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Streaming-Filmpremiere "Blow the Man Down":Willkür alter Damen

Filmstill Blow the man down

Mary Beth (Morgan Saylor) und Pris Connolly (Sophia Lowe) halten sich für abgebrüht in der Kunst der Leichenentsorgung - haben aber keine Ahnung, was in ihrem Fischerdorf sonst noch alles passiert.

(Foto: Amazon Prime)

Amazon Prime zeigt "Blow the Man Down", einen matriarchalischen Thriller von einem Regisseurinnen-Duo.

In Großaufnahme sieht ein Hummer gar nicht sehr schmackhaft aus. Die Scheren, die Stielaugen, die aus dem Wasser starren - man könnte meinen, man hätte es mit einem Tiefseemonster zu tun, so schmackhaft das Fleisch auch ist.

Hummer sind der Stolz von Maine, auch in dem kleinen Fischerort Easter Cove krabbeln sie in den Becken herum. Die Mutter von Mary Beth (Morgan Saylor) und Pris Connolly (Sophie Lowe) hat eine tolle Fischsuppe daraus gemacht, aber die müssen die Mädchen nun selber kochen - die Mutter ist gestorben. Mary Beth kommt nach Hause, zur Beerdigung, und um ihrer Schwester beizustehen, die in Easter Cove geblieben ist und sich um die Mutter gekümmert hat. Auch Pris wäre gern aufs College gegangen, die Trauer ist dann nicht sehr harmonisch nach der Beerdigung. Die Mutter war außerdem pleite, die beiden Mädchen haben nicht mal genug Geld, um einkaufen zu gehen. Mary Beth beschließt, sich in der Dorfkneipe volllaufen zu lassen, und so nimmt ein hässlicher Tag ein hässliches Ende.

Der Film ist klassisches amerikanisches Indie-Kino, voll von schwarzem Humor

"Blow the Man Down" ist klassisches amerikanisches Indie-Kino, in diesem Fall von einem Regieduo inszeniert und geschrieben: Bridget Savage Cole und Danielle Krudy haben sich bei der Arbeit an der Kamera kennengelernt und dann begonnen, gemeinsam an dem Drehbuch zu arbeiten - acht Jahre hat es gedauert, bis sie den Film dann fertig hatten. Beide stammen aus dem Milieu, in dem auch "Blow the Man Down" angesiedelt ist, sie sind irischstämmig und katholisch. "Blow the Man Down" heißt das Lied, das einer der Fischer gern vor sich hin singt, das klingt absolut nach Irland und ist so einprägsam, dass alles es dauernd vor sich hin summen. Easter Cove ist weit weg von der Stadt.

Dass man seinen Bewohnern aber nicht bedingungslos trauen sollte, daran wird Mary Beth gleich am ersten Abend in der Kneipe erinnert. Sie lernt einen Mann kennen, Gorski, und mit dem fährt sie dann weg - sie ist am Steuer, und die beiden haben einen Panne. Ein Blick in den Kofferraum lässt Mary Beth ausrasten: Sie sieht Blut, irgendwas stimmt nicht mit dem Kerl, die Angst überwältigt sie. Eins kommt zum anderen, und plötzlich hat Mary Beth, das nette junge Mädchen, dem Kerl eine Harpune in den Leib gerammt.

Ruft sie jetzt die Polizei? Nein, irgendwie ist sie sich nicht sicher, ob der Harpunentod wirklich als Notwehr durchgehen würde, zumal sie Gorski mit einem gezielten Schlag auf den Schädel den Garaus gemacht hat. Und dann ist da auch noch ein Haufen Geld. Also holt sie lieber ihre Schwester Pris aus dem Bett. Die beiden sorgen dann dafür, dass der Typ in eine Fischkiste mit dem Familienlogo passt, und versenken ihn an der Küste.

Als Bridget Savage Cole und Danielle Krudy ihren Film beim Tribeca-Filmfestival vorstellten, hat man sie mit den Coen-Brüdern verglichen - nicht nur des Teamworks wegen, sondern weil "Blow the Man Down" tatsächlich so eine Art "Fargo" unter Frauen ist, nur mit etwas weniger offensichtlicher Verachtung für die Rechte der Mitmenschen. In Easter Cove werden Gut und Böse mit einer ungeheuren Naivität behandelt. Es ist derselbe schwarze Humor, der hier am Werk ist, unterbrochen von roher Gewalt; die beiden Regisseurinnen zeigen tatsächlich nicht viel mehr Vertrauen in das moralische Gefüge amerikanischer Kleinstädte als die Coens.

Mary Beth und Pris hatten schon gehofft, es würde gar nicht weiter auffallen, dass dieser schräge Typ fehlt, aber am nächsten Morgen steht ein Polizist vor der Tür, Justin, den die Mädchen von früher kennen. Bei der Polizei ist er allerdings noch recht neu. Pris soll mit ihm kommen, man hat eine angespülte Leiche gefunden, aber der Schreck lässt schnell wieder nach - die Tote ist eine junge Frau.

Jetzt finden Pris und Mary Beth sich selbst plötzlich ganz schön verschlagen und kaltblütig. Bald aber müssen sie feststellen, dass sie weder ihre Mutter noch deren frisch ondulierte Freundinnen, die im Haus ein und ausgingen, wirklich gut gekannt haben. Der patenten Enid zum Beispiel gehört eine kleine Pension, in der die junge Frau gearbeitet hatte, deren Leiche nun angespült wurde. In Wahrheit ist das Haus ein Puff - und die Mutter hat das immer gewusst.

Im Hintergrund lauert hier ein ökonomischer Pragmatismus, der über Leichen geht

Mittendrin beginnt Justin, der sich in Pris verknallt hat und bei seiner Oma wohnt, ganz normal zu ermitteln - auch er hat keine Ahnung, was wirklich in dem Ort vorgeht, vor den Kindern wird hier der schöne Schein um jeden Preis gewahrt.

Das ist ungeheuer komisch, aber der schwarze Humor hat einen nicht ganz unrealistischen Kern - im Hintergrund lauert ein ökonomischer Pragmatismus, der über Leichen geht. Easter Cove ist zwar ein Matriarchat, aber die kleine weibliche Dorfmafia, nach deren Pfeife sogar die Polizei zu tanzen hat, ist nicht weniger brutal als die Cosa Nostra. Wer hier den Anschein der dörflichen Harmonie stört, der muss verschwinden. Was aber diesen Anschein ausmacht, und wo man noch mal ein Auge zudrücken kann, das entscheidet kein Gesetz, es obliegt der Willkür alter Damen. Eine Stadt der süßen Tiefseemonster.

Blow the Man Down, USA 2019 - Regie und Buch: Bridget Savage Cole, Danielle Krudy. Kamera: Todd Banhazl. Mit: Sophie Lowe, Morgan Saylor, Margo Martindale, Ebon Moss Bachrach, Will Britton, Gayle Rankin. Auf Amazon Prime, 90 Minuten.

© SZ vom 26.03.2020
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