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Französische Literatur:Das Friedensangebot der Tochter

Writer Violaine Huisman at her home in Brooklyn, New York

Wie erlebt ein Kind die Depression einer Bezugsperson? Violaine Huisman hat auch darüber ihren Debütroman geschrieben.

(Foto: Pascal Perich)
  • Violaine Huismann erzählt in ihrem Debütroman mit biografischen Elementen vom Selbstmord ihrer Mutter.
  • "Die Entflohene" ist ein großherziges Porträt einer Tochter, die nicht mit ihrer Mutter nicht abrechnet sondern - und darin liegt eine besondere Stärke des Textes - ihr verzeiht.

Es beginnt am Tag des Mauerfalls. Violaine, ein Mädchen von zehn Jahren, sieht im französischen Fernsehen "Trauben von laut jubelnden Männern und Frauen, im Hintergrund Steinhaufen, Geröll, Staubwolken". Ohne die politischen Hintergründe zu verstehen, ist ihr doch klar, dass da gerade etwas Großes, Irreversibles passiert. Gleichzeitig glaubt sie in den Geschichtstrümmern eine Spur ihrer Mutter Catherine zu erkennen, "ihr verherrlichtes Bild inmitten der Ruinen".

Die Mutter, für die sie "blendend schwärmerische Bewunderung empfindet", ist kurz zuvor von einem Tag auf den anderen verschwunden, Violaine und ihre zwei Jahre ältere Schwester fühlen sich tatsächlich mutterseelenallein. Die Erwachsenen um sie herum erklären ihnen mantraartig, Catherine sei manisch-depressiv und habe deshalb eingeliefert werden müssen. Aber was fängt man als Zehnjährige mit klinischer Terminologie an?

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Gut, die Mutter liebte es, splitternackt durch die Wohnung zu spazieren, trat ab und zu Türen ein und fuhr mit dem Auto über Fußwege, wenn es ihr nicht schnell genug ging. Aber spricht das nicht auch für einen exzentrischen Sinn für Freiheit? Gut, die Mutter lag ab und zu bewusstlos im Flur rum, aber die beiden Töchter hatten früh gelernt, wie man jemanden reanimiert. Gut, die Mutter hat regelmäßig diese Schimpftiraden vom Stapel gelassen, nicht enden wollende Vorwurfsarien, wie kann man nur so undankbar sein, du armselige kleine Kröte, ihr kotzt mich so an mit euren saudummen Problemen und hör endlich auf, so erbärmlich rumzuheulen. Natürlich schlug sie dann auch mal zu oder zog eines der Mädchen an den Haaren durch die Pariser Wohnung. Aber Violaine und ihre Schwester hatten doch eine Formel, mit der sie ihre Mutter aus diesen Litaneien herausholen konnten: "Liebe Maman, die ich wie verrückt liebhabe solange ich lebe - und für alle Ewigkeit der Erde". Wenn dieser Satz irgendwie durch das mütterliche Geschimpfe drang, dann "ging das Gewitter vorbei mit einem Streicheln über den Rücken, einem schmatzenden Kuss auf den Hals, einem ganzen Regen von Küssen, Küssen und Küssen und Küssen".

Die, die da spricht, ist auch heute noch immer symbiotisch gefesselt an diejenige, über die sie spricht. Als Leser erwartet man, dass es im Laufe der Erzählung einen heftigen Stimm-Bruch geben wird, dass also später, wenn sich diese Stimme aus dem Käfig der Kindheit befreit haben wird, die große Abrechnung kommt. Mein grauenhaftes Leben mit einem manisch-depressiven Drachen. Aber nichts dergleichen geschieht, kein Vorwurf, keine Abgrenzung. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Buches.

Das Buch ist im Grunde der Versuch, den Suizid der Mutter zu verstehen

Violaine Huisman, Jahrgang 1979, lebt seit 20 Jahren in New York. Sie organisiert dort Literatur- und Musikfestivals, arbeitet als Lektorin und übersetzt aus dem Englischen ins Französische. Man fragt sich beim Lesen ihres autobiografischen Debüts über ihre Mutter schnell, ob die räumliche Distanz zu Paris auch eine Art Notwehr war, schließlich ist sie sofort nach dem Abitur auf die andere Seite des Atlantiks gezogen, so als müsste sie sich in Sicherheit bringen. Nun schreibt sie aus doppelter Distanz: Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass ihre Mutter sich 2009 umgebracht hat und ihren erwachsenen Töchtern einen Brief hinterließ: "Ich habe genug, ich habe genug gegeben." Aber auch die 30-jährige Violaine, die am Endes des Buchs vom Tod ihrer Mutter erfährt, ist noch so konsterniert und untröstlich, wie es ihr kindliches Alter Ego zu Beginn des Textes gewesen ist. "Wie konnte sie sagen, dass sie genug gegeben hatte?" "Die Entflohene" ist im Grunde der Versuch, diesen Selbstmord zu verstehen.

Drei große Kapitel, wie ein Triptychon. Im ersten werden aus Sicht des Kindes die frühen Jahre erzählt. Die Streitereien der Eltern, die Liebhaber, die nackt im Bad schlafen, wildes gemeinsames Spielen und Tanzen mitten in der Nacht - alles ist vollkommen bizarr und doch normal, schließlich gibt es keine andere Kindheit, mit der man das eigene Erleben abgleichen könnte. Im zweiten Teil skizziert Huisman aus der Außenperspektive die Biografie dieser Frauenfigur namens Catherine Cremnitz, die auch aus einem tragischen Truffautfilm entstammen könnte.