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Tagebücher und Corona-Krise:"Besonders Männer in Rente wollen ihre Erinnerungen aufschreiben"

Eigentlich schreibt man ja, um seine Gedanken zu sortieren - oder ist da vielleicht doch die Hoffnung, dass eines Tages jemand die Notizen liest? Ein Exemplar aus dem Deutschen Tagebucharchiv.

(Foto: Deutsches Tagebuch Archiv)

Wieso wollen in Krisenzeiten so viele Tagebuch schreiben? Und was unterscheidet den Laien vom Literaten? Ein Gespräch mit der Vorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs.

Bereits Julius Cäsar hat Tagebuch geschrieben - oder vielmehr schreiben lassen: In "De bello gallico" dokumentierte der Herrscher seine Kriegserfolge und seinen politischen Aufstieg. Tagebücher, nicht nur die von Julius Cäsar, Anne Frank oder Max Frisch haben Tradition. Gerade sind sie aktueller denn je: seit das Coronavirus die Welt in Schockstarre versetzt hat, häufen sich Video-Tagebücher, Tagebuch-Podcasts und Schrifttagebücher. Ein paar davon landen irgendwann im Deutschen Tagebucharchiv im baden-württembergischen Emmendingen. Die SZ hat mit dessen Vorsitzender Marlene Kayen gesprochen.

SZ: Frau Kayen, schreiben Sie denn selbst Tagebuch?

Marlene Kayen: Jein. Ich habe lange Tagebuch geschrieben. Mir hat es geholfen, mir selbst über viele Dinge klar zu werden, die ich als schwierig in meinem Leben empfand. Als ich Anfang Vierzig war, bin ich eine Weile zum Arbeiten in die USA gegangen. Davor habe ich alle Tagebücher geschreddert.

Warum denn das?

Ich wollte nicht, dass die Bücher hier für sich in Deutschland bleiben. Ich wusste damals nicht, ob ich zurückkomme. Ich habe einen neuen Lebensabschnitt begonnen, da gehörte das Schreddern in dem Moment dazu.

Tagebücher sind etwas sehr Persönliches. Warum schreiben Menschen so gerne unter diesem Gefühl der Geheimhaltung?

Ich habe den Eindruck, dass sie sich einen kleinen Fluchtraum aufbauen, in den sie sich zurückziehen und ungefiltert Sachen aufschreiben. Vielleicht lassen sich deshalb an Tagebüchern so gut psychische Entwicklungen beobachten. Das sehen wir im Archiv besonders an Nachlässen von Autoren, die ihr ganzes Leben lang geschrieben haben. In unserem Bestand von etwa 16 000 Tagebüchern zeigt sich, dass ein Papier nicht nur schweigt. Es kann auch helfen, die eigene Persönlichkeit zu verstehen.

Marlene Kayen leitet das Deutsche Tagebucharchiv.

(Foto: Gerhard Seitz)

Derzeit kann man viele öffentliche Tagebücher lesen, hören oder streamen. Geht dabei nicht die Essenz des Mediums - die Geheimhaltung - verloren?

Durchaus! Diese Selbstdarstellung, die momentan in sozialen Medien betrieben wird, ist überhaupt nicht meins und auch nicht besonders gern gesehen im Archiv. In meinen Augen geht diese Qualität, dass man sich selbst gegenüber sehr ehrlich ist, verloren. Man hat dann immer einen Hörer oder einen Leser im Kopf, den man vielleicht beeindrucken, erschüttern oder betrüben will. Man möchte jemanden emotional irgendwie berühren und dann ist das für mich nicht mehr echt genug.

Und wenn berühmte Persönlichkeiten ihr Leben für die Öffentlichkeit dokumentieren?

Ich sehe es anders bei Literaten, die beruflich schreiben. Wenn ein Kafka Tagebuch führt, möglicherweise auch im Wissen, dass dieses Buch einmal veröffentlicht wird, ist das natürlich etwas anderes, als wenn man es als Otto-Normal-Verbraucher mit gleicher Intention tut.

