"Werk ohne Autor" im Kino Voller künstlerischer Zweifel

Tom Schilling spielt den Künstler Kurt Barnert, der aus der DDR nach Westdeutschland flieht.

(Foto: null; Verleih)
  • Florian Henckel von Donnersmarcks neuer Film handelt vom Leben Gerhard Richters - und dessen künstlerischen Zweifeln.
  • Donnersmarck verwendet jedoch ziemlich fragwürdige Stilmittel, um dieses existenzielle Ringen zu veranschaulichen. Sie lassen am Geschmack ihres Schöpfers zweifeln.
  • "Werk ohne Autor" läuft von Mittwoch an im Kino.
Von Tobias Kniebe

Der Anspruch ist hoch, von Anfang an. "Werk ohne Autor" hat größere Ambitionen als die gängige Filmbiografie, als der übliche Bilderbogen deutscher Geschichte. Florian Henckel von Donnersmarck, Autor, Regisseur und Produzent, hat sich für seine Rückkehr ins Kino acht Jahre Zeit gelassen. Nun möchte er auch weiter vorstoßen als alle anderen, nämlich zum Wesen des Künstlertums an und für sich. Und er verschwendet keine Zeit, wenn er seinen Protagonisten Kurt, der einmal ein weltberühmter Maler werden soll, hier aber erst sechs Jahre alt ist, gleich in die Ausstellung "Entartete Kunst" schickt.

Dresden 1937: Kurt, kurze Hosen, weitgeöffnete Kinderaugen, wird in diesen Momenten geprägt. Er starrt ins verstörende Gesicht von Eugen Hoffmanns Skulptur "Mädchen mit blauem Haar", verweilt vor Werken von Max Ernst, Kirchner, Klee, Kandinsky. Ein siegesgewisser Ausstellungsführer (Lars Eidinger in einer Gastkarikatur) versichert ihm, diese Art von Geschmiere könne jeder hinbekommen, sogar er, und formuliert auch brav die ästhetische Theorie, die es im Folgenden zu überwinden gilt: "Denn Kunst kommt von Können."

Ob Klein-Kurt (Cai Cohrs) das alles schon einordnen kann, ist nicht ganz klar. Das kann aber seine neunzehnjährige, auffallend attraktive Tante Elisabeth, die ihn begleitet (Saskia Rosendahl). Sie versteht viel von Entgrenzung und Ekstase. Wenig später stellt sie eine solche sogar selbst her, mit Hilfe der wartenden Fahrer am zentralen Busbahnhof. Diese drücken, auf Elisabeths Kommando hin, gleichzeitig auf ihre Hupen, es entsteht ein gewaltiger, vibrierender Klang wie von Engelsposaunen, in dem sie mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen badet, während die Kamera sie in wilder Kreisfahrt mehrfach umrundet. Elisabeth danach, atemlos: "Ein Bild zu malen, das sich so anfühlt. Das ist es, was sie versuchen, diese entarteten Künstler."

Joseph Beuys, Günther Uecker und Sigmar Polke tauchen unter anderen Namen auf

Ist das, im Kern, schon die Donnersmarcksche Kunsttheorie, die hier nun in mehr als drei Stunden entrollt werden soll? Auffällig ist zunächst, wie umstandslos die den Nazis verhasste, von Donnersmarck aber natürlich verehrte klassische Moderne hier kunstphilosophisch in eins fallen soll in einem Ekstasemoment, den der Regisseur selbst inszeniert. Und zwar nach allen Überwältigungsregeln Hollywoods, mit überlaut dröhnender Tonspur und dem seit seinen Ursprüngen bei Fassbinder und Ballhaus reichlich abgenutzten Stilmittel der Kamerakreisfahrt, das im Werkzeugkasten des Angeberkinos inzwischen sehr gut aufgehoben ist.

Jedenfalls versteht man nach dieser Szene gleich besser, warum dem Film seit seiner Weltpremiere auf dem Festival von Venedig ein gewisser Ruf vorauseilt. Kritiker haben ihm bereits die räuberische Aneignung einer Künstlerbiografie vorgeworfen, eine geschmacklose Gaskammerszene, sogar Relativierung von Naziverbrechen. Das hängt alles mit einer gewissen Hemmungslosigkeit im Einsatz der Mittel zusammen; und mit einer - freundlich formuliert könnte man sagen: Furchtlosigkeit - angesichts der größten denkbaren Themen: Schuld und Sühne, Wahrheit und Schönheit.

