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Thom Yorke in Berlin:Eine unwiderrufliche Erweckung

Lollapalooza 2016

Radiohead-Sänger Thom Yorke an der Gitarre. Am Freitag war er mal wieder in Berlin.

(Foto: Sophia Kembowski/dpa)

Thom Yorke von Radiohead gibt ein Solo-Konzert in Berlin. Und seine Jünger schwelgen in seinem magisch-minimalistischen Sound-Gefrickel.

Konzertkritik von Volker Bernhard, Berlin

Dass sich so viele Menschen bei hochsommerlicher Hitze in den Schweißkessel des Berliner Tempodroms drängen, mag so manchem wie autoaggressives Verhalten erscheinen. Die Anwesenden jedenfalls werden vollends euphorisiert in die Nacht entlassen. Das mag auch an einer gewissen Erhabenheit liegen, die die Kulturindustrie wahrlich nicht alltäglich produziert.

Thom Yorke ist ein Darling so ziemlich jeden Musik-Kenners. Und das liegt natürlich nicht nur daran, dass dieser liebenswürdige Kauz zwei formidable Soloalben aufgenommen hat. Oder mit "Atoms for Peace" eine der besten Supergroups überhaupt ins Leben rief. Auch dass er sich gegen Armut, Klimawandel und für fairen Handel einsetzt, bleibt nebensächlich.

Denn Thom Yorke ist nun mal Sänger und Universaltüftler von Radiohead, der bandgewordene Beweis, dass Gitarrenmusik noch nicht endgültig tot ist. Das Bemerkenswerteste an Radiohead ist, dass man sich nicht vornehmen kann, sie jetzt mal zu mögen. Alles bricht einfach irgendwann über einen herein - die kunstvollen Arrangements, die unerhörten Soundexperimente, die bezirzende Stimme Thom Yorkes, der Weltschmerz. Die Erweckung ist dann meist unwiderruflich. Diese Sogwirkung jedenfalls ist wesentlich für den Mythos um die Band und ihren Sänger. Diejenigen, die es nicht trifft, jammern hingegen über Thom Yorkes vermeintlich wehleidiges Gewimmer.

Nur alle paar Jahre verschlägt es die Musiker nach Deutschland, und so entsteht auch an diesem Abend - an dem Yorke ohne Band in Berlin ist - so etwas wie eine Aura der Exklusivität. Thom Yorkes Show ist für das Gros der Anwesenden eine ziemlich ernste Angelegenheit. Das Konzert ist eine ganz wunderbare Messe akustischer Frickelei und die ist überaus tanzbar. Selbst auf der Empore, eigentlich feiermausfreie Zone, ist irgendwann so mancher Plastesessel verwaist.

An einem Tisch voller Sampler, Effektgeräte und Synthesizer steht der langjährige Radiohead-Produzent Nigel Godrich und bereitet mit seinen grundständigen Beats den Boden für Yorkes ausschweifende Wanderungen über die Bühne. Neben einem weiteren Tisch voller Spielzeug stehen ein Klavier und die sporadisch in Erscheinung tretenden Klassiker der Rockmusik: Bass und Gitarre. Zwischen diesen Stationen fegt er wie ein Derwisch über die Bühne, stapelt voller Selbstironie pathetische Gesten aufeinander und tanzt. Thom Yorke ist tatsächlich ein umwerfender Tänzer, wie im Musikvideo zu Radioheads "Lotus Flower" verewigt.

Minimalistische Konstellation mit Ausfallschritten

Als Duo pflügen sie sich durch das Solowerk, können in dieser minimalistischen Konstellation miteinander interagieren, Samples variieren und Ausfallschritte wagen. Vor allem in der rauschhaften ersten Hälfte sind viele Tracks mit einem ähnlich treibenden Groove ausgestattet und gehen nahtlos ineinander über. Sie dienen dadurch auch als Spielwiese. "A Brain In A Bottle" etwa entfaltet dank einer schlichten wie treibenden Funkgitarre eine Energie, die der Studioversion abgeht.

Das aus zwei unterkühlt produzierten Alben bestehende Solowerk wird in seine Einzelteile zerlegt und in Reaktion auf die Stimmung im Raum neu zusammengesetzt. Dieses dialogische Moment ist bei Livekonzerten wahrlich nicht oft zu beobachten.

Das gleiche Spiel im hinteren Teil der Bühne: Eine immense Leinwand wird von Tarik Barri live mit fulminanten Visuals bespielt. Barri blickt im rechten Winkel auf die beiden Musiker und versucht, seine Eingebungen mit den musikalischen Finten des Dous in Einklang zu bringen. Er bemalt förmlich die Leinwand, ähnlich dem Live-Painting. Barri spielt mit geometrischen Formen, Farbverläufen und Texturen. Selbst die Rhythmen seiner Visuals sind abgestimmt auf die Musik.

All das ist natürlich auch etwas überfordernd, viele sind regelrecht versunken in diese Inszenierung.

Auffällig auch, wie ausgesprochen höflich und achtsam Menschen miteinander umgehen können, der obligatorische Drängler bekommt hier keinen Stich. Und doch können noch immer zu viele Smartphone-Besitzer es nicht lassen, ihre Dinger maximal unsmart in die Höhe zu wuchten. Wenn selbst hier keine Läuterung beobachtbar ist, sollte man sich wohl endgültig damit abfinden.

Zur zweiten Zugabe wird es dann überraschend klassisch und vor allem ruhig, sonst müsste das Trio noch immer auf der Bühne schuften: Piano, Thom und wir. Ganz reduziert gibt er "Spectre" zum Besten, den einzigen Radiohead-Song des Sets, der in dieser Version tatsächlich das einzige nicht magische Stück Musik an diesem Abend ist.

© SZ.de/kler

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