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Zukunft des Lesens:Die elektronische Tinte kommt, der Geist bleibt

Tröstliches Fazit: Eine Studie der Uni Mainz zerlegt Mythen über das E-Book-Lesen. Der Wohlfühlfaktor beim Lesen bedruckten Papiers ist zwar höher, doch wer in E-Books oder Tablet-PCs liest, erfasst den Inhalt genau so schnell.

Das Buch dematerialisiert sich. Ist das, wie Bücherfreunde sagen, ein Sterben? Oder ist es nur die Auflösung der sterblichen Hülle? Ein guter Ausgangspunkt für die Frankfurter Buchmesse ist der Frankfurter Hauptfriedhof. Hier kann man während des Hochbetriebs der Buchbranche in wahrer Friedhofsruhe die Gräber von Theodor W. Adorno, Arthur Schopenhauer und Alois Alzheimer besuchen. Man kann sogar ausweislich von kleinen Plastikschildern alte Grabsteine - eine findige Idee in Zeiten knapper kommunaler Kassen - "käuflich erwerben". Wir kaufen dann aber doch keinen hüfthohen Marmorgrabstein aus wilhelminischer Zeit, zu schwer fürs Buchmessengepäck, und gehen weiter durchs nasse Herbstlaub.

Buchmesse Frankfurt - E-Book-Reader

Ein E-Book-Reader zwischen regulären Büchern: Weder bei der Lesegeschwindigkeit noch bei der "Behaltensleistung" konnten Mainzer Buchwissenschaftler signifikante Unterschiede zwischen Papier, E-Books und Tablet-Computern feststellen.

(Foto: dpa)

Hier auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, so notiert Ulrich Raulff im jüngsten Frankfurt-Themenheft der Zeitschrift für Ideengeschichte (Frankfurter Kreuz, Heft V/3, Herbst 2011. Beck Verlag, München), hier "organisiert das Funeralarchiv das langsame Verschwinden des materiellen Rests".

Ganz in der Nähe lädt dann der nach Berlin entwichene Geist des Suhrkamp Verlags zum traditionellen Kritikerempfang in die Unseld-Villa. Die Suhrkamp-Verlegerin hat keine große Freude an der Dematerialisierung des Buches und treibt das E-Book-Geschäft nicht gerade aggressiv voran.

Direkt zwischen Suhrkampempfang und Hauptfriedhof liegt die sogenannte Deutsche Nationalbibliothek - hier speichert man nicht bloß jedes neue deutsche Buch, es werden auch unzählige elektronische Texte, Internetseiten und Ähnliches archiviert. Karteileichen auf Riesenservern? "Nirgendwo", schreibt Ulrich Raulff über den gegenüberliegenden Friedhof, "ist der Geist lebendiger als in dieser Stadt der Toten".

Wie immer sich Geist und Materie in dieser Gegend verhalten mögen - angesichts der Dematerialisierung gibt es eine Sterbensangst, dass das Lesen auf Bildschirmen dem Lesen auf Papier nicht ebenbürtig sei und damit das Ende von Versenkung, Konzentration und erotischer Lektüre bedeute. Diesem Eindruck tritt eine neue Studie der Buchwissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz entgegen, die jetzt auf der Buchmesse vorgestellt wurde.

Kulturell geprägte Perspektive contra neuronale Realität

Die Forscher haben eine Gruppe von Studenten und eine Gruppe von älteren Semestern verschiedene Texte verschieden lesen lassen: auf Papier, auf dem E-Ink-Reader (Kindle) und auf dem berührungsempfindlichen Tablet-Computer (iPad). Dabei wurden die neuronalen und kognitiven Vorgänge untersucht - durch Aufzeichnung von Augenbewegungen und Hirnaktivität sowie durch Verständnisfragen zum Text.

Die Probanden der Studie hatten subjektiv, so gaben sie an, einen höheren "Wohlfühlfaktor" beim Lesen des bedruckten Papiers. Aber weder bei der Lesegeschwindigkeit noch bei der "Behaltensleistung", so das wichtigste Ergebnis des Experiments, konnten signifikante Unterschiede zwischen Papier, Kindle und iPad festgestellt werden. Das gilt jedenfalls für Texte von der Länge einer DIN-A4-Seite, die man bei der Studie eingesetzt hat, teils mit fiktionalem Inhalt, teils mit komplizierterer Fachprosa - ob es sich bei langen Romanen anders verhält, wäre noch zu untersuchen.

Die subjektive Präferenz für das gedruckte Buch", so fasste der Mainzer Neurolinguist Matthias Schelensky die Studie zusammen, "ist nachweislich kein Kriterium für die Schnelligkeit und Güte der Informationsverarbeitung." Und Stephan Füssel, der Leiter des Instituts für Buchwissenschaften, konstatierte, "dass unsere kulturell geprägte Perspektive auf das Lesen von Büchern und das Lesen von E-Books nicht mit unserer neuronalen Realität übereinstimmt".

Lebendige Geister und weniger lebendige

Es liegt also nicht an einer messbaren Minderwertigkeit der Bildschirmlektüre, wenn man Texte zum Lesen lieber ausdruckt -, sondern an Erziehung und Gewöhnung, an eingeübten Mechanismen des Anfassens und Bearbeitens sowie an der berechtigten Angst der Ablenkung durch das umgebende Internet, E-Mail-Alerts und Ähnliches, wobei ja auch bei der analogen Lektüre Abschweifungen und Störungen nicht unbekannt sind.

Und so sprachen die Buchwissenschaftler das für die ganze große Buchmesse tröstliche Fazit aus: "Es gibt keinen Clash der Lese-Kulturen - ob analog oder digital, Lesen bleibt die wichtigste Kulturtechnik."

Man hört und sieht in den Buchmessenhallen noch vieles andere. Lebendige Geister und weniger lebendige, analog oder digital. Kehrt man dann zurück auf den Frankfurter Hauptfriedhof, kann man am Grab von Alois Alzheimer noch einmal seine Behaltensleistung überprüfen.

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