"Woody Allen: A Documentary" im Kino Lebenswerk aus gelben Zetteln

Robert B. Weide beschäftigt sich in "Woody Allen: A Documentary" mit dem künstlerischem Schaffen. Leider beschränkt er sich auch darauf. Doch immerhin ist er bis zum Nachttisch vorgedrungen - der birgt Filmstoff.

Von Martina Knoben

Als Allan Stewart Konigsberg im Alter von 16 Jahren für seine Witze erstmals Geld bekam, änderte er seinen Namen in Woody Allen. Er ging noch zur Schule und wollte nicht gehänselt werden für Gags, die unter seinem echten Namen in der Zeitung erschienen. Damals wurde aus dem schmächtigen jüdischen Jungen mit den rötlichen Haaren, der viel Klarinette spielte, ein Entertainer - ein stiller, unsichtbarer Unterhalter zunächst, der Pointen für andere schrieb. Diese waren allerdings so genial, dass der junge Woody bald mehr als seine Eltern verdiente.

Alles über den Filmemacher, wenig über den Menschen - eine Szene aus "Woody Allen: A Documentary". 

(Foto: dpa)

Zwischen dem Künstler Woody Allen und der Kunstfigur, die er erschaffen hat in zahllosen Sketchen, Interviews und Filmauftritten, lässt sich nach einer Karriere von mehr als fünfzig Jahren schwer unterscheiden, Robert B. Weides Filmbiografie "Woody Allen: A Documentary" ist in dieser Hinsicht auch keine große Hilfe. Fast zwei Jahre lang hat Weide den Regisseur begleitet, sich in Allens umfangreiches Werk gewühlt, mit zahlreichen Weggefährten und -gefährtinnen gesprochen und anhand dieser Interviews und prägnanter Filmausschnitte Allens künstlerischen Werdegang nachgezeichnet - der Mensch Woody Allen aber bleibt unsichtbar.

Kein Wunder eigentlich bei einem Workaholic, der seit seinem Einstieg ins Filmgeschäft, 1965, als er für "Was gibt's, Neues Pussy" das Drehbuch schrieb, im Jahresabstand einen Film dreht, der Erzählungen, Theaterstücke und Kolumnen schreibt und begeistert Jazz spielt. Leben und Arbeit scheinen für ihn eins zu sein, das legt eine Sequenz in Allens Schlafzimmer nahe: Da breitet der Filmemacher einen Haufen gelber Zettel auf seinem Bett aus, Notizen und Gekritzel, die er "Meine Sammlung" nennt. "Jedes Mal, wenn ich ein neues Projekt beginne, sitze ich hier und schaue es durch." Was er nicht braucht, landet wieder in der Nachttischschublade.

Der Einblick in Woody Allens Zettelwirtschaft zählt zu den persönlichsten, charmantesten Momenten in Weides Film, dem der Regisseur über die reichlich affirmative Nacherzählung des Künstlerlebens hinaus leider kein Thema gegeben hat. Dabei hätte einiges nahe gelegen - das Nostalgische etwa, das sich in Allens Art zu arbeiten ebenso findet wie in seinen Filmen. Wie ein letztes Rückzugsgefecht des Analogen in einer durchdigitalisierten Welt mutet etwa die Art und Weise an, wie Allen seine Drehbücher schreibt: immer noch auf derselben Olympia-Schreibmaschine, die er sich als 16-Jähriger kaufte, einem deutschen Modell, das zuverlässig funktioniere "wie ein Panzer" und ihn wohl überleben werde, wie Allen sagt. Das praktische "Copy and paste", das Kopieren und Ersetzen, wie man es vom Schreiben am Computer kennt, führt er mit Schere und Tacker aus. Wenn er einen Absatz verschieben will, den er auf seiner Schreibmaschine getippt hat, schneidet er ihn aus und heftet ihn an anderer Stelle im Drehbuch wieder ein.

Auch die scheinbaren Brüche

Nostalgische Gefühle lösen auch die New-York-Bilder aus, die Weides Dokumentarfilm eröffnen und die Erzählung von Allens Kindheit begleiten. Ob und wie sich dessen Amerikabild geändert hat - nach 9/11, Bankenkrise und Occupy-Wall-Street - hätte man thematisieren können, aber auch dieses Feld wird von Weide nur kurz berührt. Im Zentrum des Films steht Allens beeindruckendes Œuvre und die Erinnerungen vieler Beteiligter an ihre Arbeit mit dem Künstler.

Die Schauspieler Diane Keaton, Mariel Hemingway, Scarlett Johansson, Penelope Cruz, Naomi Watts und Sean Penn, Allens Schwester und Produzentin Letty Aronson, seine Freunde Martin Scorsese und Dick Cavett, der frühere Manager Jack Rollins und viele andere kommen zu Wort und machen Allens künstlerische Entwicklung nachvollziehbar, auch die scheinbaren Brüche in dessen Filmografie. Den großen Bruch im Leben Woody Allens aber beleuchtet dieser Dokumentarfilm kaum: den Skandal, als das Verhältnis mit Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner damaligen Frau Mia Farrow, ans Licht kam; Weide geht nur kurz darauf ein. Es gibt keinen Blick hinter die Kulissen, sondern wieder den manischen Künstler Woody Allen. In der heißen Phase der Trennung drehte er seinen letzten Film mit Mia Farrow, "Ehemänner und Ehefrauen", 1992. Darin deklinieren die beiden als Filmpaar noch einmal alle Streitthemen einer Ehe durch.

Woody Allen: A Documentary, USA 2011 - Regie, Buch: Robert B. Weide. Kamera: Buddy Squires, Bill Sheehy, Anthony Savini, Neve Cunningham, Nancy Schreiber. Schnitt: R.B. Weide, Karoliina Tuovinen. Musik: Paul Cantelon. NFP, 113 Minuten.