Serie "Pistol":Urbritisch grotesk

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Szene aus der Serie "Pistol"

Bringen den Punk erst auf die Welt und dann ins Grab: Louis Partridge als Sid Vicious, Anson Boon als John Lydon, Toby Wallace als Steve Jones (von links nach rechts).

(Foto: Miya Mizuno/FX)

Einseitig, aber kurzweilig: Der oscargekrönte Regisseur Danny Boyle hat eine sechsteilige Serie über die "Sex Pistols" gedreht.

Von Joachim Hentschel

"Who Killed Bambi?" sollte der Kinofilm heißen, den die Londoner Punkrockband Sex Pistols 1977 zu drehen begann. Ihr erstes Album war noch nicht mal erschienen, aber der gewiefte, mit allen Diskursen gewaschene Manager Malcolm McLaren glaubte, es sei Zeit für ein skandalös-selbstreferenzielles Imagevideo. Das Skript schrieb Filmkritiker Roger Ebert, Regie führte US-Sexmeister Russ Meyer. "Who Killed Bambi?" wurde nie fertig. Der Titel - mit seiner Attacke gegen eines der beliebtesten Tiere im Walt-Disney-Imperium - entwickelte sich trotzdem zur geflügelten Phrase.

Dass 45 Jahre später der Streamingkanal Disney+ die Serie "Pistol" in die Welt bringt, das sechsteilige, vom Oscargewinner Danny Boyle gedrehte Biopic über die Sex Pistols - das ist ein so derber Treppenwitz, dass man nicht mal richtig drüber lachen kann. Die US-Moralanstalt auf der einen Seite, auf der anderen die spillerigen Bilderstürmer, die 1976 im britischen Fernsehen "fuck" und "shit" sagten, die Queen als Faschistin beschimpften, über Anarchie, abgetriebene Föten und das KZ Bergen-Belsen sangen: Die Kombination ist entweder der ultimative Verrat an allen Idealen des Punk oder ihre perfekte, neuzeitliche Erfüllung, je nach Standpunkt. Ab sofort sind alle Folgen auf der deutschen Version der Plattform zu sehen, und obwohl "Pistol" sicher nicht in den Serienkanon aufsteigen wird, ist es mindestens einer der kurzweiligsten Neustarts der letzten Zeit.

Wobei hier im Anglistiktutoren-Duktus hinzugefügt werden muss: Man sollte "Pistol" unbedingt mit englischem Originalton sehen. Nur so wird klar, welche Welten sich in dieser Geschichte treffen und in rund sechs Stunden den Punk erst auf die Welt und dann gleich wieder ins Grab bringen. Dann hört man den Straßenslang der Westlondoner Jungkriminellen wie Steve Jones, dem Gitarristen, dessen 2017 erschienene Autobiografie die Grundlage fürs Drehbuch war. Und im Kontrast die gestelzte, mit gezielten viktorianischen Sprengseln durchsetzte Kulturschocksprache von Manager McLaren und Sänger Johnny Rotten, die sich mitten in der wilden Bierparty als Strippenzieher und Dichter gerieren.

"Uns geht es nicht um Musik", sagt die Jones-Figur einem Reporter, "uns geht es um Chaos"

Die oft bemüht wirkende Suche nach starken Frauenfiguren bereitet hier keine Probleme, denn es gab sie im Überfluss: die politisch hochmotivierte Designerin Vivienne Westwood, in deren Boutique die Band zusammenkam. Dazu die im Pistols-Dunstkreis agierenden Musikerinnen Chrissie Hynde und Siouxsie Sioux, denen wesentlich nachhaltigere Karrieren gelangen, sowie das Punk-It-Girl Pamela "Jordan" Rooke, die hier in einer großartigen Szene - gespielt von "Game Of Thrones"-Star Maisie Williams - im durchsichtigen Plastikleid wie eine Außerirdische die Strandpromenade entlangradelt.

Serie "Pistol": Wie eine Außerirdische: Maisie Williams als Jordan.

Wie eine Außerirdische: Maisie Williams als Jordan.

(Foto: Miya Mizuno/FX)

Mit der Entscheidung, die hochumstrittene Historie rein aus der Sicht von Gitarrist Jones zu erzählen, weicht Regisseur Boyle jedoch einer interessanten Aufgabenstellung aus. Was genau die komplexe chemische Reaktion ausmachte, aus der nicht nur eine kurzlebige, komödientaugliche Rockband entstand, sondern eine international vernetzte Bewegung, deren Ausläufer heute in der hinterletzten Kunstdisziplin zu spüren sind - damit befasst sich die Serie gar nicht erst. "Uns geht es nicht um Musik", sagt die Jones-Figur einmal einem Reporter, "uns geht es um Chaos", tiefsinniger wird es nicht.

Dass Punk in London 1976 wohl wirklich erst mal mehr wie eine aus dem Ruder gelaufene Teenagerparty aussah, mag sein. Aber hier ist es eine typische Nebenwirkung der vielen Musik-Biopics, die nach dem olympischen Erfolg des Queen-Films "Bohemian Rhapsody" bald noch anstehen: Die Mythen, die den wahren Gehalt und die Magie des Pop ausmachen, werden in ihnen meist totbiografiert, mit ganz wenigen Ausnahmen. Auch Danny Boyle scheitert in dieser Hinsicht. Das herrliche, urbritisch groteske Theater, das er stattdessen aus seinem Stoff zimmert, ist trotzdem ein manchmal fast ein bisschen anarchischer Spaß.

Pistol, bei Disney +

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