Seit sich die Corona-Pandemie ausgebreitet hat, scheinen viel mehr Menschen Tagebücher zu verfassen. Auch die Süddeutsche Zeitung und andere Medien haben das Format aufgegriffen. Ein Phänomen in Krisenzeiten?

Generell schreibt man nicht nur Tagebuch in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Menschen schreiben vor allem dann, wenn es ihnen schlecht geht, das sagt auch die Forschung. Das kann von Katastrophen persönlicher Art, wie Scheidung und Fehlgeburt bis zu Betrug reichen. Da wir unsere Bestände nach Themen auswerten, beobachten wir aber auch die Bedeutung internationaler Ereignisse. Unserer drittgrößter Bestand nach Familie und Alltag sind die Tagebücher aus den Weltkriegen. Krankheiten sind auf Platz fünf.

Dank erhaltener Tagebücher können wir heute historische Ereignisse besser rekonstruieren. Welche Tagebücher sind für Sie besondere Schätze der Geschichte?

Natürlich das Tagebuch von Anne Frank. Als ich jung war, hat es mich dazu gebracht, mich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Später hat mich das Tagebuch von Christa Wolf "Ein Tag im Jahr (1960-2000)" berührt. Wie eine so viel ältere Frau, als ich es damals war, das Leben im geteilten Deutschland und nach der Wende wahrnimmt, fand ich faszinierend. Das ist aber subjektiv. Für das Archiv sind natürlich besonders alte Tagebücher wertvoll.

Von wann stammt das älteste Werk im Archiv?

Unser ältestes Tagebuch ist von 1760, ein kleiner Notizkalender eines Feldpredigers. Der Mann wanderte mit Soldaten im Siebenjährigen Krieg nach Thüringen. Diese Art von "Tagebuch" ist ganz sachlich und übermittelt keine Emotionen. Aber es gibt einen einmaligen Einblick in die damalige Zeit. Auf unserer Website kann man es sehen.

Glauben Sie es wird auch prägende Corona-Tagebücher geben, die irgendwann in Ihrem Archiv landen? Davon gehe ich fest aus. Aber ich frage mich immer, für wen die Menschen diese Zeugnisse jetzt schreiben. Es wurden ja viele öffentliche Aufrufe in den letzten Wochen gemacht. Nachprüfen können wir die Motivation eines Autors natürlich kaum. Aber wir haben ein paar Einsender, die das Tagebuch eines Jahres im Dezember beenden und es uns im darauffolgenden Januar schicken. Dann frage ich mich natürlich, was dahinter steckt. Manche Menschen haben ziemlich große Egos, wenn ich das so sagen darf. Übrigens haben wir auch deutlich mehr männliche Autoren. Das liegt vielleicht an den Kriegstagebüchern von Soldaten. Aber auch daran, dass viele Männer nach ihrer Pensionierung das Bedürfnis haben, ihr Leben festzuhalten. Ich habe das Gefühl, besonders Männer in Rente wollen ihre Erinnerungen aufschreiben.

Haben Sie einen Liebling unter Ihren Archiv-Schätzen?

Ja, das Tagebuch einer Zugsekretärin. Sie arbeitete im Sekretariat der Trans-Europ-Express-Züge, die früher zwischen München, Amsterdam, Mailand, Paris, Frankfurt und Hamburg verkehrten - wunderschöne Züge mit edlen Aussichts- und Barwagen, und eben Zugsekretariaten. Diese Zugsekretärin dokumentierte, wie sie von Passagieren Heiratsanträge bekam, oder wie Theodor Adorno bei ihr zwischen Frankfurt und Hamburg einen Vortrag aufsetzte. Es ist so aus dem Leben gegriffen!

Unter uns, haben Sie schon mal außerhalb des Archivs in einem Tagebuch gespickt?

Sie meinen privat?

Genau.

Ja, natürlich. Ich verrate aber nicht, in welchem!

© SZ.de/tmh
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