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Sprache in der Flüchtlingsdebatte:"Aktuell spielen alle Parteien der AfD in die Hände"

Protest gegen Anti-Islam-Bewegung Sügida in Suhl

Eine Gegendemonstrantin bei einer Pegida-Kundgebung in Thüringen will nicht zulassen, dass die Rechtspopulisten sich der Wende-Parole von 1989 bemächtigen.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Talkshows sind vor allem die Kampfbegriffe der Rechtspopulisten präsent. Linguistin Elisabeth Wehling erklärt, wieso das gefährlich ist - und warum rationale Politiker die Menschen nicht erreichen.

Flüchtlingsstrom, Flüchtlingswelle, Flüchtlingstsunami. Das Boot ist voll. Wir schaffen das. Diese Gutmenschen. Selten waren Worte so sehr Kampfmittel wie in der Flüchtlingsdebatte. Elisabeth Wehling ist promovierte Linguistin an der University of California, Berkeley, ihr Schwerpunkt ist die politische Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung. Sie erklärt, wie Sprache unser Denken beeinflusst.

SZ.de: Frau Wehling, was fällt Ihnen zum Thema "Obergrenze" ein?

Elisabeth Wehling: Ein hochspannender Begriff. In dem Moment, in dem Sie von einer Obergrenze sprechen, nehmen Sie einen ganz bestimmten Blickwinkel ein. Wie weit nach oben kann es gehen? Wie viel Raum ist da? Im konkreten Fall: Wie viele Flüchtlinge können wir aufnehmen? Ganz anders ist es bei der Untergrenze, die in diesem Kontext eine moralische Perspektive in sich trägt.

Inwiefern?

Bei der Untergrenze wird eine andere Frage mitgedacht, nämlich: Wie viele Menschen müssen wir mindestens aufnehmen, um unserer humanitären Verpflichtung nachzukommen? An diesen Begrifflichkeiten kann man sehen, wie sehr Sprache eine Debatte beeinflussen kann. Solange wir über eine Obergrenze sprechen, diskutieren wir die Schicksale der Geflüchteten als Frage unserer eigenen Platzangst. Würden wir über eine Untergrenze debattieren, hätten wir daraus eine Frage der Menschlichkeit gemacht.

Wundert es Sie, dass ein derart nüchterner Begriff so prominent wurde? In der Flüchtlingskrise dominiert ja eine emotionale Sprache.

Der Begriff kommt nur im ersten Moment nüchtern daher. Tatsächlich ist er eine sprachliche Variation der Frage: Wann ist das Boot voll? Es wird derselbe Frame eines begrenzten Raumes bedient, auch wenn der Ausdruck weniger dramatisch klingt. Für Rechtspopulisten ist das eine relativ subtile Weise, letztlich dasselbe gedankliche Schema zu bedienen.

Elisabeth Wehling

"Aktuell spielen alle Parteien der AfD in die Hände", sagt Elisabeth Wehling, die an der Berkeley-Universität forscht.

(Foto: Elisabeth Wehling)

Sie sprechen von "Frame" - was ist damit gemeint?

Menschen gehen davon aus, dass Worte eine symbolische Bedeutung haben. Ein Stuhl ist ein Stuhl. Tatsächlich muss unser Gehirn eine ganze Batterie an Wissen abrufen, um den Begriff Stuhl in einen Sinnzusammenhang mit unserer Welterfahrung zu setzen. Ein Stuhl hat in der Regel vier Beine und eine Lehne. Da setzt man sich drauf. Er ist oft aus Holz. Ein Stuhl ist kein Sessel. Ein Frame umfasst all die Informationen, die wir aktivieren müssen, um Dinge zu verstehen. Kein Wort kann außerhalb von Frames gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden. Und mehr noch: Wann immer Sie ein Wort benutzen und einen Frame im Kopf Ihrer Mitmenschen aktivieren, transportieren Sie unbewusste Schlussfolgerungen über diesen Sachverhalt mit.

Wenn man die politischen Talkshows verfolgt, fällt auf, dass es die AfD immer wieder schafft, ihre Kampfbegriffe zu platzieren. Und sei es nur, indem Politiker anderer Parteien Stellung gegen die AfD-Positionen beziehen.

