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"X-Men: Dark Phoenix" im Kinol:Ende einer Therapiestunde

Jean (Sophie Turner) hat aus Versehen eine Wolke Energie aufgesaugt.

(Foto: Fox)

In "X-Men: Dark Phoenix" schafft es Regisseur Simon Kinberg gemeinsam mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Michael Fassbender seinen Figuren so etwas wie Tiefe zu geben.

Mal kurz angenommen, beim neuen "X-Men"-Film "Dark Phoenix", Teil zwölf der Reihe, würde sich ein Kinovorführer den Scherz erlauben, statt der zweiten Hälfte einfach das Ende von, sagen wir, "X-Men 3" zu zeigen - es würde wahrscheinlich nicht jedem Zuschauer auffallen.

Superheldenfilme haben inzwischen eine so starre Ästhetik und Dramaturgie entwickelt, dass besonders die obligatorischen Prügeleien am Ende zunehmend austauschbar sind.

Wer genau wen warum vermöbelt, ist fast egal, es geht um die Choreografie und die Effekte. Die Figuren und die Stars müssen nur gut und möglichst ohne Ecken und Kanten in Szene gesetzt werden. Denn sie sind die Marken, die Kinotickets verkaufen und nicht ein interessanter Regisseur, ein kontroverses Thema oder gar ein innovatives Konzept.

Superheldenfilme sind die natürliche Evolution des Blockbusters, ein immer und immer wieder reproduzierbares, erfolgversprechendes Filmgerüst, um Stars und Figuren zu präsentieren, ohne auf so etwas wie eine Handlung, die das Spektakel stören könnte, zu sehr achten zu müssen.

Am Anfang des neuen Abenteuers der "X-Men", das mal wieder meisterhaft dem Muster des Superheldenfilms folgt, raunt eine Stimme, dass sich alles irgendwo hin entwickeln müsse und man fragt sich, wohin sich denn bitte noch etwas entwickeln soll bei einem Produkt, das schon so glatt und durchkomponiert ist, dass jedes Experiment und jede Variation wie ein Makel wirken muss.

Jean Greys übermenschlichen Gedankenkräfte geraten außer Kontrolle

Vielleicht ist die Fernsehserie gemeint, denn wie die Folge einer solchen fühlt sich "Dark Phoenix" an. Anfang und Ende sind wie Nahtstellen zum Umfeld der anderen Superheldenfilme, die versprechen, dass, egal was hier jetzt passiert, alles im Kern so bleiben wird, wie es bereits ist.

Die "X-Men" müssen also zu einer Rettungsmission ausrücken und ein paar gestrandete Astronauten retten, als wäre es Alltag. Ist es ja irgendwie auch, es geht alles gut, nur die schöne Jean Grey, gespielt von "Game of Thrones"-Prinzessin Sophie Turner, saugt aus Versehen eine Wolke kosmischer Energie auf. Das ist gar nicht gut, denn ihre übermenschlichen Gedankenkräfte geraten außer Kontrolle.

Bald hat sie alle ihre Mutantenfreunde gegen sich aufgebracht und dazu noch eine Bande außerirdischer Überwesen auf den Fersen, die ihre kosmische Wolke dringend zurückhaben wollen.

Die X-Men könnten unterm Disney-Regime bald gewöhnliche Superhelden werden

Die X-Men sind eigentlich die Außenseiter unter den Superhelden. Die Freaks, die Ausgestoßenen, die Alleingelassenen. Ihre Kräfte sind immer Fluch und Gabe zugleich, wie bei Cyclops, der aus seinen Augen rote Laserstrahlen schießt, aber dafür halt nichts anschauen kann, was er nicht zerstören möchte.

Oder Mystique, die seit ein paar Filmen von Jennifer Lawrence gespielt wird, und die ihre Gestalt nach Belieben ändern kann, dafür in ihrem normalen Zustand aber schuppige, blaue Haut hat.

Die X-Men sind vielschichtiger als andere Superhelden und durch ihre ständig thematisierten Schwächen auch menschlicher und zugänglicher. Sie sind eine Allegorie auf alle, die, aus welchen Gründen auch immer, von der geltenden Norm abweichen, oder die sich auch nur selbst irgendwie nicht richtig dazugehörig fühlen.

Die X-Men könnten bald normale Superhelden werden

Diese Allegorie, die sich durch alle der inzwischen zwölf Filme zieht, ist so stark, weil sie keinen pädagogischen Anspruch hat, sondern die Schwächen und Probleme der Charaktere selbstverständlich thematisiert, und dazu aber trotzdem noch ein kurzweiliger Actionfilm erzählt wird.

Auch Simon Kinberg, der mit "Dark Phoenix" sein Regiedebüt gibt, schafft es, trotz ständiger Ablenkung durch das Staraufgebot mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Michael Fassbender seinen Figuren so etwas wie Tiefe zu geben. Wie auch in anderen "X-Men"-Filmen werden die Helden am interessantesten, wenn es um die Frage geht, wie sich die, die anders sind, zu verhalten haben und warum für sie immer andere Maßstäbe gelten, als für die Normalen.

Der Film, der sich so vorbildlich an die Superheldenformel hält, deutet in seiner Stromlinienförmigkeit aber auch schon an, dass die X-Men bald solche ganz normalen Superhelden werden könnten. Denn wie die "Avengers" gehören die X-Men mittlerweile zu Disney - und beide stammen ursprünglich aus dem Marvel-Verlag, wo sie in den Comics schon lange gemeinsame Abenteuer erleben. Ob zwischen Gefechten mit Thor, Hulk und Captain America noch Zeit für Super-Befindlichkeiten bleiben wird?

Dark Phoenix, USA 2019 - Regie, Buch: Simon Kinberg. Kamera: Mauro Fiore. Schnitt: Lee Smith. Musik: Hans Zimmer. Mit: Sophie Turner, Jennifer Lawrence, James McAvoy, Michael Fassbender, Jessica Chastain. 20th Century Fox, 113 Minuten.