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Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale:Auch die Fenster sind ausgebaut

Womöglich muss man als bauvorbereitende Maßnahme auch schon die Kunstinstallation "Glowing Core" von Rebecca Horn werten, bei der letzten Herbst der Blick himmelwärts in die Kuppel gelenkt und die Öffnung zur Unterkirche mit einem Holzboden verschlossen wurde. Dieser Holzboden bedeckt die Öffnung auch weiterhin. Das Geländer, mit dem der Kunstschmied Fritz Kuhn einst den Abgang umgeben hatte, ist auf Bodenhöhe weggeflext, sodass abgesehen von dem bereits halb aufgerissenen flachen Rund der Altarbühne die Halle im Prinzip bereits jetzt so plan und entleert vor einem liegt, wie sie nach der Sanierung der kompletten Haustechnik einmal sein soll, dann allerdings natürlich um einen in der Mitte aufgestellten Altartisch kreisförmig bestuhlt. Auch die Fenster von Anton Wendling sind bereits ausgebaut. All die damals von ost- wie westdeutschen Künstlern speziell für diesen Ort geschaffenen Arbeiten würden eingelagert, heißt es beim Bistum, ohne dass man dort freilich schon zu sagen wüsste, wozu sie dann noch gut sein werden.

Dompropst Tobias Przytarski will einen "Modell-Ort für Liturgie" in der Bischofskirche schaffen

Während die Gegner des Umbaus empört über die ihrer Auffassung nach illegalen Maßnahmen immer wieder zu Mahnwachen vor den bis auf Weiteres verschlossenen Portalen rufen, gibt man sich in den jenseits der Kathedrale gelegenen Verwaltungsgebäuden des Bistums - die übrigens ihrerseits eines Umbaus harren - weiterhin sicher, das Richtige zu wollen und zu tun. Dompropst Tobias Przytarski räumt ein, die Proteste in dieser Wucht nicht vorhergesehen zu haben, und man darf hinzufügen, dass in so gut wie allen Punkten der Konflikt heftig und grundsätzlich ist. Im Gespräch mit der SZ nennt Przytarski die Sanierungsnotwendigkeiten einen Anlass, die Motivation für den Umbau seien aber die liturgischen Unzulänglichkeiten der bisherigen Raumkonstellation: "Wenn ich bei der Feier des Gottesdienstes am Altar stehe, habe ich vor mir nur eine große leere Öffnung und eine Treppe. Und die feiernde Gemeinde wird durch die Treppenanlage geteilt." Die seitlich aufgereihte Gemeinde habe der Priester bestenfalls aus den Augenwinkeln gesehen.

Meyer, der diese liturgischen Argumente natürlich kennt, nennt sie im Gespräch mit der SZ "lachhaft". Sooft die Kirchenführung sie in dem Streit bisher hervorgebracht hat, sooft wurde ihr von den Anhängern des Schwippert'schen Innenraums entgegengehalten, dass ihre Vorgänger über Jahrzehnte sehr wohl fähig waren, hier ihre Messen zu feiern. "Sicher, man kann auch mit Defiziten leben, wenn man muss", sagt dazu wiederum der Dompropst. "Aber anlässlich der längst überfälligen Sanierung ist es der richtige Zeitpunkt, auch die liturgischen Defizite zu beheben." Gerade eine Bischofskirche solle eigentlich ein "Modellort für Liturgie" sein. Das Argument der Einzigartigkeit von Schwipperts Innenarchitektur findet Przytarski deshalb zweischneidig: "Denn das heißt ja auch, es hat sich nicht bewährt, es wurde in dieser Form nie wieder aufgegriffen."

Die Kirche kann darauf verweisen, dass es einen Wettbewerb gab, der einen radikal mit Schwippert aufräumenden Entwurf von Sichau & Walter Architekten aus Fulda und Leo Zogmayer aus Wien prämiert hat, ohne dass der Berliner Denkmalschutz offiziell Einwände erhoben hätte. Der zuständige Kultursenator, immerhin von der Linkspartei, gab dem kirchlichen Selbstbestimmungsrecht Vorrang vor dem Erhalt einer spezifischen künstlerischen Ausstattung. Und Przytarski steht auf dem Standpunkt, eine Kirche habe "nicht in erster Linie die Aufgabe, eine bestimmte Zeit zu konservieren, sondern dass wir uns darin versammeln, beten und den Gottesdienst feiern, und das so gut wie möglich".

Denn abgesehen von dem Streit über die gottesdiensttechnischen Vor- und Nachteile der jeweiligen Raumkonzeptionen dreht sich der Konflikt nicht zuletzt eben um die "bestimmte Zeit", die hier nun nicht mehr konserviert werden soll. Denn in den Augen der Umbaugegner handelt es sich dabei nicht zufällig um die Zeitschicht der DDR, die auch sonst in Berlins Mitte oft genug schon den ästhetischen Reprussifizierungstendenzen seit der Wiedervereinigung zum Opfer gefallen ist.

Hans Joachim Meyer sagt, dass ihn der Vorgang an seine Erfahrungen in der ostdeutschen Politik nach 1990 erinnere, als auch oft genug gegolten habe: Was im Osten vorgefunden wird, muss abgeräumt werden. Abgesehen von den mehrheitlich im Westen beheimateten Denkmalpflegeexperten, die gegen den Umbau protestieren, stießen die Pläne vor allem den Ostberliner Katholiken bitter auf, denen Schwipperts Kirchenraum auch zum Denkmal des eigenen Glaubens unter feindseligen Umständen geworden war.

Dompropst Przytarski aber weist darauf hin, dass so gut wie alle Kirchengremien für den Umbau gestimmt hätten und dass der Diözesanrat nun einmal auch die Wirklichkeit der Diözese abbilde: "Ja, ein Teil sind Katholiken mit DDR-Biografie, ein Teil sind Westberliner, ein Teil sind Westdeutsche, und, nicht zu vergessen, ein Drittel ist zugezogen aus der ganzen Welt. Die müssen aber auch dasselbe Mitspracherecht haben." Exakt dreißig Jahre nach dem Mauerfall mag dieser Hinweis auf die nackten Mehrheits- und Machtverhältnisse etwas kühl klingen. Aber am Ende liegt zumindest darin eine Art von Übereinstimmung mit dem, was Hans Joachim Meyer sagt, wenn er den Umbau "das Musterbild eines Ost-West-Konflikts" nennt, "auch im persönlichen Verhalten".

© SZ vom 04.11.2019/cag
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