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Sturm auf das Parlamentsgebäude:Häuser des Volkes

US Capitol Hill

Das Kapitol in Washington gehört zu den bekanntesten Architekturen politischer, vor allem aber demokratischer Macht. Nun wurde es gestürmt.

(Foto: Michael Reynolds/dpa)

Randalierer dringen in den US-Kongress. Das weckt Erinnerungen an den Tumult vor dem Berliner Reichstag. Warum werden politische Architekturen zum Schauplatz des Mobs?

Von Gerhard Matzig

Der Mann grinst auf dem Bild. Er trägt die amerikanische Alltagsuniform, die erst durch den besonderen Resonanzraum in Militanz umschlägt: Jeans, Holzfällerhemd, Baseball Cap und Stiefel. In der rechten Hand ist das Handy selfiebereit, das linke Bein liegt ordinär auf dem Schreibtisch von Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses. Man kann die grob profilierte Sohle sehen. Der Mann gehört zum Mob jener Wahlverlierer, der putschartig das Kapitol in der amerikanischen Hauptstadt gestürmt hat, und er breitet die Arme aus. Als wolle er sagen: "Weil ich's kann."

Die Regie für dieses Bild, das wie das Kapitol selbst als Ort politischer Ikonografie von Überwältigung erzählt, dürfte bei Roland Emmerich liegen. Weshalb es sich fügt, dass Schauspieler wie Ben Stiller, Cynthia Nixon oder Joshua Gad mit Abscheu auf die verstörenden Bilder aus Washington reagieren. Gad beschreibt in seinem Tweet das "Entweihen" des Kapitol-Gebäudes durch "Nazis und einen Mob von Verrückten". Nixon nennt den Mob "inländische Terroristen".

Das ist das Personal in Emmerichs Film "White House Down" von 2013. Die Bilder gleichen sich. Denn der Prolet an Nancy Pelosis Schreibtisch imitiert die Pose des Terroristen, der das Weiße Haus überfällt und es sich an einem Schreibtisch in der Gestik des Schlägers gemütlich macht: Beine hoch. Im Film zerschlägt der Terrorist eine Vase aus der Ming-Dynastie - ein Geschenk von Königin Elisabeth II. Warum? Weil er's kann und weil es darum geht: um den bildmächtigen Herrschaftsanspruch. Um das Narrativ, das eines der politisch gestimmten, aber eben auch missverstandenen Architektur-Symbolik ist.

Vor einem Jahr ließ Trump eine Executive Order verfassen - Titel: "Making Federal Buildings Beautiful Again"

Dass sich die Bilder vom Corona-Leugner-Sturm auf den Reichstag aus dem vergangenen Spätsommer und die Fotos vom aktuellen Wahlleugner-Sturm in den USA so ähnlich sind wie die reale Schreibtischszene und die eines Actionfilmes: Das ist kein Zufall. Und bietet sogar eine Pointe, die Donald Trump ins Spiel bringt, der den von ihm angezettelten Überfall auf das Parlament aus dem insofern sicheren Weißen Haus verfolgte. Er wird in diesen letzten Tagen seiner Amtsführung vom fiktiven Präsidentendarsteller zum kriminellen Führer des Mobs.

Blick vom Haus der Parlamentarier im Berliner Regierungsviertel Marie Elisabeth Lueders Haus zum

Auch vor dem Berliner Reichstag kam es im vergangenen Spätsommer zu Tumult - kein Zufall.

(Foto: imago stock&people/imago/Rex Schober)

Vor einem Jahr ließ Trump eine Executive Order verfassen. Unter dem Titel "Making Federal Buildings Beautiful Again" sollte das Präsidialdekret für den Umbau von bundesstaatlichen Gebäuden sorgen. Um in einem "klassischen Stil" die Würde solcher Orte zu betonen. Um das Volk an die eigene Größe und Bedeutung zu erinnern. Sein Vorbild - und darin liegt die bittere Ironie der würdelosen Stunde - ist das zum Ende des 18. Jahrhunderts klassizistisch erbaute Kapitol (United States Capitol). Es gehört weltweit zu den bekanntesten Architekturen politischer, vor allem aber demokratischer Macht.

Washington ist quasi drum herum gebaut worden. Nicht mächtige Ostküstenstädte wie Boston, New York oder Philadelphia wollte man zur Wiege der amerikanischen Demokratie machen. Die junge Nation bestimmte einen neuen identitätsstiftenden Ort am Potomac River als Zentrum von Aufbruch und Zukunft. Das auf einen Hügel erbaute Kapitol (dessen Name dem Kapitolinischen Hügel in Rom entlehnt ist) sollte die Macht der Republik weithin sichtbar erstrahlen lassen. Die "res publica" aber ist die Idee vom öffentlichen Gut. Auch deshalb sind hier eigenartige Säulenkapitelle in Form von Tabakblättern, Maiskolben und Magnolienblüten zu sehen.

Üblich wäre es gewesen, die Säulen gemäß antikisierender Stilistik mit Akanthusblättern oder Voluten auszustatten. Es ging den Erbauern des Kapitols aber darum, eine nationale Ikonografie zu schaffen, die dem Volk zeigt, dass es der wahre Souverän ist: Das hier ist dein Haus. Der Mann an Nancy Pelosis Schreibtisch hat also nur eines getan - sein eigenes Haus entwürdigt. Damit versagt er sich selbst den Respekt, den er einfordert.

© SZ/cag
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