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"The Woman in the Window" auf Netflix:Was die Nachbarn treiben

Wahn oder Wirklichkeit? Anna (Amy Adams) glaubt, einen Mord beobachtet zu haben.

(Foto: Melinda Sue Gordon/Netflix)

Rausgehen unmöglich: "The Woman in the Window" ist eine moderne Version von "Das Fenster zum Hof" - und der Wahnsinnsfilm zum Lockdown-Finale.

Von David Steinitz

Lange nicht mehr richtig aus dem Haus gekommen und in letzter Zeit ein bisschen zu viel Rotwein getrunken? Wem dieser Zustand aus den vergangenen Monaten bekannt vorkommt, der könnte sich in diesem Thriller heimisch fühlen: "The Woman in the Window" ist ein Film gewordener Lockdown-Albtraum.

Anna (Amy Adams) sitzt seit bald einem Jahr in ihrem Haus in Manhattan fest. Sie leidet aufgrund eines Traumas an Agoraphobie, einer Angststörung, die in ihrem Fall die komplette Außenwelt zur Bedrohung macht. Den Müll rausbringen? Eine Folter. Spazieren gehen? Unmöglich. Ihr Mann und ihre Tochter haben sie verlassen, die Einkäufe kommen per Lieferservice. Einsam wandert sie durch die langen Flure und großen Zimmer und spült ihre zahlreichen Psychopharmaka mit literweise Merlot hinunter. Um die langen Tage und die noch längeren Nächte zu füllen, schaut sie sich wieder und wieder durch ihre opulente Sammlung an alten Filmen. Anna hat ein besonderes Faible für Thriller über Obsessionen, Paranoia, Verfolgungswahn: "Der Tod kommt zweimal", "Blow Up", "Die schwarze Natter" und, natürlich, "Das Fenster zum Hof".

Hitchcock wusste: Wenn sich am Fenster gegenüber jemand auszieht, muss man hinschauen

Letzterer ist die Inspiration für diese Geschichte. "The Woman in the Window" ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs aus dem Jahr 2018. Der Schriftsteller A. J. Finn gab damit sein Romandebüt und landete mit seiner Hitchcock-Hommage prompt einen Bestseller.

"Ich wette, dass von zehn Leuten, wenn sie am Fenster gegenüber eine Frau sehen, die schlafen gehen will und sich auszieht, oder auch nur einen Mann, der sein Zimmer aufräumt, dass von zehn Leuten neun nicht anders können als hinschauen." Das sagte Alfred Hitchcock zur Motivation hinter seinem Meisterstück "Das Fenster zum Hof". Der Film war für Hitchcock ein "vollkommen filmischer Film", weil er den Kern aller Kinokunst zum Thema machte: die Lust am Voyeurismus.

Ähnlich verfährt A. J. Finn in seinem Buch. Die Geschichte über das obsessive Beobachten der Nachbarn liest sich schon in Romanform wie ein halbes Drehbuch, weshalb die Verfilmung fast umgehend erfolgte und das Erscheinen des Films nur durch die Pandemie verzögert wurde: "The Woman in the Window" hätte ins Kino kommen sollen, nun läuft er auf Netflix.

Im Buch wie im Film glaubt die Hauptfigur Anna, die mit dem Zoom ihrer Kamera leidenschaftlich gern die Fenster auf der anderen Straßenseite abtastet, im Haus gegenüber einen Mord beobachtet zu haben. Hat der unsympathische neue Nachbar nach einem heftigen Streit seine Frau erstochen? Da war dieser spitze Gegenstand, den sie kurz aufblitzen sah, ein Schrei, Blut am Fenster.

Aber als sie panisch die Polizei verständigt, sehen die sich nicht etwa das Nachbarhaus an, sondern inspizieren skeptisch Annas viele leeren Pillendosen und Weinflaschen; registrieren genau ihr blasses, aufgedunsenes Gesicht. Panisch merkt sie, dass man ihr nicht glaubt, sie eines blöden Streichs verdächtigt. Und fassungslos wird sie, als man ihr eine völlig unversehrte Nachbarin präsentiert, die plötzlich ganz anders aussieht als die Frau, die sie blutend am Fenster zu sehen glaubte. Hat sie sich den Mord nur eingebildet?

Amy Adams liefert eine oscarwürdige Performance, ertrinkt aber leider im Kunstblut

Was in "Das Fenster zum Hof" Jimmy Stewarts gebrochenes Bein war, das ihn an seine Wohnung fesselte und zum passionierten Beobachter machte, ist in "The Woman in the Window" die psychische Erkrankung der Protagonistin. Durch sie erhält dieser Krimi noch mal eine zusätzliche Ebene des Wahnsinns, weil Anna, die vor ihrer Erkrankung als Psychologin gearbeitet hat, nicht mehr weiß, ob sie glauben kann, was sie gesehen hat - und durch ihren Job sehr genau weiß, welche halluzinatorischen Nebenwirkungen ihre Medikamente haben können. Daraus entsteht ein Höllentrip aus Paranoia und Verdächtigungen, weil sie der Polizei und vor allem sich selbst unbedingt beweisen will, dass sie noch zurechnungsfähig ist.

Die traurige Klaustrophobie, mit der sie als Folge ihrer Erkrankung kämpft, weil ihr das Haus, das sie nicht mehr verlassen kann, zum Gefängnis geworden ist, macht einen Großteil des Thrills im Roman aus. Klar gibt es ein paar überraschende Wendungen; vor allem aber sperrt der Autor den Leser raffiniert in diese immer kleiner werdende Welt mit ein, in der das echte Leben nur als Schatten an den Fenstern vorbeizieht.

Dieses Element geht in der Verfilmung von Regisseur Joe Wright leider verloren. Er und sein Team hetzen so schnell durch die Handlungselemente des Buchs, dass kaum etwas von der unheimlichen Stille und Einsamkeit übrig bleibt, in der diese Frau physisch wie psychisch eingesperrt ist. Das ist schade, denn Amy Adams legt als Anna einen richtigen Teufelsritt des Selbstzweifels hin. Eine wortwörtlich existenzialistische Studie einer Frau, der ihr eigenes Ich abhandenkommt. Etwas mehr Ruhe und Raum dafür, und ihr Auftritt wäre mit Sicherheit oscarwürdig gewesen.

So aber mündet der Film in ein Splatter-Ende aus der Hollywoodretorte, das dem Horror des Romans nicht gerecht wird, weil die Lebenskrise der Heldin in Kunstblut untergeht. Wenn die Effekthascherei über das Personal gestellt wird, hat eigentlich jeder Film ein Problem. Oder, wie es Alfred Hitchcock noch eleganter erklärte, als François Truffaut ihn zu "Das Fenster zum Hof" befragte: "Es kommt immer wieder darauf an, die Größe der Bilder im Verhältnis zu ihrem dramatischen und emotionalen Zweck auszuwählen und nicht in der Absicht, nur ein Dekor zu zeigen."

The Woman in the Window, USA 2020 - Regie: Joe Wright. Buch: Tracy Letts nach dem Roman von A. J. Finn. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit: Amy Adams, Julianne Moore, Jennifer Jason Leigh, Gary Oldman. 100 Minuten. Netflix.

© SZ/kni
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