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Spider-Man-Musical: Turn Off the Dark:Wäre Spider-Man nur kein Superheld!

Ob es dann wirklich wie versprochen "65 Stundenkilometer" waren, mit denen Spiderman von der Bühne aus über die Köpfe der knapp 2000 Zuschauer im Foxwoods Theater schoss, um dann in 20 Metern Höhe auf einem am Balkon anmontierten Brett zu landen wie ein dressierter Falke, darf bezweifelt werden, doch die Flugnummer war ohne Zweifel beeindruckend.

Noch beeindruckender war, dass sich die Stahlseile auch beim Kampf mit Spidermans Gegenspieler, dem Grünen Kobold, nicht verknoteten. Und dass die beiden selbst dann nicht ins Publikum krachten, als der eine auf dem anderen zurück zur Bühne ritt. So unendlich komplex ist die technische Maschinerie hinter diesem Musical, dass eines der wenigen Probenfotos konsequenterweise nicht die Bühne zeigte, sondern die Kommandozentrale im Zuschauerraum, wo Techniker und Regieassistenten vor Dutzenden von Bildschirmen und Telefonen sitzen als steuerten sie nicht Spidermans 50-Meter-Flug, sondern die Landung eines Space Shuttle.

Dass die Technik trotz monatelanger Proben so oft hängenblieb, verheißt nichts Gutes für das Musical. Doch schwerer wiegt, dass die Story über all der Effekthuberei zu kurz kam. Die erste Hälfte folgt weitgehend dem Plot aus dem ersten Spiderman-Film: Der Klassenstreber Peter Parker (Reeve Carney) wird von der Gen-Spinne gebissen, kann plötzlich Wände hochlaufen und von Haus zu Haus fliegen, rächt sich für die erfahrene Hänselei, bekommt - vielleicht - die Nachbarstochter Mary Jane (Jennifer Damiano), rettet Babys aus brennenden Wolkenkratzern und stoppt den Terror des Grünen Kobolds.

Doch in der zweiten Hälfte wird es undurchsichtig. Der vom Bösewicht orchestrierte Stromausfall, auf den im Titel angespielt wird, stürzt Manhattan in anhaltendes Dunkel. Und während Parker und Mary Jane auf der Feuertreppe noch mit einer der vielen U2-Balladen kämpfen, reklamiert ihn Arachne (Natalie Mendoza) mit ihren motorisierten Beinen schon für sich. Sie war es schließlich, die ihm seine magischen Kräfte verliehen hat. Spider-Hamlet kann sich nicht entscheiden, wie es weitergehen soll. Dann, nach drei Stunden und 20 Minuten Stunden, ist die Sache abrupt vorbei.

Doch während die Handlung auf der Stelle tritt, ist die Bühne stets in hektischer Bewegung. U-Bahn-Züge kreuzen zwischen Manhattan und Queens, riesenhafte Cartoonversionen der Hauptfiguren kippen von der Seite herein, Brooklyn Bridge, Empire State Building und die übrige expressionistisch verfremdete New Yorker Skyline klappen fortwährend auf und zu und stellen sich dann auf den Kopf.

Niemand versteht recht, was Regisseurin Taymor dazu bewogen hat, den Tücken anfälliger Bühnentechnik Jahre ihres Lebens zu opfern. Wesentlich klarer ist die Kalkulation der Produzenten: In Zeiten, da das Kinopublikum dank 3-D und neuer Digitaltechnik an immer spektakulärere Effekte gewöhnt ist, und da die kanadische Showfabrik Cirque du Soleil die technischen Standards für Live-Unterhaltung im Theater ständig weiter nach oben schraubt, ist es Zeit für den Broadway, über Schmalz und schmissige Tanznummern hinauszuwachsen.

Spiderman, nach drei Filmen eine der erfolgreichsten Unterhaltungsmarken der Welt, ist eine naheliegende Wahl. Für Kinder ist er die Identifikationsfigur Nummer eins; Erwachsenen erscheint er weniger kindisch als die Disney-Prinzessinnen. Und dass New York und seine Mythologie die heimliche Hauptdarstellerin ist, freut die Touristen.

Wäre Spider-Man nur kein Superheld! Das Theater kann vieles, doch übermenschliche körperliche Fähigkeiten darzustellen, gehört nicht zu seiner Spezialität. Das erwies sich schon im Jahr 1966, als am Broadway "It's a Bird ... It's a Plane ... It's Superman" Premiere hatte. Die Show gab binnen kurzem der Schwerkraft nach.