Kino Szene in neuem Donnersmarck-Film löst Debatte aus
"Werk ohne Autor" in Venedig

Szene in neuem Donnersmarck-Film löst Debatte aus

Darf man einen Tod in der Gaskammer zeigen und dazu als Paralellmontage die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten?   Von David Steinitz

Kurze Positionsbestimmung, bevor es tiefer in die Analyse geht: Der Film lädt zu schnellen tödlichen Urteilen ein, das ist klar - und das in einer Social-Media-Gegenwart, die Schnelligkeit und Tödlichkeit des Urteils mehr als alles andere belohnt. Grundsätzlich aber ist festzuhalten: Es ist gut, dass es noch Filmemacher gibt, die mit derart gewaltigen Ansprüchen antreten, die herrschende intellektuelle Ödnis ist schlimm genug; und gut ist auch die Arbeit an Geschichten, die spezifisch mit diesem Land zu tun haben. "Das Leben der Anderen", Donnersmarcks wirklich gelungenes Debüt, das ihm den Oscar einbrachte, ist eng verwandt mit diesem neuen Werk. Damals wurde im Kern ebenfalls die Frage verhandelt, welche Wahrheit die Kunst hervorzubringen vermag, und was das in der Seele sogar eines Stasi-Offiziers anrichten kann.

Aber nun weiter mit Kurt, der bald erfahren muss, dass seine schöne, ekstasebereite, ästhetisch klarsichtige Tante schizophren ist. Verzweifelt protestierend wird sie in eine Anstalt abtransportiert. Damit wäre ein neues Feld aufgerissen, das auch schon andere eifrig bestellt haben: der Wahnsinn als Verbündeter der Kunst, mit direkterem Zugang zur Wahrheit, und so fort. Nach ein paar Szenen, in denen Elisabeth um ihr Leben fleht, fällt sie dem "Euthanasie"-Programm der Nazis zum Opfer und wird in die Gaskammer geführt, was man auch sieht - bis zur Verriegelung der Tür und zum Aufdrehen des Gashahns durch eine Hand mit SS-Totenkopfring.

Gerhard Richter äußert sich zum fertigen Film mit einem eisernen Schweigen

Schon da kann man mit guten Gründen aussteigen, aber es kommt noch heftiger, denn die Szene ist Teil einer Montage. Zugleich erlebt Kurt von erhöhter Position aus, wie alliierte Bomber den Himmel verdunkeln und Dresden brennt, und mitten in dieser Flammenhölle brennt auch noch speziell eine Mutter mit ihren Kindern. Man kann diese Schnittfolge als Gleichsetzung interpretieren. So ist sie vermutlich aber nicht gemeint, worauf ein drittes Element der Montage hindeutet - zwei Onkel Kurts fallen zusätzlich noch im Winterkrieg an der Ostfront.

Nimmt man zu Gunsten des Filmemachers an, dass er hier nur eine Art Kataklysmus des Schreckens inszenieren wollte, der Kurt und seiner Familie im Dritten Reich widerfährt, eine Art Worst-of-Bilderbogen - macht das die Sache dann besser? Ein wenig. Aber auch dann wirkt der Einsatz der Mittel befremdlich: Alles ist erlaubt, um zu zeigen, was die Seele des künftigen Großkünstlers Kurt prägen wird, und folgerichtig auch, was dem Großkünstler Donnersmarck im Schneideraum einen Kick gibt. Der will sein virtuelles Dresden brennen sehen wie Nero einst Rom.

Gegen Zweifel dieser Art hat Donnersmarck allerdings eine intellektuelle Verteidigungslinie in den Film eingezogen. Sie beruht auf zwei Kernsätzen, die beide ebenfalls aus dem Mund der schizophrenen Tante stammen, denen der Film aber eine tiefe Wahrheit zubilligt. "Nie wegsehen, Kurt", sagt sie. "Dann wird dein Blick stark wie Stahl werden. Alles, was wahr ist, ist schön." Abgesehen von der schon wieder komplett irren Stahlmetapher heißt das ja wohl, dass der Film alles zeigen darf, was er will, wenn dadurch am Ende Wahrheit und sogar Schönheit entsteht. Diese Hoffnung kann man ja haben. Sie ist so alt wie die Kunst selbst.