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Neue Filmtechnik:Revolution in Hollywood

ILM StageCraft

In den Kulissen der Serie "The Mandalorian": Auf dem Stein im Vordergrund kann man noch sitzen, Wüste und Himmel dahinter sind ein LED-Screen.

(Foto: ILM/Lucasfilm)

Special-Effects-Experten haben eine magische Lichtkuppel aus Milliarden LEDs konstruiert. Sie wird das Filmemachen von Grund auf verändern.

Von Tobias Kniebe

Der Motorradfahrer hat angehalten und betrachtet die Landschaft voller Felszacken, die wuchtig in den Himmel ragen. Ist das eine echte Landschaft? Und steht der Mann wirklich darin? Man hat nicht den geringsten Zweifel. Das Graublau des Himmels wird von seinen Haaren und seiner Lederjacke reflektiert, in seiner Sonnenbrille und im Chrom seiner Maschine spiegeln sich Fels und Himmel.

Dann aber tritt ein Techniker mit einer Fernbedienung neben ihn. Und in dem Testfilm, den man auf Youtube anschauen kann, beginnt der gesamte Himmel zu rotieren, die Sonne bewegt sich, mit ihr ändert sich der Lichteinfall auf den Felsen, auch die Schatten wandern. Zwei Sekunden später steht der Motorradfahrer im letzten Tageslicht vor einem dramatischen Abendhimmel. Und alles sieht exakt so real aus wie zuvor.

Was haben Regisseurinnen und Regisseure nicht alles geopfert für die perfekte Außenaufnahme: tonnenschweres Kameraequipment in echte Felslandschaften gekarrt, Sandstürmen, Krankheiten und Banditen getrotzt, tagelang mit großem Team auf die perfekte Abendstimmung gewartet - und das alles für ein paar Sekunden Film. Und wie oft hat sich David Lean beim Dreh von "Lawrence of Arabia" wohl ein Gerät gewünscht, das die Wüstensonne in Jordanien kontrolliert?

Wie zum Hohn für gut hundert Jahre Qual beim Filmemachen kommt jetzt noch ein zweiter Techniker ins Bild. Er macht etwas mit seiner Maus - und auf einmal bewegt sich ein eindrucksvoller, tonnenschwerer Felsturm im Mittelgrund, wo er nicht gut in die Komposition passt, wandert quer durchs Bild und findet am linken Bildrand einen neuen Platz. Da steht er nun, so täuschend fotorealistisch wie zuvor, als habe ihn die Witterung hier in tausend Jahren wirklich hingemeißelt.

Der Witz ist, dass man keine Manipulation mehr erkennen kann

In Hollywood findet, vom größeren Publikum weitgehend unbemerkt, im Moment eine Revolution statt. Sie ist noch in den Anfängen, aber ihre ersten Ergebnisse, die man aktuell in der Serie "The Mandalorian" auf Disney+ sehen kann, zeigen die Richtung an: Da ist ein Durchbruch bei den Spezialeffekten gelungen, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Und der Witz ist, dass man die Manipulation eben überhaupt nicht mehr erkennen kann.

Denn im "Mandalorian" sieht es wirklich so aus, als sei die Titelfigur, ein Kopfgeldjäger aus dem "Star Wars"-Universum in chromglänzender Rüstung, für jede Episode in einer neuen Wüste, einer neuen Sumpflandschaft, einer neuen felsigen Bergregion gefilmt worden. Und zwar real, mit teuren Reisen an weit entfernte, atemberaubende Locations. Laien dachten sich dabei allenfalls, dass diese Serie wohl ein unbegrenztes Budget haben muss. Kennern allerdings gingen schon bei den ersten Folgen die Augen über.

ILM StageCraft

Steht diese "Mandalorian"-Filmcrew im fahlen Abendlicht von Nordafrika? Eben nicht. Auch wenn es so aussieht.

(Foto: Melinda Sue Gordon/ILM/Lucasfilm)

Klar, natürlich hat die Filmindustrie immer schon gefälscht, was das Zeug hielt, hat Schauspieler in Wüsten oder Felslandschaften oder sonst wohin versetzt, wo sie nie waren. Ganz früher machte man das in Hallen, wo die Landschaft im Hintergrund von Künstlern an die Wand gemalt wurde. Später dann mit Kompositionsverfahren: Der Star im Vordergrund wurde vor einer grünen Wand aufgenommen, das Grün danach durch Wüstenaufnahmen ersetzt. Mit den Computern ging das im Lauf der Jahre immer einfacher.

