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Theater:Zeit verdampft

Momo

Nein, mit dieser Puppe spiele ich nicht: Momo (Marina Granchette) schlägt das Angebot des "Zeitdiebs" (Tom von der Isar) aus.

(Foto: Tobias Melle)

"Momo" im Hofspielhaus komprimiert Michael Endes Roman zu einem Zwei-Personen-Stück. Was teils zu ungewollter Hektik führt

Von Barbara Hordych

Manche Kinderbücher sind so vorausschauend, dass sie mit den Jahren nicht veralten, sondern eher noch aktueller werden. "Momo" von Michael Ende ist so ein Buch. Darin erzählt er die Geschichte eines Mädchens, das nichts besitzt, sondern nur von dem lebt, was sie findet oder was man ihr schenkt. Dafür vermag sie wunderbar zuzuhören und mit dieser Begabung die Herzen der Menschen für das Hier und Jetzt zu öffnen. Sie schenkt Zeit und teilt sie mit anderen - insbesondere mit ihren Freunden, dem einfallsreichen Geschichtenerzähler Gigi und dem geruhsamen Straßenkehrer Beppo. Deshalb gerät sie aber auch ins Visier der Grauen Herren, die eines Tages in der Welt des wundersamen Mädchens auftauchen. Sie sind Agenten der "Zeitsparkasse", die in der Eigenproduktion "Momo" des Hofspielhauses von Tom von der Isar verkörpert werden.

In Schwarzlicht getaucht, leuchten seine Zigarren gefährlich neongrün, wenn er Marina Granchette als Momo auf dem kleinen Bühnenpodest vorrechnet, wie viele Minuten und Sekunden sich sparen ließen, um sie angeblich für später sicher und verzinst aufzubewahren. Gerade die Zeit wird aber auch zu einem dramaturgischen Problem dieser Inszenierung, die es unternimmt, Michael Endes 300 Seiten starken "Märchen-Roman" in ein Familientheater-Stück mit nur zwei Darstellern einzudampfen. Zu hektisch entwickelt sich die Szenerie, wenn Tom von der Isar nicht nur die Zeitdiebe, sondern auch Momos Freunde Gigi und Beppo verkörpert, von der einen in die andere Rolle schlüpft und hüpft.

Erst im zweiten Teil, wenn Granchette schön somnambul dem roten Lichtpunkt an der Himmelsdecke folgt (ein gelungener Regieeinfall von Sebastian Brummer), der sich später als Schildkröte Kassiopeia entpuppt, kommt die Inszenierung zur Ruhe. Gebannt verfolgt man den Weg der staunenden Momo ins Nirgendhaus des Meister Hora. Er ist der Verwalter der Zeit, den Tom von der Isar ulkig verpeilt, mit einem Lampenschirm als Kopfputz gibt. Er erklärt Momo das Geheimnis der Stunden-Blumen, die in den Herzen der Menschen wachsen und für ihre Lebenszeit stehen. Die Grauen Herren wiederum nähren sich von den zu Zigarren gedrehten gestohlenen Zeitblumen. Im Hofspielhaus fallen sie als glitzernde Windspiel-Räder aus Meister Horas Uhr und regnen den Zuschauern vor die Füße. Unterm Strich, so ließe sich als Zuschauer und Zeitbanker sagen, doch eine kleine, fein leuchtende Theater-Perle, deren Besuch lohnt.

Momo, Samstag, 1. Februar, 18 Uhr, Hofspielhaus, Falkenturmstraße 8 (Folgetermine bis 28. März)

© SZ vom 01.02.2020
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