieses Gefühl. Das wir kennen. Wir laborieren dann an der Schuldfrage herum. Wir sind Menschen. Wir empfinden Schuld. Uns gegenüber. Unseren Menschen gegenüber. Aber: Wir können entscheiden. Ich hatte als Kind nie eine richtige Familie. Fünf Geschwister. Aber meine Eltern trennten sich, da war ich drei. Mein Vater starb, da war ich 13. Jetzt, mit Marcia, hatte ich eine Familie. Ich hatte zwei Kinder." Pause. "Zwei kleine Kinder. Es war sagenhaft. Diese beiden unbeschreiblichen Kinder." Pause. "Ich entschied mich für die Familie."

Was er ist seither? Legende? Familyman? "Keine Ahnung, frag Marcia!"

Er ruft nach Marcia, die im Nebenzimmer am Computer sitzt.

"Marcia, was bin ich?" Er wartet. Und lacht und lacht und lacht. Dann, endlich, ruft Marcia: "I love you." Er klatscht in die Hände, sagt: "Familyman."

Alles, was jetzt kommt an diesem langen Nachmittag, ist sozusagen nicht mehr sein Bier. Es ist das Bier des Reporters, der leider erst beim Abhören des Gesprächs merkt, dass auch er versucht, was Plattenmanager, Konzertveranstalter und viele Musiker auch versuchen: Withers wieder zum Aufnehmen zu bewegen. Er findet das schmeichelhaft. Und zum Lachen: "Das Leben ist kurz. Ich habe Spuren hinterlassen. Sind ein paar Songs dabei, die bleiben?"

Beschämt macht man etwas wie: Pfff. Was für eine Frage!

"Okay, unter uns: Ich denke auch, dass das so ist. Und wenn man ein paar gute Sachen gemacht und dann von etwas die Schnauze voll hat, sollte man eine Entscheidung treffen." Pause. "Und ich weiß schon, was du gleich anmerken wirst. Der Mann hat gut reden, die Tantiemen. Damit liegst du nicht falsch. Aber wie gesagt: Ich habe meine Entscheidungen schon auf die gleiche Art getroffen, als ich noch ein armer Junge bei der Navy war." Pause. "Wir haben das Recht, uns zu verändern. Wir haben das Recht aufzuhören. Wir haben die Pflicht, Mann, auf unsere innere Stimme zu hören."

2009 lässt er plötzlich ein Lied ins Radio fallen, nebenbei, wie einen Diamanten in einen Hut

Es gibt eine brillante Fernsehdokumentation. Sie heißt "Still Bill" (im November wird sie über den Verlag Zweitausendeins endlich auch in Deutschland erhältlich sein), und wesentlich handelt sie davon, wie die New Yorker Filmemacher Damani Baker und Alex Vlack den verschwundenen Bill Withers 2007 in den Hollywood Hills aufspüren und ihn überzeugen, mit ihnen vor der Kamera zu sprechen - auch mit alten Weggefährten, Kinderfreunden aus West Virginia, dem schwarzen Aktivisten Cornel West, nicht zuletzt mit Marcia und seinen Kindern, die heute in den Dreißigern sind, Sohn Todd als Jurist, die Tochter, Kori Withers, als hochrespektierte, wunderbare Sängerin.

Es erforderte einen Berg an Überzeugungsarbeit der Filmemacher, Withers für diese Dokumentation zu gewinnen. Alex Vlack war es dann auch, der Bill Withers mit größter Behutsamkeit dazu überredete, den Reporter aus Deutschland zu treffen, nicht ohne diesem dann einen Rat mit auf den Weg zu geben: Man möge nicht der Arbeitsthese verfallen, es hier mit einem verbitterten Genie zu tun zu haben, der zudem keine Musik mehr mache. Die erste These sei sehr falsch - die zweite probably auch.

Möglicherweise ist gut: Es liegen frühe Tonbänder mit Songs und Skizzen in seinem Keller in den Hollywood Hills, die er vor ein paar Jahren aus dem Nachlass der alten Plattenfirma rausklagte. Und es liegen in diesem Keller, in dem sich ein verdächtig gut ausgerüstetes Tonstudio befindet, auch jüngere Songs. Er wird bearbeitet, diese Songs zu veröffentlichen. Er könnte sich eine Band basteln aus großen Musikern und den Elder Statesman des Soul geben - die wahrhaftig auferstandene Legende. Die Manager der heute siechen Plattenfirmen, sie würden töten für seine Rückkehr.