So einfach irgendwann, dass man die Jahre des Filmemachens von den Neunzigern bis in die Gegenwart auch als die Greenscreen-Ära bezeichnen kann. Schauspieler agierten für komplette Blockbuster vor froschgrünen Studiowänden im Nirgendwo - und mussten sich alles andere dazu denken. Die manchmal atemberaubenden, manchmal auch nur albernen Hintergründe kamen erst hinterher im Computer dazu.

In dieser Ära regierten die Pixelschubser vor ihren Bildschirmen, die Könige der Postproduktion mit ihren Fließbandbetrieben von Neuseeland bis München. Aber sie regierten in der Regel nicht gut. Den meisten der Filme aus diesen Werkstätten haftet bis heute ein subtiler, leider aber irgendwie auch untilgbarer Makel an. Man spürt die Fakeness in den Eingeweiden, mehr als dass man mit dem Finger darauf zeigen kann.

"The Mandalorian" aber hat eine andere Aura. Man meint, echten tunesischen Wüstenstaub zu sehen, wie in den frühen "Star Wars"-Filmen mit George Lucas, die vor Ort gedreht wurden. Man meint, bei echten Abenteuerreisen mit der Großbildkamera dabei zu sein, so wie seinerzeit bei David Lean. Das geübte und allen Fortschritten gegenüber längst zynische Auge sucht nach dem Makel der Fakeness - und findet ihn nicht mehr.

Fantastische Welten entstehen wieder in der Kamera, wie zu Urzeiten des Kinos

Denn, und das ist der fundamentale Unterschied, diese Bilder wurden eben nicht von Pixelschubsern im Computer zusammengesetzt. Sie entstanden klassisch, wie zu Urzeiten des Kinos. Direkt in der Kamera. Im Moment der Aufnahme, im Moment der Performance des Schauspielers. Auf den ersten Blick wirkt diese Revolution fast altmodisch - wie ein Schritt zurück zu den Wurzeln.

Auf den zweiten Blick ist sie aber ein technologischer Quantensprung. Der Mandalorianer und seine Mitspieler agierten nämlich in einer neuen Lichtkuppel, bei Lucasfilm zärtlich "The Volume" genannt. Sie hat einen Durchmesser von 23 Metern, ist etwa sechs Meter hoch und vollständig mit 1300 neuesten, hochauflösenden und superhellen LED-Screens ausgeschlagen - was Milliarden einzelne LEDs ergibt.

Für einen simplen Vergleich kann man an ein 360-Grad-Kino denken, bekannt aus Disneyland oder anderen Themenparks, wo das Bild den Betrachter vollständig umgibt. Die Wüste, inklusive Sonne am Himmel, wird also rund um die Schauspieler herum auf die Screens projiziert - und beleuchtet sie zugleich. Alles sieht auf Anhieb so scharf und so echt aus, dass man nur noch loszufilmen braucht. Totale Immersion also - nicht erst später im Kino, sondern schon am Set.

ILM StageCraft

Bryce Dallas Howard (Mitte) führt Regie am "Mandalorian"-Set. Sind die Bretterwände im Hintergrund echt? Natürlich nicht.

(Foto: Melinda Sue Gordon/ILM/Lucasfilm)

Wobei es eben mehr als ein zweidimensionales Wüstenpanorama ist, das in dieser Kuppel leuchtet. Ein solches wäre bei jeder Kamerabewegung schnell entlarvt, weil es sich perspektivisch nicht verschiebt. Die Wüstenwelt hinter dem LED-Screen basiert nicht auf einem, sondern auf Tausenden Wüstenfotos und hat ein dreidimensionales Datengerüst, gespeichert in der sogenannten "Unreal Engine", die auch in Computerspielen das Gefühl erzeugt, sich flüssig durch 3-D-Welten zu bewegen.

Diese Software sorgt dafür, dass jeder Fels seinen eigenen Schatten hat, der mit der Lichtquelle wandern kann, und dass sich der Brocken im Vordergrund stärker verschiebt als die Berge am Horizont, wenn sich die Kamera bewegt. Diese künstliche Wüste verhält sich vor der Kamera exakt wie eine reale, nur dass man ihre Felsen auch noch per Mausklick verschieben, den Stand der Sonne und die Wolken am Himmel verändern kann. Der Traum von einer Bilderwelt, die man in Echtzeit manipulieren kann - näher war er noch nie.

Leicht herzustellen sind solche Scheinwelten noch nicht. Für ihre Pioniertat beim "Mandalorian" mussten sich etliche führende Unternehmen des Films zusammenraufen, um "The Volume" zu bauen: Allen voran Industrial Light & Magic, die von George Lucas gegründete Special-Effekts-Firma. Aber auch Epic Games, die Herrscher über die Unreal Engine, dazu Golem Creations, Fuse, Lux Machina, Profile Studios, NVIDIA und die Münchner Kameraprofis von Arri.

