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Unseld-Berkéwicz und Suhrkamp:Was bedeutet ein Bekenntnis zur "Suhrkamp Kultur"?

Der Presseerklärung des Suhrkamp Verlags ist ein Statement von Sylvia Ströher beigefügt, in dem es heißt: "Wir freuen uns sehr, diesen bedeutenden Verlag als unabhängige Instanz der Literatur und der Geisteswissenschaften zu erhalten. Unser Engagement für Suhrkamp ist unbefristet und dient der weiteren Zukunftsfähigkeit des Verlags. Eine Einflussnahme auf die Verlagspolitik ist nicht Gegenstand unserer Vereinbarung. Die Beteiligung an der Suhrkamp AG liegt außerhalb unserer sonstigen Anlagestrategie und ist somit auch mit keiner Dividendenerwartung verbunden."

Eine Botschaft dieser Erklärung ist deutlich: Von uns sind, anders als von Hans Barlach, keine Störmanöver zu erwarten. Diese Grundgarantie bewirkt, dass der Blick des neuen Verlagsleiters Jonathan Landgrebe in die Zukunft gehen kann. Er ist 1977 in Hamburg geboren, und Ulla Unseld-Berkéwicz hebt gern hervor, dass einer seiner Großväter der Philosoph Ludwig Landgrebe war und der in Paris lebende Autor Georges-Arthur Goldschmidt sein Großonkel ist. Ebenso wichtig ist, dass er 2006 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München über "Liberalisierung und Regulierungsmanagement im Telekommunikationsmarkt" (2006) promoviert und sich im Hause Suhrkamp durch seine Vertrautheit mit den Märkten der Digitalisierung und durch die Führung des Amtes empfohlen hat, das ihm anvertraut war: als kaufmännischer Geschäftsführer.

Literatur als Kunst, ein aktuelles Krisenfeld

In einem "Geschäftsleitungsgremium" werden Jonathan Landgrebe künftig der Cheflektor Raimund Fellinger, die Pressesprecherin Tanja Postpischil und der kaufmännische Leiter Gerhard Schneider an der Seite stehen. Der bisherige Mit-Geschäftsführer Thomas Sparr wird "Editor at large". Aber entscheidend wird sein, wie Landgrebe sich als Verleger neu erfindet. Die Ära Unseld - mit ihren Nachwehen - ist nun bei Suhrkamp beendet, allenthalben ist die Branche - nicht nur wegen der Digitalisierung - im Umbruch.

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Er teilt seinen Stoff mit der Zeitgeschichte, aber die Sprache teilt er nicht mit ihr. Der Schriftsteller Lutz Seiler wird für seinen DDR-Aussteigerroman "Kruso" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.   Von Lothar Müller

Ulla Unseld-Berkéwicz verabschiedet sich nach einem Herbst, in dem der Verlag in Lutz Seiler den Träger des Deutschen Buchpreises stellte, der mit seinem Roman "Kruso" die Bestsellerlisten eroberte. Aber was Sylvia Ströher sich wünscht - "Suhrkamp als Instanz der Literatur und Geisteswissenschaften zu bewahren" - und damit dem neuen Verleger als Aufgabe stellt, ist nicht eben leicht zu bewerkstelligen. Es gilt, das Bekenntnis zur "Suhrkamp Kultur" in eine fortwährende Definition zu verwandeln. Doch was heißt das in Zeiten, in denen der Verlag Autoren wie Don Winslow oder Teju Cole gewonnen und schon wieder verloren hat?

Diese Notwendigkeit der Selbstdefinition gilt auch für das Amt, das Jonathan Landgrebe nun antritt. Ob in den Konzernverlagen oder den eigenständigen Verlagen mittlerer Größe, überall findet derzeit dieser Prozess der Neudefinition statt. Barbara Laugwitz ist seit September 2014 Chefin des Rowohlt Verlags, als Nachfolgerin von Alexander Fest. Bei Hanser ist Jo Lendle auf Michael Krüger gefolgt.

"Literatur als Kunst" hieß vor Jahrzehnten eine Reihe bei Hanser. Der Titel benennt ein aktuelles Krisenfeld. Nicht, dass die Autoren diesen Anspruch aufgegeben hätten. Aber im öffentlichen Reden über Literatur ist es oft so, dass sie allenfalls dann gefragt ist, wenn sich an ihr etwas demonstrieren lässt, bei dem man zugleich von ihrer Innenwelt, den Formen absehen kann: ein Skandal, ein Hype, ein heißer Stoff.

Die diskursiven Echoräume, von denen die Literatur umgeben ist, sind nicht kleiner geworden, aber sie haben sich strukturell verändert. Das Buch, das darüber berichtet, ist noch nicht geschrieben. Es müsste ein Nachfolger eines Suhrkamp-Titels sein, des "Strukturwandels der Öffentlichkeit" von Jürgen Habermas. Wie verhält sich die klassische Öffentlichkeit, von de er handelte, zum aktuellen Patchwork der "communities"? Das geisteswissenschaftliche Buch, hierzulande mit dem Label "Sachbuch" geschlagen (ach, wie klug sind die Angelsachsen, dass sie "non fiction" sagen), ist zugleich ein Kern der "Suhrkamp Kultur" und ein aktuelles Sorgenkind. Man lese nur den Schwerpunkt dazu im aktuellen Heft der Zeitschrift Merkur oder die zur Leipziger Messe erscheinende Bestandsaufnahme Michael Hagners "Zur Sache des Buches".

Jonathan Landgrebe steht am Scheitelpunkt der Nach-Unseld-Ära. Es kann nur gut sein für die deutsche Literaturlandschaft, wenn ihm die Neuerfindung als Verleger gelingt.