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Veränderung der deutschen Sprache:Gibt es zu viele Anglizismen?

Man lernt in diesen Büchern eine Menge und gewinnt einen Eindruck, wie ein Sprachbewusstsein auf der Höhe der Zeit aussehen müsste. Sprachpflege lebt letztlich vom Ideal des betreuten, ständig korrigierten Sprechens, immer im Blick auf den Normenwächter. Doch der Sprachalltag hat mit Diktat und Lateinklausur wenig gemein. Sprachbewusstsein setzt dagegen Kenntnisse über den Sinn und die Wandelbarkeit der Normen voraus und fördert ein freies, reflektiertes Verhältnis zur Muttersprache.

Seit Jahren streitet der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert für informierte Gelassenheit und grundsätzliches Vertrauen zu den Sprechern. Gegen die Bequemlichkeiten des Alarmismus und der Erregungsroutine bietet er Statistiken und historische Exkurse auf. Genüsslich korrigiert er die Urteile und Begründungen der Sprachkritik. Gibt es zu viele Anglizismen? Ja, es gibt viele, es werden immer mehr, aber wie auch immer man rechnet, ob man "Shampoo", "High School" oder "joint venture" dazu zählt oder nicht - es bleibt bei weniger als zwei Prozent des deutschen Wortschatzes. Zu unterscheiden wären Übernahmen aus dem Englischen - aus "job" wird "Job" - von Wörtern, die nach englischem Vorbild geprägt wurden, etwa der "Wolkenkratzer" nach dem "skyscraper". Daneben existieren Wörter, die irgendwie englisch anmuten, aber keineswegs englisch sind: "Twen" oder "Flipper". Zerstören die mal mehr, mal weniger gelungenen Übernahmen die Tiefenstruktur der deutschen Sprache? Dies träfe, so Göttert, nur dann zu, wenn wir, durch das Prestige des Englischen verführt, die Regeln verlernten. Das sei nicht der Fall. Wir sprechen "Sandwich" eben sehr deutsch aus und bilden "Gelegenheitsjob", den "Heimcomputer" oder das "Krisenmanagement".

Ideologischer Ballast des 19. Jahrhunderts

Seinen Kritikern wirft Göttert vor, ideologischen Ballast des 19. Jahrhunderts mitzuschleppen, Vorstellungen von Reinheit und Treue zum Urquell. Attacken gegen Sprachpanscher und "illoyale" Linguisten führen in der Tat nicht weit, es sei denn, einer wollte die stolze Tradition der Beschimpfung fortsetzen und in Konkurrenz zu Schopenhauer, Nietzsche und Karl Kraus treten. Ihr ist in diesem Buch ein Exkurs gewidmet. Die Schimpfreden wider Sprachverhunzung und Schmierfinken dienten der "Selbstbehauptung und Abgrenzung". Hinter der Forderung nach Loyalität zur Sprache wittert Göttert die "Sehnsucht nach einer überkommenen und lange bewährten Form von überschaubarer sozialer Ordnung". Auf die Anglizismen wird geschimpft, gemeint aber ist die Globalisierung.

Gelassenheit ist meist sympathisch und Götterts Plädoyer für Mehrsprachigkeit überzeugt. Doch hat sein Buch zwei große Schwächen, eine der Darstellung, eine der Argumentation. Die historischen Passagen wirken arg gerafft und sind in den Details nicht immer zuverlässig. Dafür ermüden die Berichte über Gremiensitzungen und Debatten, an denen der Autor beteiligt war, die aber dem Laien wie dem Kenner herzlich egal sein können. Da trifft sich jener Ausschuss, dort dieser Beirat - und es wird davon berichtet wie von Haupt- und Staatsaktionen. Vielleicht erklärt diese Befangenheit, warum Karl-Heinz Göttert seinen Widersachern, den Sprachpflegern früherer Jahrhunderte, den Warnern vor Verfall, den Kritikern der Anglizismen so selten Gerechtigkeit widerfahren lässt. Gewiss klingt vieles in unseren Ohren seltsam und wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn einer wie Friedrich Ludwig Jahn sich ausschließlich dem Turnen verschrieben hätte, aber ohne den Ehrgeiz der Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, ohne die mal von Patriotismus, mal von Nationalismus befeuerten Wörterbuchprojekte und Normierungsversuche sähe das Deutsche anders aus. Kein Mensch muss sich vor dem "Kuvert" fürchten, wie schön jedoch, dass es daneben den "Briefumschlag" gibt.

Zu rasch gleitet Göttert über Sprachkonflikte und Interessenkollisionen hinweg. Sprachenunterricht und Ausbildung sind große, umkämpfte Märkte. Die Dominanz des Englischen als der Verkehrssprache der Welt ist unangefochten. Je nach Schätzung verfügen zwei bis drei Milliarden Menschen über wenigstens elementare Englischkenntnisse. Da, wie Göttert schreibt, gut achtzig Prozent der auf Englisch geführten Kommunikation ohne Muttersprache vonstatten geht, ist es wohl gerechtfertigt von Globish zu sprechen, einem Idiom, das seinen Zweck erfüllt und gebildete Engländer mit Grausen erfüllen mag. Wie aber wirkt dies auf die Sprachen ein? Die Zurückweisung der Verfallsthesen entbindet nicht davon, diese Frage genauer zu untersuchen.

Sind Übersetzer Verräter?

Einen guten Eindruck von der gegenwärtigen Hierarchie der Sprachen vermittelt das vergnügliche, in ein sehr flüssiges, klares Deutsch gebrachte Buch von David Bellos. Diese kluge Einführung in die Probleme des Übersetzens betrachtet jede Frage - Sind Übersetzer Verräter? Was ist unübersetzbar? Wie versteht man Wörterbücher? - aus verschiedenen Perspektiven. David Bellos hat Ismail Kadare und Georges Perec übersetzt, er kennt die Nöte der Simultandolmetscher und ist von einem unumstößlich überzeugt: "In allen Sprachen finden ihre Sprecher alle Mittel vor, die sie zum Erreichen aller von ihnen gewünschten Zwecke benötigen."

Die Buchkultur, die wir kennen, lieben und gern verteidigen, scheint vor allem auf Frankreich, Deutschland, Großbritannien und die USA konzentriert. Statistiken belegen, dass die interkulturellen Beziehungen um das Englische wie um ein Zentralgestirn kreisen. In etwa 75 Prozent aller einzelnen Übersetzungen ist Englisch Quell- oder Zielsprache. Dann folgen aber schon Französisch, Deutsch und Russisch. Die Unesco erfasst Übersetzungen in einer eigenen Datenbank. Ihr zufolge finden 42 Prozent der Übersetzungen zwischen bloß drei Sprachen statt: Englisch, Deutsch und Französisch.

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