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Serie "Welt im Fieber": USA:Sind die verrückt? Bin ich es?

Momente voller Euphorie erlebte unsere Autorin beim Besuch ihrer Familie - aber waren sie das Risiko wert? Hier zu sehen: Menschen schauen in Kansas City Jets nach, die über sie hinweg fliegen.

(Foto: AP)

Bei unserer Autorin kündigt sich Besuch an, den alle Corona-Bedenken nicht abschrecken können. Das Resultat: Schlaflose Nächte - und die drei glücklichsten Tage seit Langem.

Alles ändert sich rasend schnell. Meine Mutter wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Der Winter ist einem - wenn auch frostigen - Frühling gewichen. Das Paar in der Nachbarwohnung hat sein Baby bekommen, und ich kann es morgens schreien hören. Obwohl eigentlich niemand findet, dass das eine gute Idee sei, öffnet vieles wieder und die Leute sind in Bewegung: Vor ein paar Tagen stand ich das erste Mal in einem Stau. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir noch länger in unserem Apartment bleiben dürfen, da außerdem Callie unbedingt nach Hause will, planen wir, im Juni nach Texas umzuziehen. Wie das logistisch genau gehen soll, ist momentan noch unklar, aber wir haben eine möblierte Airbnb-Wohnung reserviert, in der wir nach unserer Ankunft die zweiwöchige Quarantäne-Zeit verbringen werden. Aber wird es so kommen? Es fühlt sich unmöglich an, vorauszusagen, welche Regeln und Normen in einem Monat gelten. Weiß Gott, ich verhalte mich viel unvorsichtiger als noch vor einer Woche.

Nachdem Mom aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verkündete meine Schwester, die in New York in strengem Lockdown gelebt hat und keinen von uns seit Weihnachten gesehen hat, mit ihrer Familie hierherzukommen, um gemeinsam - in gebührendem Abstand - Muttertag zu feiern. Wir hatten vor Monaten mal über so einen Trip Ende Mai geredet, was sich damals unendlich weit weg anfühlte. Wenn wir alle vorher in Quarantäne leben, selbst wenn es gegen die Regeln wäre, so ein kleine Familienzusammenkunft mit nicht mal zehn gesunden Menschen - das sollte doch eine sichere Sache sein, oder? Aber jetzt wollten sie die Reise plötzlich zwei Wochen früher machen als geplant und außerdem wurde Mom gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen. Hallo?!? Sind die verrückt? Bin ich es?

Vielleicht. Schließlich habe ich, statt ihnen das Ganze einfach klipp und klar zu verbieten, angefangen, mit ihnen zu verhandeln. Ob sie die Reise nicht um einige Tage aufschieben könnten. Jeder Tag, den Mom länger aus dem Krankenhaus war, würde helfen. Außerdem war klar, dass sie nicht bei Mom wohnen können. Stattdessen würden sie in Dads leerem Haus unterkommen, das Mom dann nicht betreten dürfte. Zusammenkünfte nur draußen, ohne Ausnahme. Zwei Meter Abstand. Es wird kein Essen geteilt. Regelmäßig Hände waschen. Meine Schwester stimmte allem zu. Sofort. Die Person, die sich am meisten gegen all meine Vorsichtsmaßnahmen sträubte, war natürlich Mom. Am Ende willigte aber auch sie ein, was zur Folge hatte, dass ich jetzt mit niemanden mehr streiten konnte. Außer mit mir selbst. Hielt ich diesen Besuch zu diesem Zeitpunkt für eine gute Idee? Nein. Aber da es nun ohnehin passierte, wollte ich da wirklich die letzte Gelegenheit versäumen, vor dem Umzug noch mal meine Schwester und meine Nichte zu sehen?

Ich lag mehrere Nächte lang wach und dachte obsessiv darüber nach, was ich tun sollte. Und dann, in der Nacht bevor meine Schwester kam, saß ich plötzlich aufrecht im Bett, weil ich einen Geistesblitz hatte: Meine Mutter besitzt einen Trailer!

Während des Besuchs meiner Schwester bin ich in diesen Trailer gezogen. Wir haben für drei Tage und Nächte alle separat gewohnt und geschlafen, aber wir haben uns in Moms Vorgarten getroffen, im Park und am Strand. Wir waren nicht ganz konsequent mit den Masken. Das mit den zwei Metern Abstand haben wir auch nicht immer exakt hinbekommen. Wir haben einige Risiken in Kauf genommen. Zu viele. Im jeweiligen Moment fühlte es sich so an, als ob es das wert sei, aber wir werden erst in Wochen wissen - wenn überhaupt jemals - was das für Konsequenzen hat. Vielleicht reagiere ich überzogen. Schließlich sagte meine Mutter, der Besuch sei genau das, was sie jetzt für ihre Genesung brauche. Außerdem habe ich in einem Artikel gelesen, das Virus werde draußen so gut wie nie übertragen. Also müsste doch alles okay sein, oder?

Ich hatte eine wunderbare Zeit. Wir waren alle so glücklich wie seit Monaten nicht. Aber jetzt bin ich wieder zu Hause, und die Euphorie ist abgeklungen. Wenn ich daran denke, wie lange es dauern wird, bis ich meine Nichte wiedersehe, werde ich elend traurig. Ich mache mir Sorgen, habe Heimweh und denke wieder und wieder an all meine kleinen Inkonsequenzen und Regelübertretungen, und ich bin müde. ICH BIN SO FURCHTBAR MÜDE. Ich kann gar nicht glauben, dass wir Ende des Monats nach Texas ziehen. Ich muss endlich anfangen zu planen. Ich muss packen. Ich muss aufhören zu schreiben, damit ich mich hinlegen kann.

Aus dem Englischen von Alex Rühle

© SZ vom 16.05.2020/luch
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