Er sagt: "Es wären womöglich die großen Hallen, die sie buchen würden, schon klar." Nicht nur Plattenmanager, die ihn einst schlecht behandelten, auch frühere Musikerkollegen wie George Benson oder Ralph MacDonald, auch junge Musiker macht seine Bockigkeit verrückt. Wieso nimmt er nicht die zehn besten der Lieder aus dem Keller und macht ein Album draus - wie der alte Bobby Womack, der gerade ein respektables Comeback hinlegte? Ist denn die Popmusik nicht sowieso alterslos geworden?

Er mustert lieb seinen Gesprächspartner, sein Blick sagt auch: Wer hat mir den Deutschen geschickt? Er versucht es dann so: "Wie gefällt dir dieser kleine Vergleich: Ich träume mein Leben lang von Sex mit Elizabeth Taylor. Schon als sehr junger Mann wollte ich Sex mit Liz Taylor haben. Aber immer ist es in diesen Träumen Sex mit der jungen Liz Taylor - nicht mit der alten! Okay?"

Dann: "Gestern rief mich ein Kumpel an. Worüber haben wir geredet? Natürlich über Obama und seinen Kampf gegen die Lutscher von den Republikanern. Und dann? Über altersbedingte Pigmentstörungen! Wenn du 30 bist, singst du über die Liebe, die Einsamkeit, das Leben in der Stadt. Du singst My-missus-has-left-me, und die Leute heulen Rotz und Wasser. Worüber reden wir heute, meine Freunde und ich? Pigmentstörungen, Rückenschmerzen, Darmspiegelungen, Cholesterinspiegel!" Er ruft: "Interessiert einen 30-Jährigen der Cholesterinspiegel? Nein! Ein 30-Jähriger macht Liebe mit seiner Lady, und danach ruft er: Brat' mir einen Alligator, Schatz! Ich hab' Hunger! Cholesterin? My ass!"

Er muss sehr lachen. "Alles hat seine Zeit, mein Freund, alles hat seine Zeit."

2004 taucht er plötzlich in einem Duett mit Jimmy Buffett auf. 2005 marschiert er, als käme er grad vom Einkaufen, unter hysterischem Jubel mit seiner Tochter in die Songwriters Hall of Fame. 2009 lässt er einen neuen Song ins Radio fallen, wie einen Diamanten, den er im Vorbeigehen in einen Hut wirft: eine vibrierend schöne Ballade, "A Telephone Call Away". George Benson veredelt das Lied für sein eigenes Album. In "Still Bill" (und auf YouTube mit den Suchbegriffen Bill/Kori Withers) sieht man hingegen, wie der alte Withers das Lied mit seiner Tochter nur so zum Spaß anspielt - er suchend, improvisierend, scherzend, dann plötzlich sie, mit einer Stimme, so leicht, sicher und hell, man könnte verrückt werden.

Man muss sich das, wenn er so einen Song seinem Freund Benson schenkt, als nette Geste vorstellen. Er will kein Mysterium sein, ein Salinger der schwarzen Musik, einer, der so hysterisch die Jalousien runterlässt, dass er dadurch immer öffentlicher wird. Er will in Ruhe sein Haus in den Hollywood Hills verlassen, sich um die Ecke einen Kaffee und die L.A. Times holen und sich damit unter einen Baum auf eine Bank setzen. Neulich hat er dort gelesen, dass ein 75-Jähriger in Los Angeles eine verdammt gute Zeit beim Marathon lief: "Weißt du, was ich dachte? Ich bin nicht dieser Mann." Der 71-jährige Neil Diamond, der für seine letzte Platte Withers' "Ain't No Sunshine" aufgenommen hat, heiratete neulich wieder: "Ich mag Neil. Aber weißt du, was ich dachte, als ich das las? Bill, Du bist nicht Neil Diamond."

Er erlebt seine Wunder nicht mehr auf Tour. Sondern daheim, um die Ecke.

So kam es, dass vor einigen Monaten, als er dasaß und seine Times las, eine Polizeistreife hielt. Zwei weiße Cops guckten aus dem Wagen raus in diesen eher von Weißen bewohnten Hollywood Hills. Sie guckten lange. Dann fragte ihn einer der beiden, was er da mache. Der große Bill Withers dachte eine Weile nach. Dann sagte er, dies sei eine interessante Frage. Und wenn er lange genug über diese Frage nachdenke, komme er zu dieser Antwort, die er ihnen nicht vorenthalten wolle: Er sitze auf einer Bank, trinke Kaffee, lese die Zeitung. Die Cops guckten. Er guckte zurück.

