"Captive" im Kino Missionierung aus der Mülltonne

Werbung für den christlichen Riesenbestseller: Ashley Smith (Kate Mara) und Brian Nichols (David Oyelowo) in "Captive".

(Foto: dpa)

Dem Leben einen Sinn geben: Ein Mädchen auf Entzug und ein Verbrecher werden geläutert: Der US-Thriller "Captive" ist Bibelfernsehen fürs Kino.

Von Doris Kuhn

Das Mädchen sitzt in der Selbsthilfegruppe und stellt sich vor: Ashley Smith, einst Crystal-Meth-abhängig, inzwischen drogenfrei. Ashley kann also wieder Pläne machen für ihre Zukunft.

Trotzdem gibt sie sich pampig, wirft den christlichen Ratgeber, den ihr die Gruppenleiterin schenkt, erst mal weg. Weil der Film "Captive" aber sehr durchsichtig konstruiert ist, lässt der knallende Mülleimerdeckel ahnen, dass diesem Buch noch ein großer Auftritt zukommen wird.

Anderswo in der Stadt flieht derweil der Gewaltverbrecher Brian Nichols aus seiner Gerichtsverhandlung, wo er den Richter erschossen hat. Er stürmt durch das schöne Atlanta, um sein Kind zu sehen. Hier bewältigt der Film einen Balanceakt: Er muss einen Mann, dem man gerade beim Töten zusah, sympathisch machen, sodass sowohl die Zuschauer wie auch Ashley sich auf ihn einlassen. Der Besuch beim Kind, die große Rührung, ist da natürlich hilfreich.

Der Mann wird das Mädchen als Geisel nehmen und die Nacht in dessen Wohnung verbringen. Das ist eine wahre Geschichte, die 2005 stattfand. Was Jerry Jamesons Film daran hervorhebt, so spannend wie unaufdringlich, ist die Annäherung zweier Außenseiter.

Jeder erkennt im anderen eine Unschuld, die vor den großen Lebensfehlern da war; jeder sieht das Leid, das übrig blieb. Deshalb darf das Mädchen dem Mann aus dem Buch vorlesen, das aus der Tonne zurück in seine Hände fand, und der Mann hört ihm zu.

Amerikanische Begeisterung für christliche Lebenshilfe

Darin wird dann Gottes Liebe beschworen, die nach ein paar Absätzen ihre verblüffende Wirkung tut: Läuterung tritt ein, allenthalben. Das Irre: Dieses Erlösungsbuch gibt es wirklich, es handelt sich ja um eine wahre Geschichte: Der christliche Lebensratgeber "Leben mit Vision" des kalifornischen Pastors Rick Warren war bereits ein Riesenbestseller und wird hier noch mal kräftig beworben.

Und unter den Schlusstiteln des Films wird die amerikanische Begeisterung für christliche Lebenshilfe noch einmal von Oprah Winfrey bewiesen: Sie hat die echte Ashley Smith in ihrer Show, dazu den Buchautor. Dem Film hilft das nicht. War er schon in der zweiten Hälfte arg missionarisch, macht ihn der Abspann endgültig zum Bibelfernsehen.

Captive, USA 2015 - Regie: Jerry Jameson. Buch: Brian Bird. Kamera: Luis David Sansans. Mit Kate Mara, David Oyelowo. Paramount, 97 Minuten.