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Theater:"Die Stimmung in Altenburg hat sich stark verändert"

Wie viele Altenburger die Ansichten des Bürgerforums teilen, ist schwer zu sagen. Auf Facebook hat der Deutsche Zivilschutz e.V., die rechtliche Organisationsform des Bürgerforums, nur 620 Likes. Aber unterschätzen sollte man die Situation deshalb nicht, sagt Christoph Lammert von der Rechtsextremismus-Beratungsstelle Mobit. Der zivilgesellschaftliche Protest sei in Altenburg eher verhalten. "Man tut sich schwer dagegenzuhalten." Finanziell sei das Bürgerforum zudem gut ausgestattet. Viel Geld wird in professionelle Image-Filme und in eine Bürger-Zeitung investiert.

Im Herbst 2015 fand in Altenburg die größte Demonstration des neonazistischen Thügida-Bündnisses statt, mit mehr als 2000 Teilnehmern. Tags darauf brannte eine Flüchtlingsunterkunft.

Eigentlich ist Altenburg ein kleines Wunder des deutschen Stadttheaters

Aber man wird in Altenburg auch positiv überrascht. Es gibt den Feinkostladen "Palmyra", in dem ein syrischer Geschäftsmann Fladenbrot und Humus verkauft. Es gibt eine engagierte Integrationsbeauftragte, die früher mal ein Mann war. Und einen Theatersaal, der zu den schönsten im Land gehört: mit rotem Plüsch, Neo-Renaissance-Stuck und so intim, als säße man im eigenen Wohnzimmer.

Bernhard Stengele hat - auch so eine Überraschung - ein internationales Ensemble mitgebracht, als er 2012 als Schauspieldirektor anfing. Die Theater von Altenburg und Gera sind 1995 fusioniert worden. Alle Stücke laufen in beiden Städten. Auf dem Spielplan finden sich auch lokale Themen. Dirk Laucke hat gerade ein Stück über Crystal Meth geschrieben, die bevorzugte Droge in der Region. Trotz der Sparzwänge wurde hier in den letzten Jahren vieles richtig gemacht: ein kleines Wunder des deutschen Stadttheaters.

Die Stimmung in Altenburg habe sich stark verändert, sagt Stengele. 2014 probte er sechs Wochen mit Schauspielern aus Ouagadougou. Als er ein Jahr später das Projekt fortsetzen wollte, ging das kaum noch. Eine Schauspielerin musste zu jeder Probe abgeholt werden, weil sie Angst hatte, allein die Wohnung zu verlassen.

30 Kilometer westlich, im Foyer des Theaters Gera, hängt ein Bild von allen Schauspielern, Tänzern und Sängern, die am Haus arbeiten. Sie tragen weiße T-Shirts, fotografiert vor weißem Hintergrund. Die beiden Männer mit der dunkelsten Haut werden künftig fehlen. Der Tenor Thaisen Rusch, in Sri Lanka geboren, ist bereits weg; er hat sein Engagement vorzeitig aufgelöst. Auch der Schauspieler Ouelgo Téné wird im Sommer gehen; ebenso wie seine Kolleginnen Katerina Papandreou und Öykü Oktay, die aus Griechenland und der Türkei stammen.

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