Zum Tod von Werner Schneyder Der Kabarettist und Ringrichter

Werner Schneyder, geboren 1937 in Graz, bezeichnete sich selbst gern als "Universaldilettant".

(Foto: dpa)

Er war das bullige Gegenüber des nuschelnden Dieter Hildebrandt in der Lach- und Schießgesellschaft. Und er liebte den Boxsport. Jetzt ist der österreichische Autor Werner Schneyder gestorben.

Nachruf von Willi Winkler

Vor zwei Jahren, da war er schon achtzig, brachte er im Wiener Akademietheater sein unwiderruflich letztes Abschiedsprogramm mit dem zuckmayerenden Titel "Das war's von mir". Der Abschied gehört mindestens seit Joseph Haydns 45. Sinfonie zu den Gemeinplätzen österreichischen Kunstschaffens und war schon immer eine Auftrittsmöglichkeit, die sich kein rechtdenkender Künstler entgehen lassen konnte. Doch war genau genommen Werner Schneyders gesamtes Arbeitsleben - ob auf der Bühne, im Kabarett oder im Fernsehen - ein einziger langer Abschied, ein letzter Gruß nämlich aus der Wiener Wortwerkstatt des vorletzten, des echten fin de siècle.

Er kam, woher auch sonst, aus der Provinz, aus Graz, doch war der Vater heimatvertrieben aus Wien, jenem Wien, in dem sich Karl Kraus mit Imre Békessy anlegte, Hofmannsthal verachtete und Freud nie die Entzauberung des Wiener Madls verzieh. In Klagenfurt, wo Schneyder aufwuchs, wusste kaum einer davon, aber die österreichische Vernichtungslust durch die bessere Sprache war in Kärnten kaum geringer ausgebildet als in der Hauptstadt. Natürlich trieb sich der junge Schneyder, statt etwas zu lernen, auf dem Fußballplatz herum, war vom Boxen fasziniert, überhaupt von jeder Art von sportlichem Wettkampf. Aus dem Buben sollte trotzdem was Gescheites werden, er studierte also Journalismus, es reichte sogar zu einem österreichischen Doktor, was ihn nicht davon abhielt, als Epigrammatiker, als literarischer Kleinkünstler zu debütieren, der stilgerecht erfolglos bleib.

Moderator des Aktuellen Sportstudios

Die Kunst geht aber seit je nach Brot, Aphorismen machen brotlos und selten so sexy, dass sich eine liebende Frau findet, die einen durchfüttert. Der Rundfunk ernährte ihn, da und dort eine Dramaturgie, das übliche Elendsgeschäft, bis er 1973 an die Münchner Lach- und Schießgesellschaft geriet oder vielmehr an deren Kopf und Hirn und besten Charakterdarsteller, an Dieter Hildebrandt. Der gab, schüchtern zwar, vorne an der Rampe den nuschelnden, scheinbar verunsicherten Staatsbürger, doch lieferte ihm aus dem Hintergrund der bulligere Schneyder die rhetorischen Spitzen zu, den österreichischen Schmäh, noch einmal extra verfeinert um das, was Erich Kästner aus dem Vorkriegsberlin nach München gerettet hatte.

Nebenbei betätigte sich Schneyder als Ringrichter bei Boxkämpfen und wurde dreiviertels sogar ein Star, als er das Aktuelle Sportstudio moderierte, das bei ihm wenigstens eine leichte Neigung ins Unernste und erfreulich Semiprofessionelle erhielt. Mit Hildebrandt zusammen bereiste er 1985 die mürbe gewordene DDR, die nur noch durch Straußens Milliardenkredit beatmet wurde, und - historisches Verdienst! - destabilisierte sie weiter.

Kein geringer Antrieb war der ihm unbegreifliche Erfolg seines Landsmanns Thomas Bernhard. Der werde, so höhnte Schneyder bei jeder Gelegenheit, mit seinem Tod schon vergessen sein. Bernhard ist vor dreißig Jahren gestorben und lebendiger denn je. Sein Antagonist Schneyder aber wurde einer der Könige in der absterbenden Kunst des Kabaretts, ein Lear mit Schandmaul.

In einer stillen Stunde hätte Schneyder den Grabspruch, den Robert Scheu bereits 1926 auf die Nachahmer und Gegner seines verehrten Karl Kraus gefunden hatte, auch auf sich bezogen: "Wie tief ist die Sonne unseres Zeitalters gesunken, wenn solche Pygmäen solche Schatten werfen!" Am Sonntag wurde bekannt, dass dieser späte Nachfahr der Wiener Schule gestorben ist. Der große Pygmäe Werner Schneyder wurde 82 Jahre alt.