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Woody Allens Biografie:Ein fatales Signal an Missbrauchsopfer und Autoren

Nach Protesten: US-Verlag will Woody-Allen-Buch nicht drucken

Hollywood-Regisseur Woody Allen.

(Foto: dpa)

Der Verlag Hachette sagt die Veröffentlichung von Woody Allens Biografie ab. Nun steht er als Unternehmen da, das erst auf Profit setzte und dann beim ersten Widerstand einknickte. Was für ein Trauerspiel.

Beim Interview vorigen Sommer in Paris antwortete Woody Allen auf die Frage, ob sein Leben nicht Stoff für mindestens 1000 Seiten hergebe: "Auf gar keinen Fall, dafür ist es nicht spannend genug!"

Das war einerseits natürlich brutales Understatement - andererseits hat der 84-Jährige Wort gehalten: Seine Autobiografie mit dem Titel "Apropos of Nothing", die am 7. April hätte erscheinen sollen, hat laut Verlagswebseite genau 400 Seiten. Das Buch ist bereits gedruckt und kann bei Anbietern wie Amazon vorbestellt werden, aber lesen wird man es vorerst wohl trotzdem nicht können. Die Verlagsgruppe Hachette, deren Tochterunternehmen Grand Central Publishing das Buch herausbringen wollte, hat die Veröffentlichung am Freitag abgesagt, wie unter anderem die New York Times berichtet.

Eine Sprecherin von Hachette sagte laut Variety, die Entscheidung, das Buch fallen zu lassen (für das Allen laut der Branchenzeitschrift bereits Geld bekommen hat), sei "schwer" gewesen: "Wir nehmen die Beziehungen zu unseren Autoren ernst und sagen Bücher nicht einfach ab." Nach ausführlichen internen Gesprächen wäre man aber zu dem Schluss gekommen, dass die Veröffentlich sei nicht mehr "machbar" sei.

Das ist eine Wendung, die man freundlich gesagt als befremdlich bezeichnen kann - und zwar ganz unabhängig davon wie man sich zu Woody Allen positioniert. Denn im Fall der Missbrauchsvorwürfe steht seit 1992 Wort gegen Wort, ohne dass eine der beiden Seiten neue Beweise für Schuld oder Unschuld des Filmemachers hätte vorlegen können. Man kann natürlich zu dem Schluss kommen, nicht mit Allen arbeiten zu wollen. Aber da alle bekannten Fakten seit knapp drei Jahrzehnten auf dem Tisch liegen, sollte man sich das vielleicht überlegen bevor man einen Vertrag mit ihm abschließt, anstatt danach.

So steht der Verlag Hachette nun als Unternehmen dar, das beim Stichwort Woody-Allen-Biografie erst die Dollars klingeln hörte und dann beim ersten Widerstand einknickte. Ganz ähnlich wie die Darsteller seines letzten Films "A Rainy Day in New York" (2019): Jungstars wie Timothée Chalamet und Selena Gomez drehten den Film mit ihm ab, als das für jeden Schauspieler noch ein Ehrenabzeichen war; als die öffentliche Stimmung in Hollywood kippte, ohne dass sich an der Sache etwas geändert hatte, entschuldigten sie sich für ihre Auftritte und distanzierten sich von dem Film.

Die Entscheidung von Hachette sendet ein fatales Signal: an Missbrauchsopfer, weil den Verlag der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs nicht gestört zu haben scheint, solange in Aussicht stand, dass man mit dem Buch Geld verdienen kann; und an Autoren, weil der Verlag sie nicht aufgrund von Fakten und Beweisen, sondern von Meinungen und Stimmungen fallen zu lassen scheint. Das hat nichts mehr mit den ehernen Absichten der "Me Too"-Bewegung und ihren Unterstützern zu tun, sondern ist schlicht und einfach ein Trauerspiel.

Der Hamburger Rowohlt Verlag, der die Rechte für den deutschen Markt erworben hat, will laut einer Sprecherin an der Veröffentlichung festhalten und das Buch unter dem Titel "Ganz Nebenbei" am 7. April wie geplant herausbringen.

© SZ.de/jps
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