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Der Fall Wainewright:Dandy ohne Skrupel

"Ich bin mein Leben lang entschlossen gewesen, ein Gentleman zu bleiben": Selbstporträt von Thomas Griffiths Wainewright.

(Foto: OH)

Autor, Maler, Mordverdächtiger: War der Brite Thomas Griffiths Wainewright ein Verbrecher, der im 19. Jahrhundert mehrere Verwandte tötete - oder nur ein verschwendungssüchtiger Ästhet?

Von Florian Welle

Noch auf dem "Selbstporträt als Sträfling" gibt sich Thomas Griffiths Wainewright als Ästhet zu erkennen. Jedenfalls sieht man der Zeichnung nicht an, dass man jemanden vor sich hat, der wegen Betrugs 1837 von einem englischen Gericht lebenslang in die Strafkolonie von Van-Diemens-Land, dem späteren Tasmanien, verbannt worden ist.

Das Porträt zeigt einen Mann mit feinen Gesichtszügen. Den Mund umspielt ein Oberlippenbart, das halblange Haar wellt sich an den Seiten, den langen Hals umrahmt ein hochgeschlossener Kragen.

Oscar Wilde war fasziniert von Wainewrights Schönheit - und dessen dunklen Seiten

Nimmt man nun Oscar Wildes Studie über Wainewright mit dem Titel "Pen, Pencil and Poison" hinzu, wird die Zeichnung sogar farbig. Wilde liefert darin eine lebendige Beschreibung des 1794 im Londoner Stadtteil Chiswick Geborenen.

Demnach beschloss bereits der junge Wainewright, "als Dandy die Stadt zu schockieren und seine herrlichen Ringe, seine antike Gemme als Krawattennadel und seine blassgelben Glacéhandschuhe waren überall bekannt ... Dazu gaben ihm sein volles lockiges Haar, seine schönen Augen und seine feingliedrigen, weißen Hände den gefährlichen und reizvollen Vorzug, anders als die anderen zu sein".

Was meinte Wilde mit "anders als die anderen"? Was war für den Dichter an Wainewright so reizvoll, dass er 1889, vierzig Jahre nach dessen Tod, eine Charakterstudie über ihn verfasste? Dass Wainewright als romantischer Autor, Kunstkritiker und Maler über viele Talente verfügte, konnte es allein ebenso wenig sein wie seine zur Schau getragene Extravaganz.

Und die Tatsache, dass er ein Betrüger war, hätte wohl auch kaum Wildes Neugier entfacht. Doch da war ja noch etwas anderes: die Gerüchte, die Wainewright des mehrfachen Giftmordes bezichtigten.

Wobei es für Wilde schon gar keine Gerüchte mehr waren, sondern ausgemachte Tatsache, dass der Dandy zwischen 1828 und 1830 seinen Onkel, seine Schwiegermutter und seine Schwägerin Helen Abercrombie mit dem damals nicht nachzuweisenden Strychnin vergiftet hatte, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren.

Zwar gibt es bis heute keine Beweise für die Taten, aber mit der Meinung, dass Wainewright "einer der abgefeimtesten und heimlichsten Giftmischer aller Zeiten" war, stand Wilde nicht allein da.

Nachdem Wainewright 1847 an einem Schlaganfall gestorben war, wurde seine Lebensgeschichte von Edward Bulwer-Lytton in dem Roman "Lucretia oder die Kinder der Nacht", von Charles Dickens in der Kurzgeschichte "Hunted Down" sowie von W. Carew Hazlitt, dem Herausgeber seiner Schriften, genüsslich ausgeschlachtet.

Man schreckte nicht davor zurück, ihm weitere Morde in die Schuhe zu schieben. Für Wilde war Wainewright daher der faszinierende Inbegriff des amoralischen Ästhetizisten: "Es gibt keine wesentliche Inkongruenz zwischen Verbrechen und Kultur."

Thomas Griffiths Wainewright, früh verwaist, wuchs bei seinem Großvater Ralph Griffiths, einem Zeitungsverleger, im stattlichen Linden House auf. Als dieser 1803 starb, hinterließ er dem Jungen ein Vermögen von rund 5000 Pfund, das treuhänderisch verwaltet wurde. Von den Zinsen hätte Thomas gut leben können.

Er studierte Malerei, kaufte sich ins Militär ein und verfasste unter diversen Pseudonymen, von denen Egomet Bonmot das hübscheste ist, pompöse Kritiken. Wilde sah in ihm den Begründer des "modernen Journalismus".

Kurz bevor seine Schwägerin stirbt, schließt er eine sehr hohe Lebensversicherung für sie ab

Mit 23 Jahren heiratete er Eliza Frances Ward. Vor allem aber lebte er weiter über seine Verhältnisse, was ihn 1822 dazu verleitete, die Unterschriften seiner Treuhänder zu kopieren, mit der gefälschten Vollmacht zur Bank of England zu gehen und die Hälfte seines Vermögens einzukassieren.

Nur ein Jahr später wiederholte er die Prozedur. Doch die 5000 Pfund zerrannen ihm zwischen den Fingern. Dann begann jene Serie von Todesfällen, die später der Anlass für die Giftmörder-Theorie waren.

Erst starb 1828 sein Onkel, und Linden House ging in Wainewrights Besitz über. Ein mögliches Mordmotiv? Fraglich, schließlich verschlang das Anwesen Unsummen an Unterhaltskosten, und Wainewright war bereits verschuldet. Im August 1830 segnete dann seine eben noch fidele Schwiegermutter das Zeitliche. Der nächste Mord? Doch warum hätte Wainewright (vielleicht sogar mit Wissen seiner Frau) die nicht allzu vermögende Dame töten sollen? Ein Testlauf?

Ende 1830 gab es die nächste Tote: Seine junge Schwägerin Helen starb unter heftigen Krämpfen. Eine Autopsie sollte Klarheit schaffen, brachte jedoch keine Ergebnisse. Allerdings macht ihr Tod wirklich stutzig: Noch kurz zuvor hatten die Wainewrights bei mehreren Versicherungen für das Mädchen Lebensversicherungen in Höhe von mehr als 16 000 Pfund abgeschlossen. Ein Zufall?

Zu Wainewrights Verdruss weigerten sich die Gesellschaften jedoch, das Geld auszuzahlen. Er hatte die Chuzpe zu klagen. Die Verhandlung verzögerte sich allerdings, und er setzte sich unter ungeklärten Umständen ohne Familie nach Frankreich ab. Was er dort tat, wissen wir nicht. Weiter morden, wie später behauptet wurde?

In Abwesenheit wies das Gericht 1835 seine Klage gegen die Versicherungen ab. Zudem entdeckte man die früheren Fälschungen. Als er 1837 in die Heimat zurückkehrte, wurde er verhaftet und wegen Unterschriftenfälschung nach Van-Diemens-Land deportiert.

Da kaum Dokumente über das Leben von Thomas Griffiths Wainewright existieren, bleibt bis heute unklar, ob er wirklich jener skrupellose Mörder war oder doch nur ein künstlerisch begabter Geck und Prasser, der von sich gesagt haben soll: "Ich bin mein Leben lang entschlossen gewesen, ein Gentleman zu bleiben."

Dieser Text erschien in der Print-SZ vom 25.07.2020.

© SZ vom 25.07.2020/odg
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