Das ist ein gängiges Phänomen in der Politik: Die Opposition oder einzelne Parteien greifen Positionen der Gegenseite auf, um sie zu verneinen. Nehmen Sie den "Schießbefehl". Ganze Talkshows lang wird darüber gesprochen, warum man an den Grenzen natürlich nicht auf Flüchtlinge schießen darf. Was passiert beim Zuschauer? Es wird permanent die Frage aktiviert: Sollen wir an den Grenzen schießen? Um es an einem ganz einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Wenn ich Ihnen sage "Denken Sie nicht an Kalifornien", dann müssen Sie an Kalifornien denken, um zu verstehen, was meine Anweisung ist. Das passiert im Übrigen nicht nur bei der Verneinung, sondern auch bei anderen Formen der rhetorischen Distanzierung. Politiker und Journalisten sprechen vom "sogenannten Islamischen Staat" oder dem "vermeintlichen Islamischen Staat". Sie bemühen sich, den Begriff zu entkräften - aber letztendlich wird ein ums andere Mal der Kampfbegriff präsent gemacht.

Und setzt sich fest.

Ja. Wenn Sie das über Wochen, Monate oder sogar Jahre machen, ist das die beste Methode, um langfristig das Denken einer Gemeinschaft so zu prägen, dass der Begriff oder die Idee Common Sense wird. Dass man Alternativen gar nicht mehr sieht. Ich glaube, die Populisten sind mit ihren Schlagworten und Slogans deshalb so erfolgreich, weil sie so provozierend sind, dass die Politik gar nicht anderes kann, als sie aufzugreifen. Aktuell spielen alle Parteien der AfD in die Hände, weil sie ständig darüber diskutieren, was die AfD will oder nicht will.

In Ihrem Buch schreiben Sie: "Wer in Diskursen nicht sagt, was er ideologisch meint, der macht sich der Fehlkommunikation schuldig." Was meinen Sie damit?

Es gibt eine Bringschuld der großen Parteien in der gesellschaftlichen Mitte, wieder deutlicher zu kommunizieren, was die moralischen Grundlagen ihrer Politik sind. Damit der Mensch sich orientieren kann. Bei populistischen Gruppen in Europa kann man in den letzten zehn, fünfzehn Jahren beobachten, dass sie in ihrer Kommunikation deutlich mehr Fokus auf moralische Anliegen setzen. Das gilt für Rechtspopulisten wie für linkspopulistische Bewegungen. Die machen da etwas richtig: Sie sprechen über moralische Anliegen und Werte. Sind die überzeichnet? Widersprechen die dem, was die Mehrheit politisch möchte? Ja, klar.

"Politiker scheuen sich davor, moralisch zu sein"

Kommunizieren die etablierten Parteien in der Flüchtlingsdebatte also falsch?

In dem Moment, wo sie sich als Gruppe nicht darüber im Klaren sind, wie sie die Frage beantworten: "Wie sollen wir denn nun mit den Flüchtlingen umgehen?", wird es unheimlich schwer, ihre Botschaft zu transportieren. Das sehen wir gerade bei den Volksparteien. Deren Vertreter scheuen sich geradezu davor, moralisch zu sein, vielleicht auch mal emotional zu werden. Sie sind ja rationale Politiker. Dabei zeigt die Forschung ganz deutlich: Der Mensch denkt nicht faktenbezogen über Politik. Er verlässt sich auf sein Wertegefühl.

Ist es kontraproduktiv, wenn Politiker, aber auch Medien dem "Flüchtlingstsunami" die neutralere "Flüchtlingsbewegung" entgegenhalten - weil sie damit ihre eigene Position gegenüber rechtspopulistischer Propaganda schwächen?

Da möchte ich widersprechen. An Ihrem Beispiel sehen Sie, wie sehr wir alle in der derzeitigen Debatte in einem bestimmten Denkmuster verhaftet sind: Denn schon "Flüchtling" ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet.

Können Sie das erklären?

