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Nachruf:Linkshändig und rechtshändig

In seinem Atelier in Berlin-Wilmersdorf: Urs Jaeggi (1931 - 2021).

(Foto: imago)

Erst schrieb er ein Grundbuch der Studentenbewegung, dann wurde er Erzähler, dann bildender Künstler: Urs Jaeggi ist im Alter von 89 Jahren gestorben.

Von Gustav Seibt

Drei Leben hat Urs Jaeggi geführt, nicht gleichzeitig, sondern annähernd nacheinander: Erst war er Soziologe und Sozialtheoretiker, dann Schriftsteller, vor allem Erzähler, und danach bildender Künstler. Wunderbarerweise hat er es in allen drei Disziplinen zu hoher Anerkennung gebracht. Als Soziologe legte er 1969 mit "Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik" ein Grundbuch der Studentenbewegung vor, das sich fast eine halbe Million mal verkaufte.

Das Buch begriff "Herrschaft" in einem umfassenden, Wirtschaftsordnung, Sitten, Erziehung und ideologischen Überbau umgreifenden Sinn - "bürgerliche Demokratie" sollte nicht genügen. Zugleich definierte es "links" und "konservativ" im herrschaftskritischen Sinn und konnte daher Konservative auch in den kommunistischen Diktaturen entdecken und Liberalismus bei Konservativen würdigen. Sein wichtigstes Buch wurde so zur Wahrnehmungsschule einer ganzen Generation. Dass Urs Jaeggi als akademischer Lehrer auch Rudi Dutschke betreute, gehört ins große Beziehungsgeflecht dieser Alterskohorte.

Am überraschendsten war der Bachmann-Preis im Alter von 50 Jahren

Als Erzähler errang Jaeggi viele Preise, am überraschendsten war der Ingeborg-Bachmann-Preis für den genau Fünfzigjährigen im Jahr 1981. Damals war Jaeggi durch den Roman "Brandeis" (1978) bereits ein prominenter Autor. Sein Aufmerken als Schriftsteller galt den Außenseitern und Randständigen der Gesellschaft, Obdachlosen, rassisch Verfolgten und Homosexuellen. Als Kind eines Schweizer Gewerkschaftlers - er stammte aus Solothurn, wo er am 23. Juni 1931 geboren wurde, lebte aber seit den Sechzigerjahren als Professor in der Bundesrepublik - vollzog Jaeggi die linke Wende der Siebzigerjahre von der Arbeiterschaft zu den Randgruppen aber nur teilweise mit: Er blieb ein Theoretiker der Klasse, auch als Erzähler.

Im hohen Alter berichtete er, wie er, der als Kind schon zu malen begonnen hatte, im Schulunterricht von der Linkshändigkeit wegdressiert wurde: Als Maler linkshändig, schreibend rechtshändig, das wurde zu einer Urszene von Jaeggis sozialer und ästhetischer Empfindsamkeit. Der Schritt in die bildenden Künste, die er in allen Formaten pflegte, kam gleichwohl überraschend. Dass Jaeggi hier nicht als liebenswürdiger Dilettant, sondern als veritable Größe eigenen Rechts geschätzt wurde, ist noch wunderbarer als eine wissenschaftlich-literarische Doppelrolle. Vom Banklehrling, der zum Professor und dann zum Schriftsteller und Künstler wurde, reicht dieses neunzigjährige Leben: eigentlich ein Jahrhundertroman. Am 13. Februar ist Urs Jaeggi in Berlin gestorben.

© SZ/jsl
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