Er fragte die Cops, warum sie ihn fragen, was er da mache, wo sie doch sähen, was er da mache. Die Cops guckten. Er guckte zurück.

Einer der Cops sagte: "Es hat Einbrüche gegeben, Sir." Man muss sich die Situation bedrohlich vorstellen. Nun guckte er. Und die Cops guckten zurück.

Dann nahm er die Kappe ab, zeigte auf seine grauen Haare. Er sagte: "Aufgepasst, Freunde! Das Geld könnt ihr nicht zahlen, das ich verlangen würde, um hier in eine Villa einzusteigen. Ich bin 74. Es würde mich viel Mühe kosten." Und schließlich: "Es sei denn, es ist eine bestimmte Villa. Hier um die Ecke. Ich steige ohne Mühe in diese Villa. Indem ich den Schlüssel ins Türschloss stecke, ihn umdrehe und die Tür öffne. Ich wohne dort seit 40 Jahren." Er springt aus seinem Bürostuhl, reißt die langen Arme hoch, klatscht in die Hände: "Mann, ist das ein wundervolles Land?"

Hatte er Angst?

"No way. Ich weiß, dass sie Schwarze gerne mal mitnehmen und dann tagelang festhalten. Ohne Grund." Pause. "Aber es wäre die Schlagzeile wert gewesen. Bill Withers in den Hollywood Hills verhaftet! Er benahm sich verdächtig. Er trank Kaffee auf einer Bank!"

Er sagt: "Das Leben ist hart. Man darf den Humor nicht verlieren."

Er fährt einen zurück ins Hotel. Am Sunset Boulevard zeigt er auf ein Haus, hier stand das Hyatt, viele Arschlöcher von den Labels, na ja, dort war dieser Laden, da hinten jener, welche Farbe die Erinnerung hat, hm, was für eine Frage . . . okay, lila vielleicht. Eine Gruppe von fünf, sechs weißen Teenies, Baseballkappen, Hosen auf halbacht, latscht über die Straße.

Er sagt: "Look at the kids, was habe ich eben gesagt?" Eben, vor einigen Stunden, zu Beginn des Nachmittags, hatte er das hier gesagt: "Whatever the black kids do, the white kids will follow!"

Das hier ist die entscheidende Frage: Hat mein Leben sich gesteigert oder nur vermehrt?

Man denkt, Jesus, wäre das eine Zeile für einen neuen Song: "Whatever the black kids do / The white kids will follow."

Man denkt auch: Kann ich natürlich lange warten. Der New Yorker empfahl seinen Lesern, das Warten auf sein Comeback einzustellen, und den Jüngeren, seine alten Platten zu kaufen: "Man hat damit ein paar Freunde fürs Leben."

Tony Webster, der Held aus Julian Barnes' meisterhaftem Roman "Vom Ende einer Geschichte", stellt sich im Herbst seines Lebens eine atemberaubende, dabei einfache Frage: "Hatte mein Leben sich gesteigert oder nur vermehrt?"

Bill Withers, der atemberaubende, dabei oft einfache Lieder geschrieben hat, er hat sich diese Frage früher gestellt als Tony Webster. Jetzt hat er den Keller voller Songs. Er musiziert ein wenig mit seiner Tochter. Er sitzt auf seiner Bank. Er streitet mit Cornel West über Amerika. Hier und da schenkt er mal wem eines seiner Lieder aus dem Keller.

Neulich holte er sich einen Burger. Da fiel ein vielleicht 20-jähriger Schwarzer vor ihm auf die Knie: Bill Withers? Fuck! Du bist Gott, Mann! Du bist Gott, Mann! Du bist der gottverdammte Gott, Mann!

Beeindruckt?

"Man ist geschmeichelt. Nicht weniger. Nicht mehr. Es ist alles in Ordnung, okay? So, wie es ist, so ist es gut."

So brettert Gottes Pick-up mit Schwung in die Hoteleinfahrt. Abschied.

Er strahlt. Ein glücklicher Held in einem traurigen Land. Man weiß nun, was Reichtum ist. Was man jetzt endlich auch weiß: Er kann es immer noch. Er erzählt immer noch diese großen, kleinen, brillanten Geschichten. Über sein Land. Und über Menschen, die sich eine Frage stellen: Hat mein Leben sich gesteigert, oder hat es sich nur vermehrt?

"Pass auf dich auf, Mann!"

Leicht ist das nicht.

Oder eben doch.