Mit der Endung "-ling" wird der Flüchtende klein gemacht, abgewertet. Klein sein steht metaphorisch oft für die Idee des Schlechtseins oder des Minderwertigseins. Nehmen Sie den "Schreiberling" oder auch den "Schönling". Schön ist eigentlich ein positiv besetzter Begriff, der allein durch die Endung ins Negative verkehrt wird. Außerdem ist der Flüchtling ein männliches Konzept.

Warum ist das problematisch?

Die Forschung zeigt, dass das enkodierte Geschlecht, also das einem Begriff zugerechnete Geschlecht, die Wahrnehmung des Begriffs beeinflusst. In einem Versuch hat man Deutschen und Spaniern das identische Bild einer Brücke gezeigt. Im Deutschen ist die Brücke weiblich, im Spanischen ist el puente männlich. Die Versuchsteilnehmer wurden dann gebeten, zu beschreiben, was eine Brücke ist. Die Deutschen nannten typisch weibliche Attribute: grazil, schön, verbindend. Die Spanier listeten stereotyp männliche Merkmale auf: robust, schroff, hart. In dem Moment, in dem wir Sprache nutzen, die ein Geschlecht mitliefert, schlägt sich dieses Geschlecht in unserer Wahrnehmung nieder.

Was bedeutet das für den Flüchtling?

Der Flüchtling impliziert: Er ist eher stark als hilfsbedürftig. Er ist eher aggressiv als umgänglich. Dieses Bild hat sich nach den Übergriffen von Köln verstärkt, weil patriarchalische Züge, Merkmale einer arabischen Macho-Kultur hinzukamen. Eine explosive Mischung.

Wie geht es sprachlich besser?

Wenn ich in diesem Moment mit einer politischen Gruppe zusammensitzen würde, wäre das Erste, was ich ihr raten würde: Streichen Sie das Wort Flüchtling aus Ihrem Vokabular! Sie richten damit Schaden an. Besser ist es, von Flüchtenden oder Geflüchteten zu sprechen. Die Geflüchtete, der Geflüchtete, das geflüchtete Kind - das wird den unterschiedlichen Menschen, die zu uns kommen, eher gerecht.

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Sprachliche Vorsicht ist also angebracht. Aber wie verhindert man, der AfD auf den Leim zu gehen, man muss ihr doch widersprechen.

Verstummen ist natürlich nicht die Lösung. Die politischen Parteien müssen ihre eigenen Frames dagegenhalten. Dazu müssen sie aber erst einmal die eigene ideologische Perspektive klären. Und dann müssen die erarbeiteten Anliegen sprachlich eindeutig kommuniziert werden. In Parteiprogrammen, im Wahlkampf, in Meinungsumfragen und eben auch in Talkshowdebatten.

Eine Argumentationslinie im Umgang mit AfD und Pegida lautet: "Lasst sie ruhig sprechen, die entlarven sich schon selbst." Ist das naiv?

Die Idee ist richtig - aber nur, wenn Sie dem Zuschauer eine gedankliche Alternative anbieten können. Nicht mehr von Flüchtlingen, sondern von Geflüchteten zu sprechen, wäre ein Anfang. Man müsste sich auf die Fluchtursachen konzentrieren und darauf, dass diese Menschen zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat in Gefahr sind. Das Schutzgeben könnte ein wirkmächtiger Frame gegen rechtspopulistisches Gedankengut sein.

Das Buch "Politisches Framing - Wie eine Nation sich ihr Denken einredet und daraus Politik macht" von Elisabeth Wehling erscheint im Herbert von Halem Verlag. Die Autorin ist auf Vortragsreise: am 17. Februar in Köln, am 23. Februar in Wien und am 2. März in Berlin.

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Welche Macht hat Sprache in der Flüchtlingsdebatte?

Linguistin Elisabeth Wehling erklärt im Interview, wie Worte zu Kampfmitteln werden und warum die Populisten mit ihren Slogans so erfolgreich sind. Sie sieht eine Bringschuld der großen Parteien der politischen Mitte, deutlicher zu kommunizieren, wo die moralischen Grundlagen ihrer Politik liegen.