Unterhaltungskünstler Friedrich Liechtenstein Humorismus als Problem

Zuvor noch eines zu den Texten, die auf dem Album zu hören sind, zum Dichter und Erzähler Friedrich Liechtenstein. Denn der ist das eigentliche Ereignis. So war es bei der Edeka-Werbung, wo er in einem Zusatz-Clip, den man wiederum seinen Kollegen weiterleiten sollte, einen fiktiven Kollegen feiert und mit dieser tiefenentspannten sonoren Stimme, einer Art vokalen Massage, sagt: "Was ich dir schon immer mal sagen wollte, ist: Es ist großartig, was du hier ablieferst. Teilweise."

Die Unverschämtheit des Nachschubs überspielt er dabei so fein, als sei es eben doch ganz anders, eher liebevoll gemeint. Im Sinne von: Du arbeitest sehr gut hier, und teilweise bist du sogar großartig. Es hängt dann aber natürlich doch wieder ganz großartig schräg und weltweise in der Luft. Wie auch so viele Zeilen auf dem neuen Album.

Also zum Beispiel Sätze wie: "72 ist kein gutes Alter für einen Gogo-Tänzer" oder "Wer Anti-Kriegsfilme kennt, weiß / Die Welt der Kämpfer ist nur einen schmalen Grat entfernt vom schlimmsten Tuntenkitsch" in "Belgique, Belgique". Oder der Anfang des zweiten Songs "Badeschloss": "Wir waren zwei Tagesreisen vom Badeschloss entfernt / als durch ein verbotenes, verbotenes, verbotenes, verbotenes ruckartiges Zurückwenden durch eine Drehung aus der Schulter / der gesamte bereits zurückgelegte Weg wieder vor uns lag."

Wobei es, leicht gesagt, dahinbehauptet ist, dass dieser Mann und seine Kunst etwas Großes sind. So vollkommen selbstverständlich, wie man das in der besten aller Welten vielleicht gerne hätte, ist es natürlich nicht. Und das hat zwei Gründe: die verdammte Ironie und das, was in Deutschland unendlich krampfig "Humorismus" genannt werden muss, weil Otto Waalkes und Heinz Erhardt den Begriff des Komikers ruiniert haben, das deutsche Kabarett den des Satirikers und Pro7 den des Comedian.

"Humorist" ist hierzulande also der, der komisch ist, ohne unbeabsichtigt peinlich zu sein, aber auch ein bisschen böse und abgründig, ohne dabei jedoch bloß als kritische Unterhaltung getarnten Populismus zu liefern wie so oft das Kabarett.

Geht man diesem Typen auf den Leim? Aber sicher doch

Humorismus und Ironie als Problem also, damit ist man natürlich gleich auf sehr dünnem Eis. Witze erklären hat ja meistens vor allem einen Effekt: Der Witz ist hinterher mausetot.

Deshalb vielleicht bloß dies: Es ist unmöglich, den Verhältnissen beizukommen, wenn man sie nur veralbern will, weil man sie dann von vornherein unterschätzt - und sofort verloren ist. Denn: "Es ist kalt, wir sind allein, diese Welt ist traurig, böse und gemein. Und es gibt täglich weniger Gründe, nicht auch so zu sein."

Oder wie Friedrich Liechtenstein an anderer Stelle einmal sagte: "Wenn Du eine Scheiß-Show von mir siehst, dann ist das keine Scheiß-Show, sondern ein sehr genauer Film von einer Scheiß-Show." Deshalb sind Ironie und guter Humor im Grunde dasselbe. Ironie, insbesondere die von Friedrich Liechtenstein, ist aber auch die freundlichste, gütigste und tröstlichste Form des Widerstands. Und Entertainer wie Friedrich Liechtenstein sind nichts weniger als Boten einer besseren Welt.

Bliebe die Frage, ob man diesem Mann - und wahrscheinlich auch gleich noch ein paar ganz abgezockten Werbern - nicht doch brav auf den Leim geht? Ob man eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat, wenn man zum achtzehnten Mal eine Edeka-Werbung ansieht und im Büroflur leise "Belgique, Belgique, Belgique - er kommt niemals zurück, Brigitte" vor sich hinhaucht - oder vielmehr "Bellschiiiek, Bellschiiiek, Bellschiiiek - er kommt niemals zurück, Briiieschitt" mit weichem B und ganz nuscheligem Schhhhh?

Tja. Man geht der Sache wohl auf den Leim. So wie es sich bei großer Kunst gehört. Und nein, womöglich hat man nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber was und wem genau würde man eigentlich auf den Leim gehen und von welchen Tassen reden wir? Am Ende muss das natürlich jeder selbst wissen. Von hier zum Schluss vielleicht nur so viel: Es könnten die eigenen Träume vom guten und richtigen Leben sein, und die Rede ist nicht von den supergeilen Edeka-Tassen. Und das sind doch schon mal zwei ganz gute Nachrichten. Teilweise.