Ihre gemeinsame Kreation haben sie Stage Craft genannt, und inzwischen ist die Technik so weit, dass sie rasend expandiert. Zwei Lichtkuppeln wird es bald in Los Angeles geben, eine dritte in den Londoner Pinewood-Studios, eine vierte in den Fox-Studios in Australien, wo der Marvel-Film "Thor: Love and Thunder" gefilmt werden soll. Zusätzlich gibt es schon Kuppeln, die bei Bedarf überall aufgebaut werden - George Clooney hat für seinen Netflix-Film "The Midnight Sky" auch schon eine benutzt. So werden neue Standards geschaffen.

Die Folgen fürs Filmbusiness werden gewaltig sein. Zunächst bei den Superheldenfilmen, Fantasy- und Science-Fiction-Blockbustern, die ohnehin vor Fantasielandschaften spielen, die man künstlich erschaffen muss. Am meisten freuen sich darüber die Schauspieler. Nach Jahrzehnten vor Greenscreens dürfen sie die Dinge endlich wieder sehen, mit denen sie interagieren sollen - fast eine Art Erlösung. Doch dabei wird es nicht bleiben.

Auch Drehs in realen Landschaften sind nun gefährdet. Gib einer Kamerafrau die Chance, einen ganzen Tag lang im schönsten Abendlicht zu drehen, ohne den panischen Zeitdruck, den die verschwindende Sonne mit sich bringt. Sie wird nicht mehr darauf verzichten wollen. Gib einem Produzenten die Sicherheit, dass das Wetter von nun an egal ist, die Reisekosten wegfallen und die Hotels ihn nicht mehr schröpfen können. Wird er Nein sagen? Nur dank "The Volume" konnte die zweite Staffel des "Mandalorian" trotz Corona gedreht werden, und zwar in Rekordzeit.

In dieser neuen Filmwelt wird drastisch weniger Sperrholz gebraucht

Selbst die Produktionsdesigner, die sich gewaltig umstellen müssen, könnten Fans der neuen Lichtkuppel werden. Beim "Mandalorian" fingen sie jedenfalls sofort an, ihre Sets digital zu bauen, als 3-D-Grafiken im Computer. Real waren nur noch die Tische, Stühle und Bartresen, mit denen die Schauspieler direkt in Berührung kamen. Decken und Wände - etwa in der Bar für die Kopfgeldjäger oder im Verlies von Werner Herzog - wurden auf die LED-Screens projiziert. Es sah auf Anhieb so überzeugend aus, dass es keine intergalaktische Sau gemerkt hat.

Klar, in dieser neuen Filmwelt wird man drastisch weniger Sperrholz brauchen, riesige Studiohallen könnten unnötig werden, Filmschreiner haben künftig weniger zu tun. Umso begehrter wird aber der Job des digitalen Kulissenbauers sein, für den Einschränkungen von Geld, Material, Raum und Tonnage plötzlich nicht mehr gelten. Für relativ wenig Geld kann nun jeder so extravagant wie der legendäre James-Bond-Designer Ken Adam werden und erloschene Vulkane zum Hauptquartier des Bösen umbauen.

Aber das Beste vielleicht: Nach getaner Arbeit bleibt das ganze Set auf der Festplatte gespeichert und kann jederzeit wieder hervorgeholt werden. Da stellt man sich gleich völlig neue Märkte vor: Teure Produktionen, die ihre perfekten digitalen Kulissen zur Zweit- und Drittverwertung an B-Pictures verkaufen. Ein-Mann-Unternehmen, die an den schönsten Punkten der Erde die Landschaften in 3-D scannen und die Daten an Filmfirmen weiterverkaufen. Und historisch interessierte Freaks, die das Berlin von 1933 so perfekt als 3-D-Grafik nachbauen, dass alle künftigen Nazifilme darin spielen können.

Ob es am Ende Filmemacher geben wird, die auf dem alten Handwerk beharren, weiter darauf pochen, mit großer Mannschaft um die Welt zu reisen und riesige Sets aus Sperrholz zu bauen, selbst wenn kein Zuschauer den Unterschied mehr sieht? Aber ganz bestimmt. Christopher Nolan und Quentin Tarantino, die auch nach dem totalen Siegeszug der digitalen Kameras noch unverdrossen für den Erhalt des Filmkorns kämpfen, wären dafür zum Beispiel ideale Kandidaten.

© SZ/dbs
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