bedeckt München

Wiedereröffnung der Pinakothek der Moderne:Träumer gesucht

Lange waren surrealistische Künstler wie René Magritte verpönt. Das ändert sich gerade. Die Münchner Pinakothek der Moderne liegt im Trend, wenn sie nun mit Bildern dieser und geistesverwandter Maler und der Schau "Traum-Bilder" wiedereröffnet.

Von Kia Vahland

Lange ähnelten sich die Museen der Moderne in ihrem Wandschmuck: Abstrakt mussten viele Gemälde sein, erwünscht waren Konzeptkunst, Minimal Art und dazwischen höchstens einmal der leidenschaftliche Ausbruch aus der Farbtube eines abstrakten Expressionisten. Als altmodisch gefühlig galt noch bis vor Kurzem sogar das deutsche Informel, das sich nach dem Krieg aus Surrealismus und Abstraktion gleichermaßen genährt hatte.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, die, etwa bei der gerade wieder entdeckten Hilma af Klint, auf die mystischen Urgründe der Abstrakten hinweisen. Wenn aber das Rationale eigentlich irrational ist und die Welt sowieso, dann kann man sich auch gleich einer Kunst hingeben, die in den Tiefen des Unbewussten wühlen will. Das taten vor dem Krieg vor allem surrealistische Maler wie René Magritte und Salvador Dalí, Künstler also, deren Bilder sich bis vor einiger Zeit vor allem in den Postershops nicht allzu edler Möbelgeschäfte wiederfanden. Jetzt aber kommen die Alten mit Wucht zurück: Das Pariser Pompidou widmete Dalí im vergangenen Jahr eine schwergewichtige Retrospektive und Ende dieses Monats eröffnet eine Magritte-Schau im New Yorker MoMA. Die Münchner Pinakothek der Moderne liegt im Trend, wenn sie nun mit Bildern dieser und geistesverwandter Maler wiedereröffnet.

Das ist außer Gespür vor allem Glück, denn gerade jetzt fällt die Sammlung des Textilunternehmers Theo Wormland endgültig an die Bayerische Staatsgemäldesammlung, zur freien Verfügung. Der Wahlmünchner hatte seine Kunst in den Sechziger- und Siebzigerjahren gekauft, als Magritte und Kollegen noch in Mode waren. Er konnte schon von Berufs wegen kaum anders: Keine Kunstströmung hat je dem industriellen Nähen so gehuldigt wie der Surrealismus, der mit dem Schriftsteller Lautréamont von der "zufälligen Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch" schwärmte. Tatsächlich ist die Ausstellung voller Schirme und Nähzeug (darunter leider auch wenig subtile Stücke wie Isabel Quintanillas hyperrealistische "Huldigung an meine Mutter" von 1971).

Verspielt ist diese Kunst, und das ist auch schon der einzige gemeinsame Nenner. Max Ernst quält sich in "Totem und Tabu" 1941 im deutsch-düstren Wald mit Abklatschverfahren, was eine ziselierte Bildoberfläche ergibt, die kaum zu reproduzieren ist. Magritte dagegen denkt von vorneherein an Vervielfältigung: Sein Farbauftrag ist gleichmäßig, sein Bildwitz liegt immer im Motiv, nicht in der Technik.

Es gibt in der Schau Werke beinahe vergessener Künstler wie dem Maler Werner Heldt, der das Nachkriegsberlin in einer stupenden Mischung aus deutscher Bauhausmoderne und französisch wuchernden Formen einfängt. Oder Horst Egon Kalinowski, ein Bildhauer, der in den Siebzigern Gefallen an altem schwarzem Leder und Holz von Bahngleisen fand. So roch die bundesdeutsche Vergangenheit.

Inmitten dieser nostalgischen Vergnügungen erschließt sich plötzlich die innige Farbverwandtschaft zwischen einem kleinen gelbblauem Gemälde von Max Ernst und den rhythmischen Kreisgemälden Ernst Wilhelm Nays. Der Surrealismus kann sich zur Abstraktion hin auswachsen - oder entstammt ihr manchmal sogar, wie in Pablo Picassos launisch quäkender "Frau", die er in Erdfarben auf ein noch durchschimmerndes Regalbrett bannte. Dass schräg gegenüber ein übergewichtiges Paar von Fernando Botero die Bildrahmen zu sprengen droht, wirkt auch heute noch wie eine schwer erträgliche Provokation: Botero in einem Saal mit Picasso? Auf diese Kombination wären Museumskustoden von alleine wohl nicht gekommen - das kann nur einem Sammler einfallen, der sich keinem Kanon verpflichtet fühlt.

Der aber erstand auch ein Hauptwerk Dalís, "Das Rätsel der Begierde" von 1929. Ein verletzlicher Träumer kämpft dort gegen mütterliche Übermacht und dafür, seine Zukunft selbst zu schreiben. Auf dem Bild gelingt das, mediterrane Weite kündet von möglicher Freiheit. Es ist auch die Freiheit der Kunst, zu tun, was ihr gefällt.

Traum-Bilder, Pinakothek der Moderne München, bis 26. Januar, Katalog (Hatje Cantz): 34,80 Euro.

© SZ vom 14.09.2013
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema