Theater Berlin, Wien, Chemnitz, Dresden: Auch andernorts mehren sich Angriffe auf Künstler

Kay Kuntze, der Intendant, muss deshalb in letzter Zeit oft über Rassismus reden. Er betont erst mal, wie international sein Ensemble immer noch ist: Von 22 Balletttänzern stammen 21 aus dem Ausland. Aber was er im Oktober bei den Personalgesprächen über rassistische Anfeindungen hörte, beschäftigt ihn. "Bei Ensembleabgängen war Fremdenfeindlichkeit bisher nie ein Thema." Dass sich dies geändert habe, sei besorgniserregend. Wenngleich drei der vier auch andere Gründe für ihren Weggang genannt hätten. Kuntze berichtete in einem Brief an die Gesellschafter und Aufsichtsräte des Theaters über die Gespräche. Die Piratenpartei Gera veröffentlichte ihn. Dass Verträge nicht verlängert werden, sei normal, sagt Kay Kuntze. "Aber dieser Alltagsrassismus, den es immer gab und immer geben wird, traut sich zunehmend aus der Deckung und wirkt sich aus. Alltagsrassismus verändert eine Gesellschaft."

Auch andernorts mehren sich Angriffe auf Künstler. Der Regisseur und Autor Falk Richter bekam Morddrohungen wegen seines AfD-Stücks "Fear" an der Berliner Schaubühne. Im April stürmten Identitäre in Wien eine Aufführung von Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen", an der auch Flüchtlinge mitwirkten. In Chemnitz wurde im November ein Sprengstoffangriff auf ein Kulturzentrum verübt, das ein Stück zum NSU zeigte. Und in Dresden, wo Pegida-Demonstranten schon vor einiger Zeit das Wort "Lügentheater" erfanden, gibt es nun auch "Lügenbusse". So nennen rechte Demonstranten die Installation von Manaf Halbouni, die an die Opfer von Aleppo erinnern will. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert erhält Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Der Fall Altenburg scheint auf den ersten Blick ins Bild zu passen. Und doch unterscheidet er sich: Ouelgo Téné wurde nicht attackiert, weil er Schauspieler ist. Sondern weil er schwarz ist. Nur der Boykottaufruf richtet sich direkt gegen das Theater.

Dresden setzt ein mutiges Zeichen

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Fremd ist in dem Stück nicht der Schwarze, fremd ist die preußische Deutschtümelei

Vor Ort, in Thüringen, verlief die Diskussion etwas anders. Es ging darum, ob Altenburg zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt werde - und über die Nachweisbarkeit von Alltagsrassismus. Denn keiner der Darsteller hat eine Strafanzeige gestellt. Lokale Zeitungen fragten, ob es die Anfeindungen überhaupt gegeben habe.

Ouelgo Téné ist das Thema leid. Aber weil er ein höflicher Mensch ist, redet er doch darüber. Ja, er wurde angegriffen, oft verbal, einmal körperlich. Ja, er hat manchmal Angst. Nein, das ist nicht der Hauptgrund, warum er geht. Er brauche eine Pause, sagt er. Und erzählt im nächsten Moment von Altenburger Theatergängern, die ihm nach der Vorstellung gratulieren.

Am Sonntag ist die Premiere von "Der Hauptmann von Köpenick". Über Téné in der Titelrolle gibt es online hässliche Kommentare zu lesen. Mal wird im Sinne vermeintlicher Werktreue argumentiert, mal offen rassistisch. Ein Altenburger Stadtrat sagt: "Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass in einer solch aufgeheizten Stimmung unbedingt ein Farbiger den Hauptmann von Köpenick spielen muss."

"Wie de aussiehst, so wirste anjesehn."

Gleich zu Beginn des Stückes wird die Perspektive deutlich: Ouelgo Téné steht vorne am Bühnenrand und schaut aufs Geschehen. Auf der Drehbühne ziehen Biedermeier-Szenen vorbei. In diesem Typen-Karussell ist der Außenseiter Wilhelm Voigt der einzig echte Mensch. Man kann das auch so verstehen: Fremd ist heute nicht der Mensch mit der schwarzen Hautfarbe. Fremd ist heute die preußische Deutschtümelei aus Zuckmayers Zeiten.

Téné spielt konzentriert und zurückgenommen. Wie es die Rolle verlangt, berlinert er; mit Akzent allerdings. In den stärksten Momenten legen sich Zuckmayers Stück und die deutsche Gegenwart übereinander: wenn er nach einer Aufenthaltserlaubnis verlangt. Wenn er einem gelangweilten Beamten dreimal seinen Namen buchstabiert. Und wenn er resümiert: "Wie de aussiehst, so wirste anjesehn."

Die Premiere ist unfreiwillig zur Symbolfrage geworden - darüber, wer in Altenburg das Sagen hat. Und darüber, wie offen die deutsche Gesellschaft ist. Viel Druck für einen Schauspieler. Ouelgo Ténés Wilhelm Voigt ist in vielen Szenen ein stummer Beobachter; ein Fremder in einem geschlossenen System. Und einer, der sich partout nicht ausgrenzen lässt. Es ist, vielleicht, mehr als eine Theaterrolle.