"The Cleaners" im Kino Fluchtpunkt Manila

Fließbandarbeit ist Yoga dagegen: Bis zu 25 000 Posts sichte er pro Tag, erzählt einer der Moderatoren. Foto:

(Foto: farbfilm)

Digitale Drecksarbeit: Die Film-Dokumentation "The Cleaners" zeigt die Arbeit der "Content-Moderatoren", die für Facebook und Co. Bilder und Videos löschen.

Von Martina Knoben

Wenn Facebook ein Staat wäre, er wäre der bevölkerungsreichste der Welt. Eine Supermacht mit rund zwei Milliarden Bürgern, die weitgehend ohne Kontrolle oder auch nur Einsicht von außen agiert.

Umso wichtiger ist ein Dokumentarfilm wie "The Cleaners", der einen Blick hinter die Kulissen der Sozialen Netzwerke wirft. Hans Block und Moritz Riesewick haben fünf sogenannte Content-Moderatoren bei ihrer Arbeit begleitet, Menschen, die für Facebook, Youtube oder Twitter zweifelhafte Inhalte sichten, um sie gegebenenfalls zu löschen.

"Delete", "ignore", "ignore", "delete". Löschen oder Ignorieren - diese Worte geben, hastig gemurmelt zu schnellen Mausklicks, den Rhythmus des Films vor. Die Moderatoren sitzen in dunklen Kabinen vor Monitoren, aus denen ein permanenter Bilderstrom des Grauens fließt - bis zu 25 000 Posts, erzählt einer, schaffe er pro Tag. Rasend schnell tippen Finger auf Maustasten, für die Entscheidung, was gelöscht wird, bleiben nur Sekunden. Ein Horrorjob.

Was sind das für Menschen, die über den Verbleib oder das Verschwinden von Inhalten entscheiden? Was sollen sie löschen, was wird durchgewunken? "The Cleaners" ist spannend wie ein Thriller, und der Titel klingt ja auch danach: Mit den cleaners könnte auch ein Killerkommando gemeint sein, ein Säuberungstrupp, der für ein paar Bosse im Hintergrund die Drecksarbeit macht - ganz falsch ist die Assoziation nicht. Tatsächlich sind die Content-Moderatoren Polizei und Killer in einem, sie schützen die Netzwelt vor Kinderpornografie oder IS-Enthauptungsvideos, "killen" jedoch auch politisch relevante Inhalte. Und was die "Bosse" betrifft, in den großen Internet-Konzernen des Westens, halten diese sich auch bei der digitalen Drecksarbeit zurück: Kein Internetkonzern beschäftigt Content-Moderatoren direkt. Welthauptstadt der Daten-Lösch-Industrie ist Manila, wo die Regisseure auch ihre Protagonisten gefunden haben. Hier wird ein Großteil des Bildgedächtnisses der digitalen Welt überprüft.

Rätselhafte "Stöpsel": Um die Videos zu beurteilen, wurde eine Katholikin zur Sex-Expertin

Von den zahllosen Bildern und Videos, die die cleaners sichten müssen, sind nur wenige im Film selbst zu sehen, aber die Moderatoren erzählen davon, erkennbar erschüttert: Einer musste im Live-Stream eines Suizids miterleben, wie der Selbstmörder auf einen Stuhl kletterte, sich die Schlinge um den Hals legte - der Moderator durfte nicht eingreifen, bis der Mann tot war, das ist die Regel. Eine Mitarbeiterin erzählt von IS-Enthauptungen mittels Küchenmessern und äußert die Hoffnung, dass beim nächsten Video die Täter wenigsten scharfe Klingen verwenden.

Die Moderatoren werden als Menschen erkennbar - das ist eine große Stärke des Films. Viele sind stolz auf ihren "Bürojob". Eine überzeugte Katholikin sagt, sie opfere sich, um das Netz von "sündhaften Bildern" zu säubern. Komische Momente gibt es, wenn sie erzählt, wie sie zur Sextoy-Expertin wurde. Wenn von "Plugs" die Rede war, glaubte sie anfangs, es handele sich um Stöpsel für Spülbecken.

Was gelöscht werden muss - Gewalt, Tod, Sex - erscheint nur auf den ersten Blick eindeutig. Wie komplex die Aufgabe der Moderatoren tatsächlich ist, und wie schlecht die philippinischen Billiglöhner darauf vorbereitet sind, wird deutlich, wenn die Filmemacher selbst ihnen Bilder vorlegen: In einem ertrunkenen Flüchtlingskind erkennt eine Moderatorin ein "Überschwemmungsopfer" - und würde das Bild des toten Kindes löschen. Ebenfalls löschwürdig erscheint eine Trump-Karikatur mit kleinem Penis. Schließlich kommt ein Vertreter einer NGO zu Wort, der mit Hilfe von ins Netz gestellten Videos Luftangriffe in Syrien dokumentiert: Wenn solche Filme als vermeintliche Terrorpropaganda gelöscht werden, fehlen wichtige Beweise für Kriegsverbrechen.

Es sind, das muss man sich immer wieder vor Augen führen, private Konzerne, die unbeobachtet von der Öffentlichkeit solche Zensur-Entscheidungen treffen - oder vielmehr treffen lassen. "The Cleaners" ist ein Blick in eine gigantische Filter-Maschine, deren Arbeitsweise die Silicon-Valley-Konzerne sehr gern geheim halten würden: Die Content-Moderatoren müssen Schweigeerklärungen unterzeichnen und sprechen auch im Film nur mit großer Vorsicht über ihre Auftraggeber.

Das Investigative an ihren Recherchen betonen die Regisseure durch eine Noir- und Thriller-Ästhetik: Bilder von Straßenschluchten und Wolkenkratzern bei Nacht; Aufnahmen mit Teleobjektiv oder von Menschen von hinten, die suggerieren, dass es gefährlich wäre, sich mit der Kamera offensichtlich zu nähern. Das sieht nicht nur gut aus, es passt auch zu der Schattenwelt, von der Hans Block und Moritz Riesewick erzählen.

Die beiden sind eigentlich Theaterregisseure, "The Cleaners" ist ihr Filmdebüt. Nach dem jüngsten Facebook-Skandal um den Datenklau von Cambridge Analytica erscheint ihre Dokumentation als Film der Stunde. Schließlich beleuchtet "The Cleaners" nicht nur den Dreck im Internet und die Arbeitsbedingungen derjenigen, die ihn beseitigen sollen - er warnt viel grundsätzlicher vor der demokratiegefährdenden Macht der Sozialen Netzwerke: Geklickt werden starke Gefühle, weshalb die Netzwerke zum Brandbeschleuniger von Konflikten werden. Wenn die Filmemacher etwa die Folgen von Hasspostings gegen die ethische Minderheit der Rohingya in Myanmar verfolgen, wird klar, wie wenig "neutral" die Netzwerke sind, welche unselige Dynamik das Gieren nach Aufmerksamkeit in Gang setzt. "The Cleaners" sollte jeder Facebook-Nutzer sehen - und sich danach so schnell wie möglich abmelden.

The Cleaners, D/Brasilien 2018 - Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck. Kamera: Axel Schneppat, Max Preiss. Schnitt: Philipp Gromov, Hans-Jörg Weissbrich, u.a. Verleih: Farbfilm, 88 Minuten.