Biografie:Eine Persönlichkeit voller Behutsamkeiten in Demut gegründet

Frank-Walter Steinmeier stammt aus einem kleinen Dorf im Kreis Lippe. Sein Elternhaus war streng protestantisch, wie auch sein Heimatort. Sein Vater war Tischler. Das lässt bereits seine spezifische Bodenhaftung erahnen, verbunden mit seiner intensiven protestantischen Glaubensorientierung. Auch seine Zurückhaltung, das Vermeiden aller medialer Windmacherei lässt sich an diesem Ursprung festmachen, ebenso an seiner Schulzeit und seiner Art, die Rechtswissenschaften zu studieren. In seiner Studienzeit beginnt er seine besondere Sensibilität für Kultur zu entfalten, für Musik, Literatur, Architektur - und dann wird immer wieder die religiöse Dimension berührt, nicht zuletzt in seinem eigenen ökumenischen Familienleben.

Diese Persönlichkeit voller Behutsamkeiten, ja in Demut gegründet, empfindet der Beobachter geradezu rührend, die katholische Kirche jüngst sogar als preiswürdig. Jedes Element des üblichen Show-business ist ihm fremd, ja zuwider. In diesem hektischen Betrieb der Politik weist Steinmeier eine geradezu ungewöhnliche Ernsthaftigkeit auf, immer auf der Suche nach dem eigentlichen, tieferen Grund.

Bereits in der Jugend ist er der Ernsthafte, der Vernünftige, der jede "Wolkenschieberei" wörtlich ablehnt. Auch im Studium ist er kein Rebell. Und danach wird er dann "Schröders Mann", sein loyaler, geradezu unverzichtbarer Mitarbeiter. Gerhard Schröder war der große Kommunikator. An seiner Seite wirkte Steinmeier als Techniker der Macht, als der Entscheidungsvorbereiter und Beschluss-Umsetzer. In Konfliktfällen wird Steinmeiers Gespür für Macht greifbar. In der Biografie heißt es dazu: "Paradoxerweise erscheint der Einfluss solcher Männer umso riesenhafter, je weniger man von ihnen weiß: Schattengewächse, die am besten in der Dunkelheit gedeihen."

Er weiß doch, dass die Republik dringend die Ratio politischer Strategen braucht

Und dann - 2005 - wird Steinmeier Außenminister - und 2013 wieder. Diese Zeit kann aus heutiger Sicht gleichsam als perfekte Vorbereitung auf das Amt des Bundespräsidenten angesehen werden. Seine Arbeitsagenda dreht sich um die großen Schlüsselpunkte des Politischen: Grundfragen der weltpolitischen Machtarchitektur, kriegerische Konfliktkonstellationen, Toleranz- und Kooperationsfelder, Aktionsbereiche auswärtiger Kulturpolitik, Organisation eines großen Machtapparates namens Auswärtiges Amt, angemessener Umgang mit der öffentlichen Aufmerksamkeit - und Frank-Walter Steinmeier meistert dies alles mit diplomatischem Geschick, großem Kraftaufwand und sensiblem Gespür für Besonderheiten.

Wer zusätzliche Belege der Anschaulichkeit sucht, um das "Phänomen Steinmeier" zu begreifen, der schaue sich die spezifische Intensität der Loyalität seines direkten Mitarbeiter- und Beraterstabes an. Eine große Mannschaft wird ihn aus dem Auswärtigen Amt in das Bundespräsidialamt begleiten. An der Spitze steht Staatssekretär Stephan Steinlein, seit 1999 Steinmeiers Mitarbeiter, nun Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dann Staatssekretär im Bundespräsidialamt - und im Profil weitgehend unbekannt. Das "Phänomen Steinmeier" wird begleitet vom "Phänomen Steinlein". Humorvoll ließe sich sagen: So gesellt sich Phänomen zu Phänomen.

Aber man will doch jetzt gern mehr wissen: Beispielsweise, wie sich Steinmeiers strategisches Denken entwickelt, welche außenpolitische Zukunftsperspektive in ihm tickt. Er weiß doch, dass die Republik dringend die Ratio politischer Strategen braucht - eine Ratio, mit der etwa Henry Kissinger, Zbigniew Brzeziński, George F. Kennan, Jacques Delors historische Leistungen erbracht haben. Zu alledem bescheiden die Autoren der Biografie den Leser: "Man wird keine abschließende Antwort finden." Also werden wir neugierig bleiben auf die weiteren Erkenntnisse zu dieser spezifischen Denk- und Handlungswelt eines sehr ungewöhnlichen Politikers. Dieser Mann ist ein Phänomen - als Politiker sein Inneres für sich zu behalten und nichts davon dem gleißenden Scheinwerferlicht auszusetzen. Ernsthaftigkeit, Behutsamkeit, Demut: Das macht die ungewöhnliche Tiefe dieser politischen Persönlichkeit aus.

Man ist geneigt zu hoffen, dass er in seinem neuen Amt zur Quelle neuer vertrauensvoller Bindungen in einer erodierenden Gesellschaftsstruktur wird.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).

Torben Lütjen, Lars Geiges: Frank-Walter Steinmeier. Die Biografie. Herder-Verlag, Freiburg 2017, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

© SZ vom 06.02.2017/luch
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