US-Politik:"Macht und Geld sind für Trump Zeichen von Gutsein"

Ein anderes Beispiel: Mit Bildungsministerin Betsy DeVos arbeitet ausgerechnet eine Frau daran, dass eine Obama-Richtlinie zum Umgang mit sexueller Gewalt an Colleges und Universitäten aufgeweicht wird. Ist das gnadenloser Machthunger, der alle Prinzipen des Frauseins verrät?

Wer in Washington nach Macht strebt, macht immer wieder Kompromisse, was die eigenen Werte angeht. Aber davor steht die grundsätzliche Entscheidung: Bin ich eher der progressive Typ, der allen Menschen den gleichen Wert zugesteht, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Stellung? Oder bin ich eher der Typ, der sagt: "Diese ganze politische Korrektheit ist doch völliger Unsinn. Das Leben ist ein Kampf. Die Natur hat uns gezeigt, dass Männer sich mehr durchsetzen. Frauen irgendwelche Privilegien zuzugestehen, wirft unser ganzes System durcheinander."

DeVos handelt also vor allem ideologisch?

Ja, und sie ist nicht allein. Wenn es um Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen geht, auf dem Campus oder anderswo, finden Sie auch in den USA erschreckend viele Frauen, die Ihnen ins Gesicht sagen: "Das wäre nie passiert, wenn sie sich wie ein gutes Mädchen verhalten hätte." Das bedeutet: Frauen dürfen keine kurzen Röcke tragen, sie dürfen nicht abends mit Jungs um die Häuser ziehen, sie dürfen keinen Alkohol trinken und sie dürfen vor der Ehe keinen Sex haben. Diese Argumentation ist auch unter dem Begriff slut shaming bekannt. Die Verlagerung der Schuld auf die Frau soll den Mann - als zentrale Figur einer sexistischen Weltanschauung - schützen. Und, wenn man ehrlich ist, ist es nicht Betsy DeVos' Herzensanliegen, alle Männer zu schützen, ihr geht es vor allem um junge, weiße Männer.

Spielt der finanzielle Hintergrund auch eine Rolle? Geht es also um junge, weiße Männer aus wohlhabenden Familien? Eine höhere Bildung ist in Amerika schließlich immer noch eine Frage des Geldes - und DeVos ist selbst Milliardärin.

Es könnte gut sein, dass sie die eigene Klientel schützt. Aber für sie und ihren Chef dürfte das wiederum ideologisch begründet sein. Im Weltbild des Präsidenten und seiner Bildungsministerin stehen weiße Männer aus einem natürlichen Grund ganz oben in der Hierarchie: Sie sind die Stärkeren, sie haben sich das historisch erkämpft. Für Trump und DeVos sind diejenigen an der Spitze der Gesellschaft auch die besten Menschen. Macht und eben auch Geld sind für sie Zeichen von Gutsein, von einer moralischen Autorität.

Dementsprechend braucht es auch keine politische Vorerfahrung, um Präsident zu werden.

Trump hat das im Wahlkampf mal so formuliert: "Ich bin reich, also bin ich ein guter Mensch." Er ist der Überzeugung: Solange weiße Männer unsere Gesellschaft ordnen und lenken, geht es uns allen am Ende des Tages besser. Deshalb ist Trump auch gegen Steuern für Superreiche. Denn damit würde man den natürlicherweise Stärksten der Truppe schaden. Umgekehrt ist es in diesem strengen Weltbild regelrecht moralisch verwerflich, Armen einen gesetzlichen Krankenversicherungsanspruch zu geben - weil man damit die ohnehin Schwachen nur noch mehr verweichlicht.

Wirkt die Trump-Regierung deshalb so kritikresistent: weil sie von ihrer moralischen Überlegenheit überzeugt ist?

DeVos, um beim Eingangsbeispiel zu bleiben, ist in einer privilegierten Familie aufgewachsen und hat das Selbstverständnis verinnerlicht, dass sie bestimmen sollte, wie die Welt funktioniert. Sie ist der Überzeugung, dass weiße Männer in besonderem Maße geschützt werden müssen, weil sie für Machtpositionen vorbestimmt sind - also wird sie versuchen, diese jungen Männer vor Beschuldigungen der sexuellen Gewalt zu bewahren, damit sie nicht an Status verlieren.

Wie passt Ivanka Trump in das Frauen- und Weltbild ihres Vaters? Einerseits hat Trump ihr schon Komplimente für ihr Aussehen gemacht. Andererseits sitzt sie mit am Tisch, wenn beim G-20-Gipfel in Hamburg die politische Elite tagt.

Trump wendet auf seine Tochter dieselbe Skala an, mit der er Frauen als potenzielle Partnerinnen bewertet: eins bis zehn - ungenügend bis "piece of ass", wenn sie so wollen. Das ist völlig klar, es gibt genügend Aussagen über seine Tochter, aus denen man das herauslesen kann. Darüber hinaus ist sie aber auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie hat Macht und ihr Vater gibt ihr Macht. Allerdings ist seine Motivation dafür eine andere als bei Conway oder Huckabee Sanders.

Nämlich?

Conway und Huckabee Sanders sind starke Ideologinnen und deshalb besonders nützlich. Ivanka gehört zu seiner Familie, zu seiner Ingroup, wie wir in der Soziologie sagen. Das ist ganz typisch für eine konservative Weltanschauung: Das Wohl der eigenen Ingroup steht über allem, sie wird besonders geschützt und gefördert - das kann in größerem Maßstab auch die eigene Religionsgemeinschaft oder das eigene Land sein. Trumps Kinder sind sein eigener genetischer Pool. Indem er sie mit wichtigen Funktionen betraut, schafft er es, seine eigene Identität aufzublähen. Ihre Erfolge, ihre Macht, machen ihn in der Welt noch relevanter.

Letzten Endes geht es also weniger darum, seine Kinder voranzubringen, sondern mehr um ihn selbst.

Das hat ganz viel mit Ego zu tun. Trump hat mal gesagt: "Wenn man gute Rennpferde kreuzt, bekommt man gute Rennpferde." Ivanka ist sein Kind, sie ist in dieser Metapher ein optimales "Rennpferd". Trump überträgt sein Selbstverständnis, ein moralisch überlegener, hehrer Mensch zu sein, auf seine Tochter. Ivankas Autorität ist nicht von Gott gegeben, sie ist von Trump gegeben.

© SZ.de/khil/mane/cat
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